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Machen manche Biersorten mehr Kopfweh als andere?

Oder ist es nur leichter, dem Bier die Schuld am Kater zu geben?
Von Christian Helten
trinkolumne kopfwehmyth
Ilustration: Federico Delfrati

Die Alkolumne handelt vom Trinken. Von den schönen und schlechten Seiten dieses Zeitvertreibs und den kleinen Beobachtungen und Phänomenen an der Bar. Aber egal, worum es grade geht, lieber Leser – bitte immer dran denken: Ist ungesund und kann gefährlich sein, dieser Alkohol.

Im Leben jedes Biertrinkers ereignet sich irgendwann diese Szene: Einkauf für WG-Party, man steht im Super- oder Getränkemarkt vor Bierkästenreihen. Man könnte jetzt das Bier kaufen, das man selbst gerne trinkt und das vermutlich auch die meisten Gäste mögen. Die Summe X im Geldbeutel lässt den Kauf von Y Kästen zu. Und jetzt kommt das Problem, das einen vor eine schwierige Entscheidung stellt: Es gibt nämlich auch eine Biersorte, die bei gleichem Betrag X den Kauf von etwa doppelt so vielen Kästen zulässt. Ein Kasten Oettinger-Hell kostet um die 6,80 Euro. Ein Kasten Augustiner 15,80.

Jetzt muss man also wählen: Das teure und vermeintlich bessere Bier kaufen und riskieren, dass es vielleicht um ein Uhr ausgeht? Oder lieber genug Vorräte haben, dafür aber auch unzufriedene  Gäste, die sich über das „Kopfwehbier“ beschweren?

Denn das werden sie garantiert tun. Der Glaube daran, dass manche Biersorten mehr Schädelschmerz verursachen als andere, ist weit verbreitet. Oettinger oder auch die Ost-Variante Sternburg werden ihren Ruf als Kopfwehbier nie wieder los werden. Etwas so Billiges kann ja nicht genauso gut sein wie etwas viel Teureres; so denkt der Mensch nun mal. Oder er erinnert sich daran, dass billiger Schnaps ja tatsächlich weniger aufwendig produziert ist und deshalb Fuselstoffe und Begleitalkohole enthält, die mehr Kater verursachen. Und dann überträgt er dieses Wissen einfach auf Bier.

Ich kenne aber auch Leute, die sogar bei Bieren im selben Preissegment Kopfweh-Unterschiede feststellen. Diese Leute fragen an der Bar vor dem Bestellen, was für ein Bier denn ausgeschenkt werde. Sie lehnen mit schon leicht schmerzverzerrtem Gesicht ab, wenn der Barkeeper ihre Kopfwehsorte nennt und bestellen lieber ein Becks, obwohl sie das eigentlich nicht so gerne mögen. Ich habe Münchner Freunde, die sich zum Wohle ihres Kopfs vom Tegernseer Bier fernhalten. Andere würden nie ein Löwenbräu anrühren, weil sie sich dann ja gleich mit einem Vorschlaghammer auf den Schädel schlagen könnten.

Leider muss ich all diesen Menschen jetzt sagen: alles Bullshit. Das Kopfwehbier ist nichts als ein Mythos.

„Es gibt keine Inhaltsstoffe, die nur in bestimmten Bieren drin sind und die Kopfweh verursachen könnten“, sagt Holger Hahn, Diplom-Biersommelier (ja, das gibt’s wirklich!) und Geschäftsführer der deutschen Bierakademie. „Das Phänomen Kopfwehbier hängt von der Psyche ab. Manche glauben einfach, ein Problem mit der Marke zu haben, zum Beispiel mit Billigbier. Oder die Augustiner-Fans meinen halt, dass das Tegernseer mehr Kopfweh macht.“

Trotzdem wird Hahn bei seinen Verkostungen und Veranstaltungen immer wieder nach dem „Kopfwehfaktor“ gefragt. Er rät den Leuten dann, den Grund lieber bei sich selbst zu suchen. Denn die Umstände beim Trinken entscheiden über den Zustand des Trinkers am nächsten Tag. Kopfweh bekommt man vor allem, wenn man zu wenig (antialkoholische) Flüssigkeit zu sich genommen hat.

Vielleicht liegt genau darin der Grund dafür, dass sich der Schädel-Mythos so hartnäckig hält: Es ist nun mal deutlich einfacher, dem Getränk die Schuld zu geben als sich selbst. Der Mensch erfindet gerne Ausreden für seinen Kater, um andere und sich selbst darüber hinwegzutäuschen, dass es ungesund ist, sich an einem Abend mehrere Liter Bier hinter die Binde zu kippen.

Außerdem ist Biertrinken natürlich längst auch Glaubenssache und Distinktionsmerkmal. Bier ist Kulturgut, vor allem in Deutschland. Regionalpatrioten definieren sich über das Bier ihrer Heimat, selbst der Volkstümelei unverdächtige Großstadt-Coolmenschen schwärmen vom Craftbier ihrer kleinen Hinterhofbrauereien. Und in solchen Narrativen kommt das Kopfweh, das die jeweils anderen Biere angeblich verursachen, sehr gelegen.

Insofern: Tut mir leid, liebe unter Kopfweh leidende Biertrinker. Jetzt habe ich eure Illusionen und Ausreden zerstört. Aber seid mir nicht böse, sondern seht es einfach mal so: Beim nächsten Mal im Getränkemarkt vor der WG-Party könnt ihr ruhig zum Billigbier greifen und euren Gästen gehen die Getränke nie aus.

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