Was macht es mit uns, in einer Schlange zu stehen?

Unsere Autorin hat sich angestellt – und gelernt, dass eine Warteschlange manchmal ein soziales Event ist.
Von Nadja Schlüter
schlangestehen jetzt
Illustration: Lucia Götz

Drei Plätze vor mir streitet ein Paar. Ich kann nicht verstehen, worüber, aber er legt ihr die Hand auf die Schulter und sie schaut mürrisch und dreht den Kopf weg. „Vielleicht haben sie hier endlich mal wieder Zeit zu reden“, denke ich. Es ist kurz nach sieben an einem Freitagmorgen, in einer halben Stunde öffnet das Bürgerbüro am Münchner Ostbahnhof und ich stehe in einer Warteschlange, die jetzt schon von der Tür aus ein Mal um die Ecke, am Lidl vorbei und fast bis zum Bahnhofsgebäude führt. Denn wer früh genug vor der Tür ansteht, ist drin schneller fertig.

Wir stehen eigentlich dauernd in Warteschlangen: an der Supermarktkasse kurz vor Ladenschluss, an warmen Wochenenden vorm Freibad, im Kino, am Ticket- oder Geldautomaten, in der Kantine, vor der Toilette, bei McDonald’s, beim Bäcker, vorm Club. Manchmal erkennt man an einer Warteschlange, was gerade besonders begehrt ist, zum Beispiel, wenn Menschen vorm Apple-Store anstehen. Oder man erkennt an ihr, dass etwas Mangelware oder existenziell wichtig ist, wie etwa an den Menschenschlangen vor Apotheken in Griechenland, Supermärkten in Venezuela oder dem Lageso in Berlin.  

Aber warum machen wir das eigentlich? Wo und warum ist das Schlangestehen entstanden? Ist es eine typisch menschliche Eigenschaft oder soziale Prägung? Und was macht es mit uns, wartend hintereinander zu stehen? Verbindet es uns mit den anderen in der Schlange oder vereinzelt es uns sogar? Um diese Fragen zu beantworten, habe ich nicht nur in der Bürgerbüro-Schlange und einer weiteren angestanden, sondern auch mit Dr. Andreas Göttlich gesprochen.

Göttlich ist Soziologe an der Universität Konstanz und erforscht das Warten. Man vermute, sagt er, dass die Warteschlange in England entstanden sei. Das klingt logisch, Schlangestehen ist immerhin ein britisches Klischee. „Auf jeden Fall kommt es aus einer egalitären Gesellschaftsform, denn das Grundprinzip der Schlange ist, dass Geschlecht, Religion oder sozialer Status keinen Einfluss darauf haben, wann ich drankomme“, sagt Göttlich. Die Schlange macht uns also alle gleich. „Dabei ist diese Form des Wartens nicht besonders intuitiv. Aus reinem Zweck-Interesse oder Eigennutz stellt sich niemand an, sondern man würde versuchen, vor allen anderen an die Reihe zu kommen. Da steckt also auf jeden Fall eine soziale Prägung dahinter.“ 

Wenn ich die Schlange vorm Bürgerbüro von Weitem betrachte, macht sie die Menschen insofern gleich, dass sie in meiner Wahrnehmung verschmelzen. Müsste ich beschreiben, was ich sehe, würde ich sagen: „Da ist eine lange Schlange.“ Nicht: „Da warten viele Menschen.“ Sie werden zu einem Körper, der anderen Körpern im Weg ist: Wer die Straße überquert und zum Supermarkt will, der muss sich da erstmal irgendwie durchdrängeln.

Stehe ich selbst in der Schlange, fühle ich mich allerdings nicht so sehr als Teil eines großen Ganzen. Jeder ist mit sich selbst beschäftigt. Das Paar streitet. Eine Frau füllt im Stehen ein Formular aus. Ein Mann im Anzug frühstückt eine Butterbreze. Eine junge Frau mit einem Nummernschild unterm Arm wischt auf ihrem Handy rum. Der Mann vor mir mit Lederrucksack liest ein Buch. „Die gucken alle auf irgendwas, was sie in der Hand halten, um sich nicht in die Augen schauen zu müssen“, sagt auch der Türsteher, als ich ihn frage, was die Menschen in der Schlange für gewöhnlich machen. Das müssten sie zwar sowieso nicht, immerhin stehen sie ja hintereinander. Aber er hat schon Recht, niemand hier wendet sich dem anderen zu. Nicht mal das streitende Paar. 

