Collage: Katharina Bitzl.

Ben Paul, 26, war eine Zeit lang als digitaler Nomade unterwegs. Er schrieb einen Blog über Selbstfindung und sein “Studium ohne Uni”. Auf Basis seiner Erfahrung erstellte er einen Blogging-Kurs für Menschen, die selbst im Netz mehr Menschen erreichen wollten. So verdiente er sein Geld online und war frei zu reisen. Bis er selbst mal ankommen wollte. 

jetzt: Hallo Ben, wo bist Du gerade?

Ben: Im Wald. Ich wohne momentan eine Stunde außerhalb von Berlin. Da kann man wunderbar spazieren gehen.

Du warst digitaler Nomade, der von überall gearbeitet hat. Du könntest gerade sonst wo spazieren gehen. Keine Lust mehr auf Strand und Meer?

Das stimmt, ich war schon hier und da unterwegs, länger in Marokko und den USA. Ich habe sogar mal erfolglos versucht, vor meiner Winter-Depression nach Thailand zu fliehen. Von überall auf der Welt arbeiten zu können, das ist etwas, was ich nicht missen möchte. Allerdings habe ich mit der Zeit auch gemerkt: Dieses viele Reisen und immer neue Eindrücke sind auch ein prima Weg, um vor mir selbst wegzulaufen.

War das digitale Nomadentum also negativ für dich?

Nein. Die Zelte abzubrechen und loszuziehen hat mir schon sehr geholfen. Mutig was Eigenes zu starten, das geht meiner Erfahrung nach in der Fremde leichter. Hier in Deutschland leben wir leider stark diese Sicherheits-Mentalität, die uns zu oft zu skeptisch auf neue Lebenswege schauen lässt.

Und das ist woanders besser?

Fern der Heimat, in einer anderen Kultur, erscheinen Ängste wie “Was werden die bloß von mir denken, wenn ich das jetzt wirklich durchziehe?” plötzlich nicht mehr so existentiell wie in der Heimat. Aber am Ende ging es für mich vor allem darum, dem näher zu kommen, was ich wirklich will.

Nämlich?

Ich weiß heute viel konkreter, was mir wichtig ist und was nicht. Immer nur an Strandbars zu sitzen, Mojitos zu trinken und über mein Business zu reden ist mir zum Beispiel viel zu langweilig. Ich kenne einige Nomaden, die wirklich von Herzen andere zu einem freieren Leben inspirieren möchten. Aber natürlich gibt es dann auch die, die einfach nur versuchen auf den Zug aufzuspringen. Und ich glaube einfach nicht, dass ich nur um digitaler Nomade zu sein auf diesem Planeten “gestrandet” bin.

Wofür dann?

Ich glaube, man muss sich irgendwann fragen: Was will ich wirklich? Mit wem will ich wirklich meine kostbare Zeit verbringen? Worüber möchte ich dabei reden? Natürlich ist die Vorstellung verlockend, vom Strand aus arbeiten zu können. Aber erfüllt mich das wirklich auf Dauer? Oder geht es vielleicht um mehr?

Also war die Zeit als Nomade ein Schritt in einem Reifeprozess für dich?

Ja. Das sehe ich auch bei anderen digitalen Nomaden. Viele von ihnen reflektieren irgendwann stark die eigene Rolle. Das Weglaufen scheint der erste Schritt zum wirklichen Bei-sich-Ankommen zu sein.

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