trinkolumne maennliche getraenke
Illustration: Federico Dalfrati

In München war neulich wieder Oktoberfest. Keine Veranstaltung, die bekannt dafür ist, dass dort die Gleichberechtigung und das Ende der traditionellen Geschlechterrollen gefeiert werden. Die Masse teilt sich in Miederblusen auf der einen und Wadenwärmer auf der anderen Seite und es gibt regelmäßig Meldungen über Frauen, die begrapscht wurden, und Männer, die sich gegenseitig mit Maßkrügen beworfen haben. Wenn die Krüge nicht zum Werfen verwendet werden, sind sie allerdings dafür zuständig, dass in einem Punkt doch Gleichberechtigung herrscht: Die Miederblusen sitzen genauso vor ihrer Maß wie die Wadenwärmer. Alle saufen Festbier, bis sie sich gegenseitig doppelt sehen. 

Aber auch da gibt es einen Unterschied: Dass die Männer eine Maß nach der anderen saufen, wird einfach hingenommen. Als Frau hingegen kann man auf dem Oktoberfest gut beobachten, wie viel Eindruck man schindet, wenn man viel trinkt und viel verträgt. Denn bestellt man die nächste Maß, ruft einer der Männer am Tisch garantiert: „Jawoll!“. Und diese Szenerie ist gleichzeitig sexistisch und emanzipatorisch: Zum einen Lob für die Frau, die was „Männliches“ tut, zum anderen die uneingeschränkte Möglichkeit für die Frau, etwas „Männliches“ zu tun. Und weil das so verwirrend ist, weiß man gar nicht so recht, was man davon halten soll.

Der Ursprung des Ganzen ist die Rollenverteilung von Alkoholika: Es gibt „Männergetränke“ und es gibt „Frauengetränke“. Bier ist ein Männergetränk. Wahrscheinlich, weil es meist in sehr großen Gefäßen daherkommt und ein eher grobes und auch ein bisschen stinkiges Getränk ist. Harter Alkohol wird ebenfalls eher Männern zugeordnet, vom altmodischen Obstler bis zum ebenfalls altmodischen, aber jetzt von jungen Männern neu entdeckten Whisky. Für Frauen bleibt alles, was eher frisch (Weißwein, Sekt) oder gar süß (Spritz, Hugo, Cosmopolitan) ist und in Gläser gegossen wird, die dünnwandig und langstielig sind. 

Jaja, ich weiß schon, das ist schlimmstes Klischee, aber genau darum geht es ja! Klar gab es auch schon immer biersaufende Frauen und weißweinschlürfende Männer. Aber trotzdem hat doch jeder von uns schon mal erlebt, dass ein Mann große Augen gemacht und anerkennend genickt hat, wenn eine Frau ein Glas Whisky bestellt hat. Aus irgendeinem Grund stecken die traditionellen Geschlechterrollen beim Alkohol sehr, sehr tief in uns drin, tiefer als beim Essen und fast genauso tief wie bei der Kleidung. 

Wenn ein Mann es nun toll findet, dass eine Frau harten Alkohol oder drei Bier einem Glas Spritz vorzieht, dann ist das einerseits ja irgendwie nett. Es ist so, als würden die Männer sagen: „Mensch, toll, dass du nicht so eine Klischee-Frau bist, die nur so süßes Zeug schlürft und dann dumm kichert!“ Quasi ein Mutmacher für die  Alkohol-Emanzipation, ein aufmunterndes „richtig so, weiter so, ich unterstütze das!“ Andererseits fühlt es sich aber auch völlig falsch an, von Männern dafür gelobt oder bewundert zu werden, wenn man etwas tut, was einem Rollenklischee widerspricht. Als müssten sie das erst gutheißen, damit es wahr und richtig wird. 

Die Frau wird von den Männern ernst genommen, weil sie etwas macht, das typischerweise Männer machen

Ein „voll cool, dass du Whisky trinkst“ versetzt mich darum gedanklich leider in folgende  (frei erfundene) Westernszene: Eine junge Dame bedient im Saloon die besoffenen Cowboys. Einer will sie anfassen und sie schlägt ihm fest auf die Finger, stellt ihr Bein auf die Bank und zeigt dem Typen, dass sie einen Revolver im Strumpfband hat. Dann nimmt sie sich sein Glas, kippt den Fusel runter, knallt es auf den Tisch und geht wortlos zurück hinter die Theke. Und einer der Rotnasigen am Tisch flüstert dem Nebenmann ins Ohr: „Pass bloß auf, die hat Old Jim schon mal unter den Tisch getrunken!“ Heißt: Die Frau ist stark, die Frau kann sich durchsetzen, die Frau wird von den Männern ernst genommen und bewundert. Und warum? Weil sie das macht, was typischerweise die Männer in ihrem Umfeld machen: Waffen tragen, Schnaps saufen, andere unter den Tisch trinken. Und das macht sie nicht, weil sie Bock drauf hat, sondern weil ihr sonst jemand an den Hintern fasst.

Eine Frau, die im Jahr 2017 auf dem Oktoberfest eine dritte Maß oder an der Bar einen Whisky bestellt, macht das wahrscheinlich nicht, um keine Angst vor den sie umgebenden Männern haben zu müssen. Sondern sie macht es, weil sie Lust auf ein Bier oder einen Whisky hat. Aber die Männer, die sie dafür bewundern, haben trotzdem einen ähnlichen Respekt vor ihr wie die Saloon-Cowboys vor ihrer Saloon-Frau. Weil auch bei diesen Nicht-Cowboys aus dem 21. Jahrhundert anscheinend das „eine Frau macht was, was sonst nur Männer machen“-Alarmglöckchen klingelt und Respekt auslöst. Was erstmal positiv klingt. Wie unfair es eigentlich ist, merkt man, wenn man das Ganze umdreht: Ein Mann, der einen Spritz bestellt (oder wie JD aus „Scrubs“ einen „Appletini“), der bekommt mit Sicherheit einen blöden Spruch gedrückt. Der verliert an Respekt. Weil er als Mann etwas macht, was sonst meist Frauen machen, und das darum weniger wert ist. 

Ich kann die Gedanken, die viele nach der Lektüre dieses Textes haben werden, vorwegnehmen: „Die Olle soll mal die Klappe halten und halt saufen, was sie saufen will, da kräht nämlich kein Hahn nach!“ Und ja, es gibt weiß Gott Schlimmeres als Männer, die einem anerkennend auf die Schulter klopfen, weil man völlig stramm ist. Aber trotzdem: Wenn man Gleichberechtigung will, hilft es halt, seine eigenen Handlungsmuster zu hinterfragen. Sich also zum Beispiel zu fragen, warum man es so wahnsinnig cool findet, wenn eine kleine Frau einen großen Maßkrug austrinkt. Und ob das eventuell so ist, weil man es ihr nicht zugetraut hätte. Und ob man es ihr eventuell nicht zugetraut hätte, weil sie was ist? Ja, genau: eine Frau. 

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