"Mir wurde kalt, ich fühlte mich wie tiefgefroren"

Wie junge Schweden sich nach dem Anschlag in Stockholm fühlen.
Protokolle von Christian Helten und Valérie Müller
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Foto: Kenta Jönsson / dpa

Am Freitagnachmittag raste in Stockholm ein Lastwagen in eine Menschenmenge und dann in ein Kaufhaus. Nach Angaben der schwedischen Behörden wurden bei dem Anschlag vier Menschen getötet und 15 weitere Personen verletzt, darunter mehrere Kinder. Die Ermittler gehen von einem Terroranschlag aus, ein Festgenommener steht unter Terror- und Mordverdacht.

Solche Anschläge sollen jeden treffen. Sie sollen die Gesellschaft erschüttern, in Angst versetzen. Wir haben junge Stockholmer gefragt, wie sie sich am Tag nach dem Angriff fühlen.

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Elin Schedin.

Foto: privat

Elin Schedin, 25, arbeitet im Verkauf eines Interior-Design-Unternehmens: 

„Zur Zeit des Anschlags war ich bei der Arbeit, nur zwei Kilometer entfernt vom Anschlagsort. Mein Kollege war draußen unterwegs und als er zurückkam, erzählte er uns, dass viele Polizisten unterwegs sind. Ich habe gleich im Internet nachgeschaut und gelesen, dass es einen Terrorangriff gegeben haben soll. Das war nur zehn Minuten, nachdem es passiert war. Kurz danach sind etliche Polizei- und Krankenwägen an unserem Büro vorbeigefahren. Erst dann habe ich realisiert, dass das gerade wirklich passiert ist.

Man hört häufig von Anschlägen – das ist schlimm, die sind oft aber sehr weit weg. Dass dieser quasi vor meiner Nase stattgefunden hat, in meiner Heimatstadt, das hat mir richtig Angst gemacht.

Ich habe zuerst meinen Verlobten angerufen. Ich wusste, dass er gerade auf dem Heimweg von der Arbeit sein musste. Ich habe ihm gleich gesagt, er solle nicht die U-Bahn nehmen, sondern zu mir ins Büro kommen. Ich war mit dem Auto da. Dann habe ich meine Schwester angerufen, die auch in der Stadt war. Ihr ging es zum Glück gut – sie war nur eine Stunde vor dem Anschlag auf der Einkaufsstraße Drottninggatan unterwegs gewesen.

Ich selbst bin eher selten dort – seit dem letzten Anschlag 2010, der auch dort stattfand. Das ist einfach ein Ort, wo immer sehr viele Menschen sind – wo viele Geschäfte und Büros sind und viele U-Bahn-Linien sich kreuzen.

Eigentlich wollte ich am Freitag nach Malmö fliegen. Aber ich habe den Flug annuliert. Ich wollte nach der Sache irgendwie nicht an einem Flughafen sein. Deshalb habe ich das Auto genommen.

Ich bin also gerade nicht mehr in Stockholm, aber meine Freunde haben mir erzählt, dass die Stimmung in der Stadt nach dem Anschlag sehr ruhig und traurig war. Alle reden nur darüber.

Wenn der Anschlag uns Schweden Angst einjagen sollte, damit wir unsere Türen verschließen, dann ist das eindeutig fehlgeschlagen. Die Schweden waren sehr hilfsbereit. Über den Hashtag #openstockholm haben Menschen ihre Hilfe angeboten. Ich glaube, das wird uns stärker zusammenrücken lassen und das Wir-Gefühl steigern. Ich hoffe nur, dass der Anschlag die Einstellung der Schweden gegenüber Ausländern nicht negativ beeinflussen wird.“

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Tuna Özer.

