Wie viel Ich steckt in einem Outfit?

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Ich bin Bill Murray, mein Kleiderschrank das Murmeltier. Wie das Tier wirft der Schrank einen Schatten. Es ist keine Sonne in Sicht. Der Ausblick ist düster. Jeden Morgen schwingen die Türen. Klapp auf, klapp zu: Verzweiflung. Wenige Sekunden reichen für diese Überzeugung. Jetzt bloß nicht die Laune verderben lassen, nicht von der Kleiderfrage, nicht wenn Du in zwölf Minuten in die U-Bahn steigen solltest. Wo ist das Sesam-öffne-Dich-Gefühl? Das entspannte Zusammenpflücken von Kombinationen, die ohne viel Anstrengung den kommenden Tag widerspiegeln? Stattdessen: Siechtum des Gewöhnlichen, Langeweile trotz voller Bügel und überquellenden Schubladen. Ist alles ausgeräumt, das Zimmer ein Tretminenfeld, schunkeln die leeren Bügel zum Anziehblues.

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Illustration: Julia Schubert



Manchmal wünsche ich mir eine Uniform. Mit ihr könnte ich dem Individualitätszwang eine Lektion erteilen: Nerv mich nicht, mit deinem ewigen Willen herauszustechen. Lass mich einmal alles ignorieren – die Moden, die Anlässe, die Menschen. Und im Hinterkopf immer derselbe halb selbstironische Elternsatz: Wir kaufen Dinge, die wir nicht brauchen, mit Geld, das wir nicht haben, um Menschen zu beeindrucken, die wir nicht leiden können. Dann sehne ich mich zurück nach dem Schuljahr in Amerika: dem immergleichen kratzigen Faltenrock, den übergroßen dunkelblauen V-Auschnitt-Pullovern und den weißen Poloshirts mit Bündchen.

Ich will den entscheidungsfreien Komfort der Uniform, ihre Idee will ich nicht: in keiner Masse untergehen, nicht für eine gemeinsame Sache vereinheitlicht werden. Aber aufstehen, reinschlüpfen, fertig. Jeden Tag. Immer das gleiche. Wäre doch wunderbar. Dann kommt das Murmeltier nur noch in Gebrauch, wenn etwas abseits des normalen Tagesablaufs geschieht, an Wochenenden, Feiertagen. Aber sobald man nicht mehr in die Schule oder in die Uni geht, was ist dann eigentlich nicht „abseits“? Keine Zeit mehr, um zwischendurch nach Hause zu fahren, und wer weiß, ob sich tagsüber noch eine Veranstaltung am Abend ergibt. Und schon fängt die Lust an den modischen Möglichkeiten, wieder an zu arbeiten: Wenn schon Uniform, dann aber bitte verschiedene für unterschiedliche Anlässe und eine, die nur mir gehört. Schließlich sollte niemand die gleiche tragen. Wie wäre das, würde mein Fachbereich, die Uni, meine Nachbarschaft oder gleich die ganze Stadt die gleiche Uniform tragen?

Aber geschieht das nicht sowieso, weil wir uns jeden morgen in die Uniform der Individualität zwängen? Genauso wie Uniformen vereinheitlichen, können wir der Kleiderwahl unterwürfig werden. Wie viel Ich steckt in einem Outfit und wie viel ging im Zuge des Vergleichs-Ehrgeizes verloren? Steht der Spaß an der Extravaganz, die Begeisterung für eine ungewöhnliche Kombination im Vordergrund? Oder doch, dass XY heute Abend da ist, und dass es gilt, Z zu beeindrucken? Oder eben das andere Extrem, ein „ich leg noch einen Schocker drauf, damit mich jeder drauf anspricht“? Der feine Unterschied ist die Herausforderung. Das Talent, Mode weder ausschließlich als Bekleidung, noch als kunsthistorisch beladene Konstruktion zu verstehen. Sie mit Ideen zu spicken, Humor zu zeigen, und dabei die Exotik nicht vorhersehbar werden zu lassen. Denn nichts ist älter als die Provokation von gestern. Anna Piaggi konnte das, die legendäre italienische Modejournalistin, die diese Woche in Mailand verstarb. Ob der collagehaften Outfits, dem theatralen Make-up, den blauen Haaren und dem kleinen Gehstock, der mehr ein Taktstock war, wirkte ihre Kleidung nie disharmonisch, sondern wie ein Wimmelbild der Stile.

Dabei will man vielleicht gar nicht immer am Spektakulärsten, sondern einfach nur gut aussehen – was immer das heißen mag. Meist findet sich irgendwo noch irgendwas, ein in die Ecke gedrängtes Kleid, das vorm letzten Flohmarkt noch schnell vom Verkaufstisch in die Tüte gerettet werden konnte oder ein weißes T-Shirt, Jeans, dazu die ausgeschlappten Vans – die gehen immer, Street-Cred und so. Als Bill muss ich das Murmeltier jeden Tag aufs Neue wecken. Und vielleicht hab ich bereits eine Uniform: Ganz heimlich, ohne, dass es jemand gemerkt hat, hingen auf dem Wäscheständer in den vergangenen Wochen immer dieselben vier Kleider, zwei Shorts und drei T-Shirts. 



Text: mareike-nieberding - Illustration: katharina-bitzl

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