ASA Georgien: Stefanie erlebt ihr Tschüss-Fest und satte 15 Toasts!

Stefanie Schnabel, 25, ist gelernte Physiotherapeutin und arbeitet für ihr ASA-Projekt mit der Multiple Sklerosos Society in Georgien zusammen. Im achten Beitrag schildert sie ihr Abschiedsfest, bei dem minimum 15 Toasts ausgesprochen wurden. Im letzten und neunten Beitrag zieht sie Resümee. +++ Hier die Übersicht über alle acht ASA-Blogs auf jetzt.de.
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9. Eintrag und Schluss Endphase

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Illustration: Julia Schubert

Dass das Ende des Projektes in Aussicht steht, ist noch nicht zu spueren. Erst letzte Woche bin ich in einen neuen Stadtteil gezogen und muss mich erstmal vertraut mit der Gegend machen. Mit Soya, einer aelteren Dame teile ich mir eine Wohnung am Stadtrand in einem der vielen Wohnblocks. Ich habe das Gefuehl, erst jetzt richtig in das georgische Leben und die georgische Sprache einzutauchen. Da sehe ich, wie die 63-Jaehrige Soya die Nachtschicht uebernimmt und kranke Menschen pflegt um neben den 30 Lari Rente ihres verstorbenen Mannes Geld zum Leben zu haben. Nicht selten kommt es vor, dass bis zu vier Generationen sich eine 3-Zimmerwohnung teilen und oft noch mehr Familienmitglieder dazu kommen. Die Tradition, schnell zu heiraten und Kinder zu bekommen, nimmt keine Ruecksicht darauf, wenn auf Grund der Arbeitslosigkeit kein Geld vorhanden ist und daher Alle in einem Haushalt zusammenruecken muessen. Um etwas Geld fuer die sechskoepfige Familie zu verdienen, repariert der Vater meines guten Freundes Jhon uralte russische Autos, um sie dann auf dem Autobasar neben Autos mit deutschen Ueberfuehrungszeichen zu verkaufen. Fuer Jhon, der Jura studierte, gibt es hier keine Arbeit und die einzige Hoffnung verbindet sich mit einem Visum für Amerika oder ein europaeisches Land. Mit vielen solcher Geschichten werde ich zurueck nach Deutschland kommen. Dass der Kulturschock groesser sein wird als bei der Hinreise ist wohl keine Frage. Was ich ganz sicher weiss, ist, dass ich mehr von den Menschen in Georgien lernen konnte als ich vielleicht fachlich vermitteln konnte.

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Illustration: Julia Schubert

Ganz sicher ist, dass in den letzten drei Wochen noch viel Arbeit auf mich wartet. Neue Patienten werden aufgenommen, Vachtang braucht noch mehr Schulung, um die Arbeit mit den Patienten fortfuehren zu koennen. Neue Kontakte mit einem Therapiehaus wurden geknuepft, wo 15 Pflegekraefte darauf warten, mehr ueber Multiple Sklerose zu erfahren - in der verbleibenden Zeit kaum zu schaffen, wenn man bedenkt, dass die Uhren hier anders ticken. Es kommt hinzu, dass nach dem neuen und dem alten Kalender vom 25. Dezember bis zum 14. Januar hier Sylvester, Weihnachten und wieder Sylvester gefeiert wird. Vielleicht die bestes Zeit, um die georgischen Vorzuege nochmals in vollem Mass zu geniessen. Nachwamdize. +++ 8. Eintrag (Online seit 14. Dez 2006) Ein Toast! Und noch ein Toast! Und noch mal einer! Fuer Renate, Tine und Sylvia sind es die letzten Tage in Georgien. Ich habe das ASA-Stipendium noch bis Januar verlaengert. Die grosse Abschiedsfeier mit unseren Patienten und Kollegen aus dem neurologischen Institut fand fuer Renate und mich letzten Sonntag schon statt. In einem der besten Restaurants im Stadtteil Vake trafen wir uns. Wo das Geld fuer die Party aufgetrieben wurde, wagte sich keiner zu fragen. Dass kein Geld in der Kasse von Multiple Sclerose Society Georgia war, wussten wir schon von Anfang an. Das ist aber typisch fuer die Georgier. Um nach aussen hin nicht zu zeigen, dass kein Geld da ist, wird staendig Geld bei Verwandten und Bekannten geborgt und teilweise verschulden sie sich auch sehr hoch. Die Tafel war reichlich gedeckt mit allerlei Koestlichkeiten, die die georgische Kueche zu bieten hat. Frische puri shoti, Khatschapuri, Pindschani, Mzwadi undundund. Das Essen und Trinken zog sich ueber mehrere Stunden. Zu Beginn wurde ein Tischsprecher (Tamadar) bestimmt, der die Gesellschaft durch den Abend fuehrte. Diese Aufgabe uebernimmt immer ein Mann. In unserem Fall war dies der Chefarzt Dr. Temur aus dem neurologischen Institut. Ohne Tamadar findet in Georgien keine Feier statt, das ist Tradition. Dazu kommt, dass nur getrunken wird, wenn man sich mit mehreren Leuten trifft. Ich habe mir sagen lassen, dass es in Georgien weniger Alkoholkranke gibt, da sehr selten alleine getrunken wird und man ja immer Freunde finden muss, um einen Tisch voll zu kriegen.

