"Einer der Gedanken in meinem Kopf: Wir sind angekommen. Mitten im Terror"

Foto: Sven Hoppe/dpa

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Freitagabend. München im Sommer. Es soll noch gewittern. Meine Freundin und ich wollen den Wochenendeinkauf erledigen. Es ist kurz vor 18 Uhr, wir wühlen uns durch den Berufsverkehr auf dem Frankfurter Ring. Schon an der Lerchenauerstraße sehen wir große Hektik am Polizeirevier: Polizisten rennen im Vollsprint vom Gebäude zu den Autos und zurück, laden merkwürdige, schwarze Dinge in die Busse. Mein erster Gedanke: „Warum laufen die hin und her?“ 

Kurz darauf überholen uns drei große Feuerwehrautos und zwei Polizeiwagen in Zivil. Sie kämpfen sich durch den stehenden Verkehr, wechseln dann auf die vielbefahrene, dreispurige Gegenrichtung. Wie im Actionfilm. „Wo wollen die hin? Da scheint es ja richtig zu brennen.“  Wir fahren weiter. Immer mehr Sirenen. Aus allen Richtungen. Blaulicht kurz vor uns auf der Kreuzung. Ein Verkehrsunfall? Wir ärgern uns. Das kostet Zeit. Es ist fast Wochenende.

Kurz darauf schiebt sich ein weiterer Polizei-Bus an uns vorbei. Darin sechs Beamte, allesamt in schusssicheren Westen. Das also haben die Beamten noch einladen müssen. Das erste Mal, dass ich zusammenzucke. Schusssichere Westen? Bei der Polizei? Seltener Anblick in München.

Sie drehen direkt vor uns um, wo gerade die Feuerwehr die Linksabbiegerspur in die Hanauerstraße – den Tatort – sperrt, indem sie sich quer auf die Straße stellt. Die Feuerwehrmänner stehen alle geschlossen dahinter. Der Polizeibus stellt sich direkt in die nächste Parallelstraße. Auch quer. Die Polizisten mit den Kevlar-Westen springen heraus und verschanzen sich geduckt hinter ihrem Wagen. Nun wird mein Zucken zur echter Beunruhigung. Meine Freundin wundert sich über die Passanten. „Die sind alle sehr hektisch, wirken panisch! Was ist da los?“

In diesem Moment unterbricht das Radio sein bereits begonnenes Freitag-Abend-Partyprogramm. „Wir müssen den Mix unterbrechen für eine Sondermeldung: Es gab Schüsse im OEZ. Die Polizei sperrt ab, bitte umfahren Sie das Gebiet weiträumig.“

Das ist schwierig. Wir stecken ja mittendrin. Uns wird mulmig. Noch aber bleiben wir ruhig. Ich vertraue der Polizeisperre. Die werden das schon regeln. Ich zücke mein Handy, mache ein Foto der Sperre, poste es auf Twitter. Normalerweise nicht mein Medium, in solchen Fällen aber immer das schnellste. 

Auf einmal klopft es an der Scheibe. Ein sehr aufgebrachter Mann will, dass wir das Fenster öffnen. „Schüsse in die OEZ – ein Terrorist machen 30 Schüsse, 15 am Boden – tot! Fahren schnell!“, berichtet er in gebrochenem Deutsch. Dann geht er in schnellem Schritt weiter. 

Meine Freundin am Steuer wird hektisch. Dann fahren auf einmal alle weiter, wir sind innerhalb von 20 Sekunden auf der Umgehungsstraße, fahren erst mal ein paar hundert Meter. „Ok, wo kaufen wir nun ein?“, ist mein erster Gedanke. Wird schon alles gut sein. Der Verkehr ist normal für die Uhrzeit. Auf dem Weg überall Polizei, Sirenen. Alle Querstraßen sind gesperrt. Wir fahren zum nächsten Supermarkt. Mein Handy steht nicht mehr still. Mein Foto ist wohl das einzige zu diesem Zeitpunkt. 