Gemeinsam in einer Schlange zu stehen verbindet nicht automatisch. Alle warten zwar auf das Gleiche, aber es gibt trotzdem kein gemeinsames Ziel. „Die allgemeine Solidarität in einer Schlange ist nicht besonders groß“, sagt auch Andreas Göttlich. „Es ist eher eine Zweck-Nutzen-Kalkulation: Die Regel muss mir nutzen, damit ich mich an sie halte.“ 

Im Gegensatz zur Bürgerbüro-Schlange wenden sich die Menschen in der Tafel-Schlange einander zu

Die einzige Solidarität, die in der Schlange wirklich verlangt wird, ist die, den eigenen Platz zu akzeptieren. Wer besonders solidarisch ist, lässt jemanden vor, zum Beispiel eine Person mit vielen Einkäufen eine mit wenigen. Und wer besonders unsolidarisch ist, begeht die Todsünde der Wartenden: Er drängelt sich vor. Meistens kostet so ein Drängler die anderen bloß ein paar Minuten Lebenszeit, trotzdem empfinden sie es als riesigen Affront. „Es geht darum, dass man nicht gefragt wurde und der eigene Status angegriffen wird“, sagt Andreas Göttlich. „Jemand wird sozial degradiert, weil jemand anders sich selbst wichtiger nimmt als sie oder ihn.“

Das bestätigt auch Axel Schweiger: „Vordrängeln ist unsozial. Wir sind da sehr rigide, sonst sorgt das für Konflikte unter unseren Gästen.“ Schweiger, mit grauem Bart und Lachfältchen, ist ehrenamtlicher Mitarbeiter der Münchner Tafel, die Lebensmittel an Menschen in Armut verteilt. Ich besuche die Ausgabestation an der Münchner Großmarkthalle – nach der alltäglichen Schlange vorm Bürgerbüro also eine existenzielle Schlange. Schweiger erklärt mir das Warte-System der Tafel: Jede der rund 300 Personen, die derzeit berechtigt sind, das Angebot hier in Anspruch zu nehmen, hat einen Ausweis mit einer Nummer darauf. Jede Woche beginnt die Ausgabe mit einer anderen Nummer, sie wandert in Dreißiger-Schritten nach vorne. Wenn in einer Woche die Nummer 1 ganz vorne in der Schlange stehen darf, ist in der kommenden Woche die Nummer 31 als erstes dran. Statt des typischen Schlange-Prinzips „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“ gibt es hier also für jeden einen festen Platz, und man kann sich ungefähr ausrechnen, wann man dran sein wird.

Obwohl das so ist und obwohl die Ausgabe erst um 13:30 Uhr beginnt, ist schon um eins relativ viel Betrieb vorm Tor. Als es losgeht, ist die Schlange im Hof sehr lang. Und im Gegensatz zur Bürgerbüro-Schlange wenden sich die Menschen hier einander zu: Sie stehen in Gruppen zusammen und plaudern, zeigen sich Fotos auf ihren Handys, zwei Frauen lesen gemeinsam in einer Zeitschrift. Ich sehe einen Mann mit Kopfhörern, der sich abschottet, ansonsten herrscht eine eher lebhafte und freundliche Atmosphäre. „Zwei Drittel der Menschen, die herkommen, sind alt, krank oder alleinerziehend“, sagt Axel Schweiger. „Viele von ihnen vereinsamen. Der Besuch der Tafel ist für sie darum auch ein soziales Event.“

Anna zum Beispiel spricht hier regelmäßig mit einer älteren Frau. Anna ist 34 und kommt seit zwei Monaten zur Tafel, um Nahrungsmittel für sich und ihren vierjährigen Sohn abzuholen. Sie ist alleinerziehend  und derzeit arbeitslos. Ursprünglich stammt sie aus der Ukraine – ebenso wie die Frau, die sie hier immer trifft. Die beiden freuen sich, in ihrer Muttersprache miteinander reden zu können. Axel Schweiger stellt mich außerdem Michaela vor, die schon seit zwei Jahren regelmäßig herkommt. Sie ist Mitte 60 und so etwas wie die gute Seele der Tafel, immer wieder sammelt sie privat Sachspenden für andere Gäste. Und jeder kennt sie: Ein Mitarbeiter kommt vorbei und schäkert mit ihr, eine andere Mitarbeiterin sagt: „Wir müssen mal wieder einen Kaffee trinken gehen!“