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Illustration: Julia Schubert

Noch´n Toast: Dr. Temur. Angestossen wird nur mit Wein oder Chatcha (georgischer Vodka). Mit Bier nie, das bringt Unglueck. Der Tamadar spricht den ganzen Abend lang Toasts aus. Da gibt es immer eine ganz bestimmte Reihenfolge. In den ersten sieben Toasts wird auf die Liebe, die Familie, die Mutter, die Frauen, die Freunde, auf Gott und die Gaben und die Verstorbenen getrunken. Danach wird auf die Freiheit und Gott und die Welt getrunken. Keinem ist es erlaubt, zwischen den Toasts zu trinken. Erst wenn die langen Reden, die bis zu zehn Minuten dauern können, beendet sind, darf getrunken werden. In der Regel wird mit einem Zug auch das ganze Glas geleert. So kommen viele auf bis zu zwei bis drei Liter Wein pro Abend. Bei Frauen ist das jedoch eine Ausnahme, die duerfen auch mal einen Toast auslassen und nur schlueckchenweise trinken. So wurden reichlich Reden ueber uns und unsere Arbeit geschwungen. Alle zehn Minuten musste Dr. Temur ueber ein neues Thema philosophieren und die Reden wurden immer laenger. Beim 15. Toast ueberschlug er sich mit Nettigkeiten. Um die Partygaeste zu unterhalten, wurde jede Ansprache besser, origineller und emotionaler als die Vorherige. Am Schluss endet dies oft in Traenen vor lauter Ruehrung oder Streit ob wirklich alles gesagt wurde.

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Illustration: Julia Schubert

Stefanie, rechts, mitten im Betoastungsreigen. Bei den Ansagen war der ganze Tisch involviert und das gab unserer Feier eine besondere Dynamik. Gespraechsstoff gab es zwecks der Toasts ja genug. Jeder konnte sich mit jedem unterhalten. Als dann noch die richtige Musik (traditionelle georgische Musik) einsetzt, bewegten sich auch die Patienten, die sonst nicht gut zu Fuss sind auf die Tanzflaeche. Nach meinem Empfinden spenden grosse Worte viel Hoffnung und Trost nach 15 Jahren instabiler Lage und vier Buergerkriegen in Folge. Ueber die Vergangenheit oder schlechte Zeiten wird auf Feiern aber auch im Alltag wenig geredet. Die Hoffnung auf bessere Zeiten laesst die Menschen hier friedlich zusammen leben.