Nachrichtensender aus der ganzen Welt melden sich, wollen das Bild nutzen, mit mir sprechen. Darunter CNN, BBC, NBC, aber auch ägyptische und russische Sender. Bis Mitternacht wird der Tweet 420 Mal auf der ganzen Welt geteilt, aus einer Handvoll Followern wurden mehr als 200. Ich habe zum ersten Mal die Macht von Twitter erlebt. Ich lasse die Nutzung zu.

Interviews will ich keine geben. Ich weiß zu diesem Zeitpunkt schließlich gar nichts. Doch das Ausmaß wird mir langsam bewusst. Die ganze Welt scheint nach München zu schauen. Meine Freundin liest neben mir am Handy nervös mit. Wir beide werden immer unruhiger. Wir laufen wie abwesend durch die Supermarktreihen, packen völlig planlos Sachen in den Wagen.

Das Handy macht weiter Alarm. Freunde und Familie melden sich, sehen meinen Tweet auf Nachrichtenportalen. Ich arbeite als Sportjournalist bei SAT.1, also trete ich mit unserem Partnersender n24 in Kontakt. Die schalten mich sofort live in die Sendung. Dabei hört man, was in der Sendung gesagt wird – das erste Mal, dass wir Nachrichten hören seit Beginn der Geschehnisse.

Wir sind angekommen. In der Wohnung. Aber auch mitten im Terror 

Was der Moderator erwähnt, ist fast alles neu für uns. Meine Freundin hat Tränen in den Augen. Ich schildere das Gesehene, versuche dabei nüchtern und ruhig zu bleiben – journalistische Gewohnheit. Jetzt ist endgültig bei uns angekommen, was passiert ist. Die Täter sind auf der Flucht – schnell nach Hause! Wir parken, ich schaue aufs Handy. Kriege per Whatsapp von Freunden die News, dass auch Stachus und Tollwood-Festival betroffen sein sollen. Letzteres liegt direkt bei uns um die Ecke, nur einen Kilometer entfernt das OEZ. Wir sind quasi genau in der Mitte. Jetzt kriegen wir Panik, packen unsere Sachen und laufen zur Wohnung. Einer der Gedanken in meinem Kopf: Wir sind angekommen. In der Wohnung. Aber auch mitten im Terror.

 

Terror, das bedeutet ja die Verbreitung von Angst und Schrecken. Ob nun mit religiösem Hintergrund oder nicht – die Täter waren erfolgreich.

 

Wir sitzen den ganzen Abend verängstigt vor dem Fernseher und schauen die live-Berichterstattung, haben nebenbei Whatsapp-Chats, Twitter-Feeds und Facebook offen. Bei jedem Fahrzeug mit Sirene und Blaulicht zucken wir zusammen – schauen dauernd besorgt aus dem Fenster hoch zum stundenlang über uns kreisenden Helikopter. Durch das Gebüsch meinen wir auf dem benachbarten Friedhof immer wieder Funken sprühende Leuchtstäbe zu sehen, ähnlich dem SOS-Signal auf Schiffen. Erst gegen Mitternacht verschwinden die Sirenen und der Helikopter. Äußerlich kehrt Ruhe ein. Innen jedoch rumort es weiter. Es war immer so weit entfernt. Paris, Brüssel, Nizza – selbst Würzburg schien sehr weit weg, wenn man den Fernseher anmachte.

 

Nun ist all das also hier. Was ich im Fernsehen sehe, passiert direkt vor meiner Haustüre.

 

Oft habe ich mich gefragt, wie ich in so einer Situation reagiere. Dachte, ich hätte eine kühlen Kopf. Nun weiß ich: Wenn der Terror einen erwischt, geht das nicht. Dann ist nichts mehr kühl.

 

Heute bleiben wir zu Hause. Das angekündigte Gewitter ist nicht gekommen. Aber morgen, morgen gehen wir wieder raus. Ganz sicher.

 

Anm. d. Red.: Dieser Text entstand in der Nacht zum Samstag, als die Polizei noch offiziell von einer "akuten Terrorlage" sprach und von mindestens drei Tätern ausging. Er soll die Gedanken, Gefühle und Eindrücke des Autors in diesen Stunden zeigen. Deshalb haben wir uns entschieden, ihn nicht zu verändern, obwohl die Beamten inzwischen von einem Einzeltäter und einem Amoklauf ausgehen.

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