Welche Kleider soll man aufheben?

Man kann Mode so nebensächlich finden wie man will - irgendetwas muss man anziehen. Das ist gar nicht so einfach. Darum beschäftigen wir uns regelmäßig mit Zweifeln rund ums Anziehen. Heute: Das Ausmisten des Kleiderschranks.
mareike-nieberding
Default Bild

Illustration: Julia Schubert


Mein Kleiderschrank kotzt. Pullover, Jeans, BHs und Strümpfe hängen an seinen herausgestreckten Schubladen-Zungen. Er kehrt sein Innerstes nach Außen. Wenn ich mal versucht habe, mit neuen Regalbrettern für mehr Platz zu sorgen, sorgte das in meinem Schrank nur für noch mehr Schrott. Der Unrat wuchs pro gewonnenem Regalbrett. Jetzt ist es Zeit auszumisten.

Aber wo fängt Mist an und wo hört Muss-bleiben auf? Vielleicht liegt ein Teil, das ich heute wegschmeiße, im Trend der überübernächsten Saison? Kann Kleidung Liebeskummer verursachen? „Simplify your life“, mahnt meine Mutter. Doch Aussortieren schürt Erinnerungen. Erinnerungen wecken Emotionen. Und Emotionen machen aus jedem Teil ein Andenken, das nicht zurückgelassen werden kann.

Das Haufensystem soll helfen: Haufen eins heißt „weg“, Haufen zwei heißt „verkaufen“, Haufen drei heißt „behalten“. Auch wenn mein Geschäftssinn den Trennungsschmerz vorerst lindert – der Selbstbetrug kommt. Das Babydoll-Kleid, oben rosa, unten schwarz, in dem ich mich für mein Auslandssemester in Frankreich bewarb? Ein Kleid wie Paris in A-Linie. Nur knittrig, ausgewaschen und mit Loch. Ach, Paris… Ich führe einen „Vielleicht“-Haufen ein.

Die graue Marlene-Hose – kriegt Mama. Das karierte Cape – als Sherlock Holmes zum Karneval? Die 12-Zentimeter-Plateauschuhe, die mir einen Bänderriss verpassten? So trendy wie hässlich – will ich irgendwann meinen Kindern zeigen. Wie bitte? So geht es Stück um Stück. Was jahrelang untragbar schien, gefällt plötzlich wieder. Für alles gibt es eine Rechtfertigung. Für den ausgefransten Jeans-Mini, den ich mir als Teenie von meiner amerikanischen Gastschwester habe aufquatschen lassen („You look awesome!“); oder die kleine Handtasche in Form eines Hufeisens, damals passend zu Madonnas „Music“-Album. Irgendwann sind die Haufen nicht mehr zu unterscheiden. Was bleibt? Ein großer Berg Geborgenheit.

Ich wünschte, die Liebe zu den Dingen käme plötzlich abhanden, wie in Kästners Sachlicher Romanze „anderen Leuten ein Stock oder Hut“. Aber wie in einer abgetragenen Beziehung schmerzt die Trennung, auch wenn man gute Gründe hat. Gemeinsam hat man sich eine Choreographie erarbeitet: Keiner stößt sich, doch der Reiz ist weg. Es gibt Flecken und Risse, die beide zu faul waren, zu flicken. Pirouetten hat lange niemand gedreht, zu anstrengend. Es ist bequem geworden. Der Berg muss weg.

Denn der Trennungsschmerz wird bleiben. Bei manchen Teilen vielleicht ein ganzes Leben. So gut haben sie sich angefühlt. Habe ich mich in ihnen gefühlt. Eine Freundin erzählte kürzlich von einer braunen Lederhose, die sie nie hätte weggeben dürfen, sie sei zart wie ein Marzipanschwein gewesen. Einmal im Jahr habe sie sie getragen, wenn überhaupt. Jetzt fehle sie ihr. Doch Zimmer voller Schränke, nur für den Fall der Fälle?   Als Kind habe ich meine beste Freundin immer um ihre Verkleidungskiste beneidet. Ihre Mutter hatte alles aufbewahrt: die Hüte, die Blumenkleider, die Leggings und Schweißbänder. Ihr Keller war unser Minilädchen. Bei uns zu Hause kam vieles weg: „Ach, Lederröcke sind wieder in? Hab ich alle weggeschmissen.“ „Oh, Mama!“ Auch wenn Eltern sagen, man erkenne das Altern an den wiederkehrenden Trends. Kein Teil kehrt so zurück, wie es vor Jahren schon mal in Mode war. Die Schulterpolster kamen irgendwie spitzer wieder und die Schlaghosen weniger weit.

Für den, der Platz hat, ist ein Jahrhundert in einem Schrank sicher wunderbar. Aber sind Klamotten, die nicht getragen werden, eigentlich noch Kleider oder Ausstellungstücke vergangener Lieben, schönerer Zeiten, besserer Tage? Zwangs-musealisieren wir damit nicht auch unsere Leben? Geschichten müssen erzählt werden, um lebendig zu bleiben, und im Fall von Kleidern bedeutet es, sie zu tragen. Rauf und runter. Bis die Säume aufgehen, sie ihren Dienst erfüllt haben.

Die Erinnerungen bleiben hoffentlich, auch wenn sie nicht mehr in Form einer Jacke oder eines Kleides ertastbar sind. Wie im Falle des rosafarbenen Rucksacks meiner Mutter. Er bot Platz für unser ganzes Kinderleben, für Trinkpäckchen, Bücher und Sandkastenförmchen. Nun ist er weg. Während einer Renovierung ausgemistet. Irgendwie ist er trotzdem immer dabei.

Den Kleiderschrank teile ich mir heute mit meinem Freund. Und nein, er hat mir nicht wie Mr. Big ein Ankleidezimmer aus der Wand gezaubert. Zum Glück. Denn weniger Kleidung bedeutet nicht weniger, sondern mehr Platz – für mich.

Text: mareike-nieberding - Illustration: katharina-bitzl

  • teilen
  • schließen