Verhüllt und durchsichtig - passt das zusammen?

Auf den Laufstegen laufen verschleierte Frauen, gleichzeitig hüllen sich Mädchen gerne in durchsichtige Kleidung. Zwei gegensätzliche Trends, die eigentlich nicht zusammenpassen und doch das gleiche bezwecken.
mareike-nieberding

Wir sollen unser Innerstes nach Außen kehren. Die Frau soll transparent werden. Ob Chiffonblusen, Plastiktaschen oder Seidenhosen – Hauptsache, nicht blickdicht. Doch während am Körper Durchsicht herrscht, versperren Netz und Spitze den Frauen auf den Laufstegen von Jil Sander, Dolce & Gabbana und Dior den Blick. Durchsichtiges und Schleier, Transparenz und Verhüllung – zwei Trends im Gegensatz. Wie passt das zusammen?

Default Bild

Illustration: Julia Schubert



Wir sollen durchsichtig werden und uns gleichzeitig undurchsichtig machen; uns in gläserner Transparenz zeigen, obwohl uns selbst der Durchblick verstellt bleibt. Damit werden zwei Bekleidungstraditionen zusammengedacht, die scheinbar unvereinbar sind, und doch das Gleiche bezwecken: Sie verführen durch Verhüllung und zeigen alles außer die nackte Wahrheit.

Die Transparenz lebt von der stofflichen Grenze. Mal durch Unterwäsche verstärkt oder vom Innenfutter ausgetrickst, legt sich die durchsichtige Kleidung wie eine schützende Hülle um den Körper. Das Fleisch bleibt bedeckt und trotzdem wird alles sichtbar. Eine Art Als-Ob-Kleidung. So wird mehr gezeigt, aber nichts wirklich. Das Quasi-Bedeckte soll vielleicht einen Gegenpol bieten zu den immer tieferen Ausschnitten und den immer kürzeren Shorts, es soll etwas in der Schwebe lassen, durchs Geheimnis verführen. Entdeckt man auf der Wirbelsäule nur die Idee eines Leberflecks, funktioniert das sicherlich. Aber Lieblingsbonbons und Tampons will man sicher nicht mehr fröhlich durch die Tasche hüpfen lassen, wenn sie aus Plastik und damit für alle durchschaubar ist. Damit verlangt die Transparenz sogar noch mehr Disziplin als hohe Schlitze, kurze Röcke oder bauchfreie Tops. Denn es bleibt nichts verborgen.

Im Gegensatz dazu verdecken Netz und Spitze, was schon lange nicht mehr schamhaft ist – das Gesicht. Früher war der vernetzte Blick gleichzeitig Teil eines Spiels mit der Erotik des Halbseidenen sowie Bestandteil traditionellen Zeremoniells. Und während Marlene Dietrichs Blick durch das Netz vor ihren Augen an Intensität gewann, verwischten die Augen so mancher junger Braut auf dem Hochzeitsfoto hinter weißer Spitze.

Heute ist das Netz in Form eines Brautschleiers, auch unabhängig von religiösen Entscheidungen, aus den Hochzeitsfantasien vieler meiner Freundinnen genauso wenig wegzudenken wie Torte oder Party. Ist die Gleichberechtigung mittlerweile so selbstverständlich, dass ein benetztes Gesicht wirklich nur noch ein Netz im Gesicht ist, ein modisches Accessoire? Und nicht mehr der verschleierte Blick einer Tochter, die in wenigen Augenblicken von ihrem Vater an ihren zukünftigen Partner übergeben werden soll? Hat sich der Trend so weit von der Tradition entfernt, dass man ihn ohne Bedenken auch für den Gang zum Supermarkt tragen kann?

Ich will die Welt nicht durch ein Raster sehen. Und obwohl ein selbstbewusster Umgang wahrscheinlich jedes noch so bedeutungsschwere Kleidungsstück von Vorurteilen befreit, fühlt sich ein durchsichtiges Oberteil, kombiniert mit einem eingeschränkten Blick ein wenig an wie: „Zeig alles, was du hast. Dein Körper ist dein Kapital. Aber versteck deine Augen und damit so gut du kannst, wer du wirklich bist."

Auf einer Party trug eine Bekannte letztens ein Brautkleid mit großzügigem Tüllrock, den Reißverschluss nur bis zur Taille geschlossen, das Oberteil an den Seiten runterhängend, obenrum ein durchlöchertes Top. Vielleicht zählt letztendlich nur die Art und Weise, mit der man scheinbar schrecklich Traditionsbeladenes auf seinen eigenen Stil runterbricht. Vielleicht kann dann auch ein verstellter Blick Ausdruck von Selbstbewusstsein sein.

Man kann Mode so nebensächlich finden wie man will - irgendetwas muss man anziehen. Das ist manchmal gar nicht so einfach. Deshalb beschäftigen wir uns in dieser Kolumne einmal die Woche mit Zweifeln rund ums Anziehen. Hier findest du weitere Texte.

Text: mareike-nieberding - Illustration: katharina-bitzl

  • teilen
  • schließen