Natürlich gilt das nicht für alle, aber viele nutzen die Wartezeit an der Tafel dafür, sich kennenzulernen und auszutauschen. Soziologe Andreas Göttlich sagt, dass dies nach der Definition einiger seiner Kollegen eigentlich gar kein richtiges Warten mehr sei: „Warten bedeutet für sie, dass ich nur dasitze oder -stehe und mit den Gedanken die ganze Zeit beim Warteziel bin.“ So gesehen sorgen zum Beispiel unsere Smartphones dafür, dass wir gar nicht mehr warten müssen: Früher waren wir dabei an einen bestimmten Ort gebunden, der bestimmte Tätigkeiten nicht zugelassen hat. Heute können wir währenddessen Artikel lesen, Whatsapp-Nachrichten schreiben oder etwas bestellen. Göttlich selbst findet allerdings, dass gerade diese Zwischenbeschäftigungen zum Warten dazugehören. „So verwenden wir es ja auch im Sprachgebrauch“, sagt er. Denn auch, wenn wir in der Schlange telefonieren oder ein Buch bestellen, nennen wir die Situation immer noch „warten“. 

Beim Luxus-Schlangestehen geht es um soziale Distinktion. Man zeigt, dass man Zeit, Geld und einen guten Geschmack hat

Das Warten an sich, sagt Göttlich, könne man völlig unterschiedlich definieren: als eine Zeitspanne, eine Handlung, einen psychologischen Zustand, eine Emotion. Aber das sei eine rein theoretische Frage. Im praktischen Alltag unterscheiden sich die  verschiedenen Wartesituationen für uns vor allem durch das Warteziel. Am Bürgerbüro und der Tafel stehen die Menschen an, weil sie müssen, weil sie einen neuen Personalausweis oder etwas zu essen brauchen. Aber viele stellen sich auch freiwillig in elendig lange Schlangen. In einem Stadtmagazin aus Washington erschien im Mai ein Artikel darüber, dass sich die wohlhabenden Einwohner der Stadt seit einigen Jahren gerne vor beliebten Restaurants anstellen. Der Platz in der Warteschlange sei ein Zeichen, dass man zu den „cool kids“ gehöre – im Gegensatz zu früher, als Schlangestehen in den USA als Zeichen für Mangel galt. Als etwas, das man in der Sowjetunion macht, aber nicht im Land der unbegrenzten Warenangebote.

Beim Luxus-Schlangestehen geht es also um soziale Distinktion: Abgrenzung von der Masse, weil man die Zeit, das Geld und den guten Geschmack hat, hier auf einen Tisch zu warten. Die Laune ist dabei prächtig, denn alle freuen sich auf das Warteziel, das ja kein Stempel vom Amt ist, sondern Eggs Benedict mit Avocado. Und die lange Wartezeit veredelt das Essen sogar noch. 

Für diese Veredelung gibt es einen Begriff in der Psychologie: kognitive Dissonanzreduktion. „Wenn ich für etwas lange angestanden habe, dann muss ich diese Wartezeit vor mir selbst rechtfertigen und das Ergebnis besonders wertschätzen. Sonst müsste ich mir ja eingestehen, dass ich Zeit verschwendet habe“, sagt Andreas Göttlich. Wie wichtig dieser Faktor ist, kann man an Tripadvisor-Bewertungen für besonders beliebte Orte sehen, in denen die Wartezeit oft das Maß ist, an dem die Qualität gemessen wird. Ein typisches Sommer-Beispiel ist etwa die Eisdiele Greissler im Wiener Stadtzentrum: Da reichen die Beurteilungen von „das Warten lohnt sich auf alle Fälle“ bis zu „die Wartezeit ist es nicht wirklich wert“. 

Michaela, die Frau aus der Tafel-Schlange, frage ich nach Tipps, wie man das regelmäßige, lange Anstehen gut hinter sich bringt. Manchmal sei es schon anstrengend, sagt sie, vor allem im Winter. Aber eigentlich müsse man nur geduldig sein. Dann zeigt sie auf die Füße einer Frau weiter vorne in der Schlange und macht große Augen: „Guck mal, die trägt High Heels! Mit High Heels in der Warteschlange, das ist doch verrückt!“ Vermutlich braucht man fürs Schlangestehen also bloß drei Dinge: Geduld, bequeme Schuhe – und ein soziales Gewissen.

Und falls du wissen möchtest, wer demnächst sicher mit dir in der Schlange stehen wird:

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