Wohnen wie Karlsson vom Dach

Zwei Berliner wollen über den Dächern Berlins neuen Wohnraum schaffen.
Von Sophie Burfeind
Foto: Cabin Spacey

Am Ende steht man auf einer Dachterrasse, oben der Himmel, unten Berlin. Man blickt hinab auf Schornsteine, Antennen und Dachfenster, hinab auf die lärmende Stadt, hier oben ist es still. Mit einer Hand hält man das Miniaturhaus aus Holz hoch, lässt es in der Luft über einer Ecke des Daches schweben. Da hinten würde es stehen, fünfzigmal so groß. Jede Nacht könnte man durch ein Fenster über dem Bett die Sterne zählen, tagsüber würde man Schwerelosigkeit atmen und barfuß über warme Betonplatten laufen. So wäre das, auf einem Dach zu wohnen. Wie schön!

Dann gibt man Simon Becker das Hausmodell zurück und steigt die Treppe hinunter. Auf dem Weg zum Büro erzählt er, wieso das mit einem eigenen Häuschen auf dem Dach in Wirklichkeit nicht ganz so romantisch ist. Denkmalschutz, Brandschutz, Fluchtwege, Baugenehmigung, Eigentumsrechte, und überhaupt: Wo würde der Briefkasten stehen? Und wo die Mülltonnen?

Natürlich ist dem 29-Jährigen klar, dass man in Deutschland nicht einfach so kleine Häuser auf Dächer bauen und dann darin einziehen kann, Deutschland ist ja nicht gerade als Land bekannt, in dem Bauen zu den unkomplizierten Dingen des Lebens gehört. Trotzdem wollte Simon genau das tun, Häuser auf Dächer bauen. Gemeinsam mit Andreas Rauch, 33, hat er im April das Start-up „Cabin Spacey“ gegründet.

Und jetzt, an einem Sonnentag im August, sitzen die beiden Architekten an einem Massivholztisch in einem Designerladen für ökologische Möbel am Prenzlauer Berg und erzählen, dass es bald losgehen kann mit dem Leben auf dem Dach. Die Idee hinter ihrem Projekt ist, dass sie dort Wohnraum schaffen wollen, wo er immer knapper wird: in den Großstädten. „Wir wollen die kleinen Nischen nutzen, die im Städtebau entstehen“, sagt Simon. Er meint damit vor allem die Dächer – auf Wohnblöcken, Parkhäusern, Kaufhäusern oder alten Industriegebäuden. Allein in Berlin könnten 50 000 solcher Dachhäuser gebaut werden, glaubt er, da seien die ganzen Plattenbauten endlich mal ein richtiger Pluspunkt.

In Berlin werden 17.000 neue Wohnungen gebraucht - pro Jahr

Wenn er über die Häuser auf dem Dach spricht, wirkt es manchmal so, als könne er es selbst noch gar nicht richtig glauben, dass seine Idee, die vor ein paar Monaten nicht mehr als eine Spinnerei war, plötzlich so real ist. Im März 2015 müsse es gewesen sein, sagt Simon, als ein Mann auf ihn zukam und erzählte, dass er sich auf sein Grundstück gern ein Mikrohaus bauen würde. „Du bist doch Architekt“, fragte er Simon, „kannst du da nicht was entwickeln?“

Den Kunden sieht Simon nie wieder, aber der Gedanke an die Minihäuser lässt ihn nicht mehr los. Er beschäftigt sich mit der Tiny-House-Bewegung, also dem Trend zu kleinen, meist transportablen Häuschen, der vor allem aus den USA kommt. „Wir haben überlegt, dass wir dort so etwas brauchen, wo die Not am größten ist: in den Städten.“ Allein in Berlin werden pro Jahr an die 17 000 neue Wohnungen benötigt. Simon fertigt erste Entwürfe an und entwickelt mit einem befreundeten Betriebswirt Ideen, wie ein Unternehmen für Mikrohäuser aussehen könnte. Anfang 2016 lernt Simon Andreas Rauch kennen, ebenfalls Architekt.

