Die Angst vor der Beinfreiheit

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Es ist Zeit für heiße Hosen. Ob abgeschnittene Jeans, bunte Sporthosen oder auf Taille geschnittene Matrosenshorts – die Beine sind frei. Wenn die Temperaturen steigen, fällt die Meterware. Das Bein ist das Körperteil der Saison.

Was bleibt, ist die Unsicherheit. Denn wenn Quasi-Strand-Mode plötzlich in der Fußgängerzone funktioniert, können Trends zum Druckmittel werden. Die Werbevorbilder sind dünn, groß, glatt. Auch die fingerzeigenden Fotostrecken in den Klatschblättern helfen nicht mehr: Scarlett Johansson & Co. mit Cellulite am Po. Statt zu beruhigen, provozieren diese Bilder die Frage, wie man selbst von hinten aussieht: mit dem Rücken zum Spiegel, den Blick über die Schulter gebogen, schmerzt jeder Schatten.

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Illustration: Julia Schubert



Wie gern würde ich die Vermessung meiner selbst, die ständige Optimierung abstellen! Doch wahrscheinlich stand auch Tennisspielerin Runny Austin, die 1932 als erste Frau eine kurze Hose in der Öffentlichkeit trug, grübelnd vor ihrem Schrankkoffer. Und vielleicht zupften auch die Frauen in den Wilden Siebzigern ununterbrochen an ihren Hot Pants, die ihre Hintern nur eben so bedeckten. Doch mit den Jahren verschwanden nicht nur die heißen Hosen, sondern auch die Rundungen aus der Öffentlichkeit. Und in den Köpfen wurde aus „jeder wie er mag“ ein „jeder blamiert sich so gut er kann“.

So wird der morgendliche Gang zum Kleiderschrank zur Auto-Therapie-Stunde: Wie geht’s Dir heute? Hast Du gut geschlafen? Kannst Du heute mit den Blicken anderer umgehen? Möchtest Du im Seminar wirklich mit nackten Beinen am Stuhl festkleben? Hast Du noch Zeit, Dir die Beine zu rasieren? Ui, schon viel zu spät. Besser doch das Maxikleid. Mehr Busen, weniger Bein. Da kann man nicht so viel falsch machen.

Denn schlank sein reicht schon lang nicht mehr. Der Oberschenkelmuskel sollte trainiert sein. Also bitte beim Laufen nicht wackeln. Die Adern sollten auch verschwinden – was braucht der Mensch so viele von den blauen Dingern? Die Haare sowieso. Vor fast neun Jahren, ich machte grade den ersten Ausflug mit meiner amerikanischen Gastfamilie in den Supermarkt, Sommer, dreißig Grad, im asphaltierten Nirgendwo Ohios. Ich schwinge meine Beine aus dem Van, vor mir meine strahlende Gastschwester. Ich: „Why are you smiling?“ Sie: „Because you shave your legs.“ Ich: „?“ Sie: „It was my biggest fear that you might not shave. Since you are from Europe. You know? I heard so many horrible stories.“

Stellt sich die Frage, was hier der Horror ist. Das Bild, das wir uns von unserem eigenen Körper machen, ist nachhaltig geprägt von den Medien, die wir rezipieren und den Menschen, mit denen wir uns umgeben. Alles nichts Neues. Und doch immer wieder Anlass für verzweifelte Diäten, überteuerte Mitgliedschaften in schlecht ausgestatteten Fitness-Studios und Cremes in allen Farben und Formen. Die Tigermütter der Modeindustrie, die Chefredakteurinnen der Vogues, haben sich deshalb vor kurzem ein Alters- und Gesundheitsgebot auferlegt. Ob die Models, die Mode für erwachsene Frauen präsentieren, in Zukunft wirklich über 16 Jahre bleiben, ist abzuwarten. In erster Linie ist die Kampagne wohl gute PR.

Doch ein bisschen mehr Realismus würde auch mir gut tun. Vielleicht ist auch alles eine Frage der Gewöhnung. Neulich erzählte mir eine befreundete Fotografin, die für ihre Projekte oft ihre Freundinnen nackt fotografiert, von einer alten Bekannten. Schon lange hätte sie sie fotografieren wollen. Dabei hatten sie jahrelang kaum Kontakt. Nun war es soweit, die Freundin zog sich aus und präsentierte stolz ihr neues Ich: unrasiert. Und auch das Topmodel Carmen Kass liebt’s lässig. In der Arte-Serie „Vor der Show mit Isabel Marant“ fiel die französische Designerin fast vom Stuhl vor Lachen, als sie die behaarten Beine ihres Supermodels sah.

Das überpflegte Ich fordert Zeit und Mühe. Und keiner ist gern Außenseiter. Doch die neuen Shorts wollen ausgeführt werden. Da hilft nur Kopf hoch und Blick nach vorn.

Text: mareike-nieberding - Illustration: katharina-bitzl

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