7. Eintrag (Online seit 8. Dez 2006) Letzte Woche haben Renate und ich gewagt, nach 23 Uhr noch tanzen zu gehen. Mehrere Anlaeufe, eine gute Bar oder Disco mit tanzbarer Musik zu finden, sind bis dahin jedesmal klaeglich gescheitert. Vielleicht liegt es ja auch an mir, dass ich mit der Musik zu waehlerisch bin. Mit gecovertem Dancefloor aus den 90ern - und das in russische Elektronikmusik verpackt - kann ich leider ueberhaupt nichts anfangen. So wagten wir uns in den vielversprechenden Beatles Club in Tbilisi. Ueber diesen Club habe ich auch schon in dem Buch "Stories I stole" von Wendell Steavenson gelesen (Geschichten einer Frau, die zwei Jahre in Georgien verbrachte, lesenswert!). Der Name und die Inneneinrichtung (massig Bilder von den Beatles und aus den 60ern) lassen die Disco als Sixties-Location durchgehen, jedoch nicht die Musik und das Publikum. Dass Frauen alleine tanzen und trinken gehen, ist nicht ueblich in Georgien. So war der Beatles Club hauptsaechlich mit Maennern zwischen 25 und 50 Jahren belagert. Ein paar wenige mutige Frauen, gut gekleidet in Minirock und mit sehr hohen Absatzschuhen, haben zu russischer und georgischer Popmusik getanzt. Da fallen zwei Frauen in Trekkingschuhen und langen Hosen natuerlich schnell auf. Flüchten! Keine drei Minuten spaeter sassen wir schon zu viert am Tisch. Zwei Maenner bestellten viel und setzen sich einfach zu uns. So schnell konnte ich gar nicht gucken, hatte jeder von uns ein Bier, Tequilla einen Cocktail und Essen vor der Nase stehen. Daran, dass hier die Maenner alles bezahlen, habe ich mich schon gewoehnt. Aber: Diese Bedraengnis, essen und trinken zu müssen, ist unuebertrefflich. Mit wenig Georgisch unsererseits und schlechtem Englisch ihrerseits schleppten wir uns so durch, um zu erfahren, dass der Eine am liebsten russische Frauen mag und der Andere Geschaefte mit Albanern und Irakern macht. Sich hier mit Maennern zu unterhalten uns zusammen zu sitzen, bedeutet, dass einen die Männer keine Minute aus den Augen lassen. So war das dann auch bei uns. Der einzige Ausweg, uns da loszureissen, war es, nach Hause zu gehen. Aber diesen Wunsch zu erklaeren, ist noch schwieriger als nicht essen oder trinken zu wollen. Der Beschuetzer- und auch der Bestimmerinstinkt ist bei vielen Georgiern stark vertreten. So mussten wir in einem Moment der Unaufmerksamkeit im wahrsten Sinne des Wortes fliehen ... Dann eben Backgammon Es gibt nicht sehr viele Bars oder Clubs in Tbilisi. Das liegt auch daran, dass die Mehrzahl der Georgier ueberhaupt kein Geld fuer diesen Luxus hat. Lieber wird zu Hause der selbstgemachte Wein mit Freunden getrunken und zu traditioneller Musik getanzt oder selbst gesungen. In den wenigen Lacations tummeln sich hauptsaechlich Auslaender oder die Oberschicht. So hatten wir am Abend darauf doch mehr Spass, als wir mit Freunden zu Hause zu guter Musik tanzten und auf freiwilliger Basis Vodka tranken und mit Wein viel auf die Deutsch-Georgische Freundschaft toasteten. Bis Februar werde ich wohl die meisten Abende mit Backgammon oder Schach spielen verbringen, bis ich wieder in Stuttgart bin und mich auf meine Lieblingsbar freuen kann.
6. Eintrag (Online seit 28. Nov 2006) Germanelli gogo, hast Du noch keinen Mann? Letztes Wochenende wurden Renate und ich von meinem guten Freund Jhon nach Lagodechi eingeladen. In Lagodechi geboren und aufgewachsen, ist auch er mit seiner Familie auf Grund von besseren Arbeitsbedingungen Anfang der 90er nach Tbilisi gezogen. Lagodechi liegt in Kachetien, tief im Osten von Georgien, an der aserbaidschanischen Grenze. Ich wollte den Blick auf die Vorberge des Kaukasus und die Berge von Dagestan geniesen und natuerlich auch Jhon`s Familie kennenlernen. Seit zwei Monaten kennen wir uns nun schon und ich war ganz gespannt darauf zu sehen, wie er wohnt und aus welchem Umfeld er kommt. Wie so viele unverheiratete aber auch verheiratete junge Menschen lebt auch er mit seinen Eltern und Grosseltern zusammen. Ihn dort einfach zu besuchen ist unmöglich. Deshalb war ich ueber die Einladung nach Lagodechi sehr ueberrascht.

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Illustration: Julia Schubert