Dann geht alles plötzlich ganz schnell. Im März melden sich die beiden mit „Cabin Spacey“ für den „Urban Pioneers“-Wettbewerb an, bei dem ein Autounternehmen Ideen auszeichnet, die das Leben in der Großstadt besser machen sollen. Sie schaffen es unter die besten drei, es gibt erste Medienberichte und auf einmal viele interessierte Unternehmen. Im April gründen sie ihr Start-up, bis Ende Juli sammeln sie über Crowdfunding das Geld für den ersten Prototypen. „Wir haben Firmen, die uns alle nötigen Teile spenden, vom Fußboden bis zu den Armaturen – und eine, die uns die Cabin zusammenbauen würde“, sagt Andreas.

So könnte das Leben in den Mini-Häusern auf dem Dach aussehen: mit vielen Klappmöbeln.

Foto: Cabin Spacey

Die Häuschen, die ihre Erfinder "Cabins" nennen, könnten überall auf den Dächern der Großstädte stehen. Zumindest theoretisch.

Foto: Cabin Spacey

Solarzellen im Dach könnten das kleine Häuschen mit Energie versorgen.

Foto: Cabin Spacey

Noch existieren die Mini-Häuser nur auf dem Reißbrett und als Compute-Animation - doch bis Ende des Jahres soll der erste Prototyp fertig sein.

Foto: Cabin Spacey

Die beiden Architekten Andreas Rauch (links) und Simon Becker haben das Start-up "Cabin Spacey" gegründet.

Foto: Cabin Spacey

Er stellt ein kleines Holzmodell einer solchen Cabin, so nennen sie die Häuser, auf dem Tisch. Das Minihaus kann man sich ungefähr so vorstellen: In einer Art Box finden sich Bad, Küchenzeile und eine Treppe, die hinauf zum Bett führt. Eine Hülle aus Holz und großen Fenstern umgibt das Ganze, aus der Wand kann man Tische und ein Sofa klappen, in den Dachschindeln sind Solarzellen integriert, die das Haus heizen und kühlen. Das 25-Quadratmeter-Haus kann im Ganzen auf einem Tieflader transportiert, schnell überall auf- und abgebaut werden.

 

Zumindest in der Theorie. Denn praktisch ist es wieder mal ziemlich kompliziert. „Grundsätzlich muss ein Haus an das Abwassersystem angeschlossen werden, wenn es eins gibt“, sagt Simon, das erschwert ein autarkes Leben in der Großstadt. Außerdem müsse es per Gesetz zwei Fluchtwege geben, das Dach brauche ein Geländer. Mit dem eigenen 50 000 Euro-Häuschen von Plattenbau zu Plattenbau zu ziehen, ist also nicht ganz so einfach.  

 

Die beiden Berliner wollen die Häuschen aber nicht nur verkaufen, sondern stellen sich eher eine Art Mietmodell vor. Simon beschreibt diese Vision so: Überall auf der Welt gibt es irgendwann Cabins auf den Dächern großer Städte, die alle mehr oder weniger gleich aus siesehen. Wer beruflich viel unterwegs ist, viel reist oder häufig umzieht, kann einen Vertrag abschließen, mit dem er unkompliziert und jederzeit in einer freien Cabin wohnen kann, egal wo. „Weil die Häuser überall gleich aussehen, ermöglichen wir ein Gefühl von Zuhause, auch wenn man viel unterwegs ist. Das unterscheidet uns von einem Hotel“, glaubt Simon. Und die Aussicht sei natürlich auch viel schöner.

 

Bis das soweit ist, dürfte es aber noch ein bisschen dauern. Denn das Geld für das erste Minihaus ist nun zwar da, aber noch kein Dach. Simon und Andreas telefonieren seit Wochen mit Bauämtern, Wohnbaugesellschaften, Kaufhäusern und Parkhäusern, doch die Ämter arbeiten langsam und die Vorschriften sind vielfältig. Bis Ende des Jahres aber soll das erste Haus in Berlin stehen, sagt Simon – die ersten Übernachtungen hoch über den Dächern der Stadt seien schließlich schon verkauft.  

 

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