Foto: privat

Tuna Özer, 27, Regisseur beim schwedischen Fernsehen: 

 „Ich war bei der Arbeit, als eine Kollegin plötzlich von dem Anschlag erzählte und den Live-Stream öffnete. Unser Gebäude ist selbst nur fünf Minuten mit dem Bus vom Anschlagsort entfernt. Ich hatte schon ein bisschen Angst, weil wir als schwedischer Fernsehsender ja durchaus auch ein Ziel sein könnten. Gleichzeitig dachte ich aber, dass ich da auch sicher war, weil das Gebäude einfach sehr gut gesichert ist.

                            

Ich wollte es zuerst nicht glauben. Vor allem nicht, dass es sich um einen Terroranschlag handelt. Das wird immer so schnell behauptet, deshalb war ich erst mal skeptisch. Aber ich habe mir natürlich auch Sorgen gemacht, ob jemand verletzt wurde oder schlimmer. Deshalb habe ich gleich meine Freundin und meine Familie angerufen und gefragt, ob sie alle in Sicherheit sind.

 

Meine Pläne für den Tag habe ich dann aber nicht geändert. Ich war mit meiner Freundin zum Pizzaessen verabredet und das haben wir auch gemacht. Ich fand es wichtig, mit Leuten zusammenzukommen und darüber zu reden und sich nicht zu Hause einzuschließen. Das Leben geht weiter.

 

Ich hatte auch den Eindruck, dass die Leute eher keine Angst hatten, sondern einfach nur traurig waren. Die Stadt war irgendwie sehr melancholisch. Aber ich glaube, die Schweden werden weiterhin ausgehen, so wie sie es immer tun.

 

Der Ort des Anschlags war wirklich mitten im Herzen der Stadt. Drottninggatan ist die belebteste Straße in Stockholm. Erst vor ein paar Tagen habe ich von einer Studie gelesen, die gemessen hat, dass jeden Tag etwa 70.000 Menschen diese Straße passieren.

 

Was sich jetzt meiner Meinung nach leider ändern wird, ist die Diskussionskultur. Man wird mehr über Einwanderer sprechen und Muslime werden wieder in den Fokus rücken. Auf politischer Ebene werden Themen wie Sicherheit und Überwachung wichtiger werden. Und die Schweden werden vielleicht ein wenig ihrer Naivität verlieren – ich glaube, viele dachten, dass so etwas in Schweden nicht passiert. Jetzt wissen wir, dass es überall passieren kann.“

Gustav Bennegård, 32, Comedian:

 

„Ich war zur Zeit des Anschlags zu Hause und habe an ein paar Sketchen gearbeitet. Plötzlich rief mich ein Freund an und fragte mich, ob es mir gut gehe. Ich wusste überhaupt nicht, was er meinte.

 

Als er mir erzählte, dass es einen Terrorangriff gegeben habe, wurde mir kalt. Ich fühlte mich wie tiefgefroren. Man wusste da noch nicht viel, der Anruf kam kurz nach dem Anschlag.

 

Eigentlich wollte ich nachmittags noch einkaufen. Aber ich hörte, dass die U-Bahn gesperrt war, und außerdem gab es viele Gerüchte über Schießereien an anderen Orten. Das verbreitete sich vor allem über Facebook: Jemand denkt, er hat etwas gehört oder gesehen, postet es und schon ist es überall. Aber wenn du zu Hause sitzt, weißt du natürlich nie genau, was los ist. Und dann denkt man gleich an die Anschläge von Paris – und bleibt eben zu Hause.

 

Heute war ich dann unterwegs. Ich hatte den Eindruck, dass die Menschen ziemlich gefasst und ruhig waren.

 

Ich kenne die Gegend rund um den Anschlagsort gut, man ist da eigentlich zwangsläufig oft unterwegs, wenn man Shoppen geht. Es ist da deswegen an einem Freitagnachmittag normalerweise auch ziemlich voll. Für ein paar Tage wird das jetzt vermutlich anders sein.

 

Ich glaube, der Anschlag wird sicher auch Auswirkungen auf die Stimmung in der schwedischen Gesellschaft haben. So etwas fordert die Menschen heraus und man wird sehen, wie Gesellschaft und Politik jetzt reagieren."

 

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