Der Aufenthalt bei Jhon und seiner Familie hat mir noch mal den besten Einblick in georgische Traditionen gegeben. Seine Eltern und sein Bruder, alle arbeiten und leben in Tbilisi, waren auch in Lagodechi. Da war es schon sehr schwierig durchzusetzen, dass ich die erste Nacht alleine dort uebernachte und Renate erst einen Tag spaeter kommt. Jhon sagt mir, ein anstaendiges georgisches Maedchen wuerde das nie tun. Als Problem stellte sich heraus, dass die Familie Verdacht schoepfen koennte, Jhon und ich waeren ein Paar. Zwei junge Menschen im heiratsfaehigem Alter (25 und 24 Jahre alt) und Eltern die den Sohn schon laengst verheiratet sehen wollen - das gestaltete die Situation eher unangenehm. So verbrachten wir den ersten Abend nur im Beisein seiner Familie und mit einem konstanten Abstand von drei Metern zueinander. Nach georgischer Tradition bedeutet einen Mann zu treffen, mindestens drei Monate nach dem Kennenlernen zu heiraten. Das Maedchen ist bei der Gelegenheit natuerlich noch Jungfrau und der Mann, muss Erfahrungen mit in die Ehe bringen. Zu Beginn habe ich nicht geglaubt, dass ueber 90 Prozent der jungen Menschen so stark nach den Traditionen leben. An Samstagen oder Sonntagen eine orthodoxe Kirche zu besuchen ist wie auf einem Rummelplatz. Da stehen die Hochzeitspaare Schlange und wollen getraut werden. Wenn die Kirche gross genug ist, finden manchmal auch drei Zeremonien gleichzeitig statt. Etwas entspannter wurde die Atmosphaere im Haus der Familie und auch in der Öffentlichkeit, als meine Freundin Renate kam. Uns sah man fortan als die Touristinnen, die Lagodechi und seinen schoenen Nationalpark sehen wollten. Und Jhon war unser Beschuetzer und Tourguide. Ich werde immer als germanelli gogo (deutsches Maedchen) angesprochen. Und gefragt: Warum ist germanelli gogo noch nicht verheiratet?


5. Eintrag (Online seit 10. Nov 2006) Der georgische Rhythmus Ich muss sagen, diszipliniert jede Woche Artikel zu schreiben faellt mir hier sehr schwer. Das liegt wohl daran, dass *erstens der Tag so spaet beginnt, *zweitens man nie laenger als einen Tag vorplanen kann und *drittens die Arbeitsstrukturen (gibt es ueberhaupt welche?) ganz andere sind. Ich habe das Gefuehl, sich hier etwas vorzunehmen (wie z.B. fuer jetzt.de zu schreiben) beansprucht hier einen ganzen Tag. Es faengt schon an, wenn ich in das Verlagsbuero meiner georgischen Projektpartnerin komme. Vor 12.00 Uhr ist dort niemand anzutreffen. Wenn ich dann komme, gibt es immer erstmal was zu essen. Egal ob ich erst vom Fruehstueckstisch weg bin oder nicht. Nach einer Stunde essen, Mokka trinken und Zigaretten rauchen kann ich mich dann doch endlich aus der Kueche schleichen. Das zweite Problem wartet dann schon, wenn die Computer nicht funktionieren oder es wieder Stromausfall gibt. In der letzten Zeit war das haeufiger der Fall. Wenn ich dann mal soweit bin, werde ich alle zehn Minuten in ein neues Gespraech verwickelt und mir wird wieder Mokka angeboten. Aus zwei Stunden werden dann locker vier Stunden und der Tag geht rum, ohne, dass etwas getan wurde. Das geht aber nicht nur mir so, sondern auch den restlichen drei ASA-ten, mit denen ich zusammenwohne. Der Alltag dreht sich hier viel weniger um die Arbeit. Wichtiger ist hier die Familie, Freunde und die gute bzw. langatmige Kommunikation unter Arbeitskollegen. Bevor ich nach Georgien kam, hat mir mein Georgischlehrer einen guten Rat zum Arbeitsalltag gegeben: Wichtig ist es, gut Domino spielen zu koennen und Vodka trinken. Im uebertragenen Sinne: Arbeit spielt hier nicht die groesste Rolle. In Gespraechen ist die Arbeit nie Thema, auch nicht mit guten Bekannten. Wer keinen festen Arbeitplatz hat, hat wenigstens ein „small business“. Aber darueber wird erst recht nicht gesprochen. Unwichtig ist, womit man Geld verdient. Bedeutend ist nur, dass man Geld hat, um die Familie zu ernaehren. Soll heißen: Wenn Renate und ich erst um 14.00 Uhr im neurologischen Institut anfangen zu arbeiten und um 16.30 Uhr wieder fertig sind, brauchen wir kein schlechtes Gewissen haben.

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Illustration: Julia Schubert

Sylvia, Tine, Renate, Stefanie am Tbilisi Lake. Das ist der Rhythmus in Georgien und es faellt nicht schwer, sich dem anzupassen. Meine drei Mitbewohner Renate, Sylvia und Tine haben sich ebenso schnell daran gewoehnt und die Zeit auserhalb der Arbeit und Gespraeche ueber wichtigere Dinge als nur die Arbeit schaetzen gelernt. Gut zu wissen, was noch alles wichtig sein kann im Leben.


