Stadtmarathon-Läufer vs. Autofahrer

Hund und Katz, Noel und Liam, Anwohner und Draußenfeierer: klar. Die hassen einander von Berufs wegen. Aber es gibt schönere, subtilere Feindschaften. Heute: Stadtmarathon-Läufer und Autofahrer.
jakob-biazza
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Illustration: Julia Schubert

Die Situation:

Ein Sonntag. Zeit für Familienbesuche also – und damit für eine wenigstens 30-minütige Autofahrt aufs Land (1 Stunde 40 Minuten mit den öffentlichen Verkehrsmitteln). Den Lokalteil wieder nicht gelesen und – zack: Polizeisperre. Einsatzwagen, Beamte in Uniform, rot-weiß-gestreiftes Absperrband! Schaulustige reihen sich schon auf. Banküberfall? Mordszene? Präsidentenbesuch? Stadtmarathon! Das Teilnehmerfeld: kilometerlang. Die Polizisten: ahnungslos, schließlich sind sie der Großveranstaltung wegen aus Bamberg herbeordert worden und kennen sich in München (zum Beispiel jetzt) „nicht soooo gut aus“.  

Gegenschuss: Kilometer 23, die ersten ernstzunehmenden Schmerzen stellen sich ein. Der Körper ist noch nicht im endorphin-vernebelten Automodus, die Brustwarzen (trotz Warnungen nicht abgeklebt) brennen, die Muskeln fühlen sich an, als seien sie mit Batteriesäure aufgefüllt. Für die nächste Stunde hält nur eiserner Wille den Körper in Bewegung. Und dann auch noch das: Am Straßenrand steht ein Autofahrer, der durchs geöffnete Fenster halb an einen Polizisten halb an die Teilnehmer gerichtet Obszönitäten geifert: „Freizeit-Faschismus“, es könne doch wohl nicht sein, dass er ... und dann auch noch mit seinen Steuergeldern ... diese „geisteskranken Idioten“. Das Benzin bezahle ihm ja auch keiner. Und die Zeit!

Dort treffen sie aufeinander:

An allen neuralgischen Punkten der städtischen Verkehrsführungen. Ein Stadtmarathon, das hat wohl mit dem Selbstverständnis derartiger Veranstaltungen zu tun (und dem kompetitiven Verhältnis zu artverwandten Events in anderen Städten), will immer auch die besondere Schönheit der Stadt abbilden, die Sehenswürdigkeiten und markanten Orte: „New York macht das ja auch so!“ Die Strecke geht also immer durch die ganze Stadt. Der Showdown ist damit auch fast immer quasi direkt vor der Haustür des Autofahrers – was sowohl bei Ankunft als auch bei Abfahrt eine besondere Verschärfung mit sich bringt.

Darum hassen diese beiden einander:

Es geht, da lässt sich wunderbar aus „Ma Place“ von den Goldenen Zitronen zitieren, „um den Platz. Es geht immer um Platz. Es geht immer und überall um den Platz. Der Kampf um den Platz.“ Autofahrer halten Straßen für ihr angestammtes Biotop – womit sie einen unbestreitbaren Punkt machen. In Parks dürfen sie ja nicht. Andererseits: Autos verpesten die Luft und machen die Umwelt kaputt. Lebensraum also, der ihretwegen weniger lebenswert wird. Zusammen mit „Sport macht Deutschland fit“- und „Sport hält unsere Jugend sauber“-Argumenten ergibt sich auf Seiten der Läufer ein moralisches Gewicht, das selbst von den oft viel zu kurzen Hosen nicht konterkariert wird. Bürgermeister mögen das mit der Lauferei außerdem auch sehr gerne (siehe oben).

Das ist die besondere Schönheit dieses Konflikts:

Wer seine Natur begreift - das gierige Bedürfnis nach Territorium, die Empörung über den Eingriff ins eigene Gebiet, das Gefühl, belagert zu werden -, der begreift auch die Psychologie von Staaten und mit ihr von Kriegen, Grenzschutz und rigider Flüchtlingspolitik in ihrer ganzen Widerlichkeit. Zugegeben: Besonders schön ist das nicht. Aber lehrreich.

Das können wir von ihnen lernen:

Wenig. Höchstens das: Eine Roadmap kann helfen, zum Frieden führt aber auch sie nicht unbedingt.

Text: jakob-biazza - Fotos: Reuters, dpa

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