4. Eintrag Renate, meine Projektpartnerin, und ich wohnen in einer Vierer-WG zusammen mit Sylvia und Tine. Sylvia und Tine sind ebenfalls ueber ASA in Tbilisi und arbeiten fuer das Projekt Rucksackbibliothek an der Uni. Unsere Wohnung liegt im Stadtteil Vake. In diesem Viertel wohnen hauptsaechlich Leute mit mehr Geld und auslaendische Menschen. Als Auslaender hier zu sein, bedeutet hier, mehr Geld zu haben und zwecks Job hier zu sein. Unsere Projektpartnerin Rusudan hat die Wohnung fuer uns besorgt. Sie hat dieses Viertel gewaehlt, um in diesen drei Monaten ruhige Naechte haben zu koennen. Neben der Chavchavdze Avenue mit ihren teuren Boutiquen und der Vake-Universitaet gibt es hier wenig Spannendes. Viele vermieten ihre Wohnungen an Auslaender, die in die Stadt kommen, um zu arbeiten und entsprechende Mieten auch bezahlen koennen. Unsere Wohnung ist vollgestellt mit antiken Moebeln. Wenn man jedoch hinter die Kulissen schaut, dann merkt man, dass seit langem nichts mehr ausgebessert worden ist und das Pompoese in den 80er Jahren steckengeblieben ist. Hinter den dicken Vorhaengen aus Samt verbergen sich dann die alten Heizkoerper, die jedoch nur als Atrappe dienen. Wie wir diese Riesen-Wohnung beheizen, ist uns noch ein Raetsel. Lieber haette ich auch nicht gewusst, dass sich drei Meter Gasleitung hinterm Vorhang verstecken und einer von uns im Bett neben dem Gashahn schlaeft. Und warum es zeitweise in der Kueche und in Renate’s Zimmer nach Gas riecht, haben wir auch noch nicht herausgefunden. Keiner von uns passt so richtig in dieses Umfeld von schweren Holzmoebeln und Kronleuchtern in jedem Zimmer. Durch meine Arbeit mit den Patienten zu Hause bekomme ich mitlerweile einen ganz guten Blick hinter die Kulissen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Es gibt in der Stadt, aber vor allem am Stadtrand sehr viele Wohnblocksiedlungen. Diese sind meist Zwei-Zimmerwohnungen, die oft von mehr als fünf Personen geteilt werden. Drei Generationen wohnen meist zusammen unter einem Dach. Die Betten stehen im Wohnzimmer, der Teppich haengt auch hier noch an den Waenden (war auch so in der Ukraine). Oft waren die Heizkoerper ausgebaut und grosse, schwere, alte Radiatoren haben viel Platz eingenommen. Auch gewoehnt man sich an die Hausflure, unbeleuchtet, an gebrochene Stufen, an Aufzuege, fuer die man pro Fahrt zehn Tetri reinschmeissen muss. Es gibt auch Viertel, da wohnen vier Personen in einem Zimmer und die Kochstellen sowie das Bad ist im Hof und wird von allen Anwohnern mitbenutzt. Schockierend war es am Anfang, zu sehen, dass reich und arm raeumlich so dicht aneinander wohnen. Das groesste Hotel, Sheraton Mecheti Palace, pompoes und fuer mich unbezahlbar, steht neben beinahe einstuertzenden Haeusern, die bewohnt sind. Auch wenn das sehr unheimlich klingen mag, fuehle ich mich hier wohl und auch an zwei Paar Socken im Bett kann man sich gewoehnen.
3. Eintrag Spätaufsteher in Tbilisi Nun bin ich schon fünf Wochen im Land und neulich musste ich feststellen, das ich mich an die Lebensweise adaptiert habe. Ich werde versuchen, ein paar Vergleiche aufzustellen und so gleichzeitig das Stadtleben in Tbilisi näher zu bringen.

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Illustration: Julia Schubert

Tbilisi erwacht erst um 10:00 Uhr morgens. Vorher passiert hier überhaupt nichts. Das schlägt auch auf meinen Rhythmus. Da unsere Arbeit immer erst um 14:00 Uhr beginnt, gibt es auch keine Notwendigkeit, schon um 7:00 Uhr aus dem Bett zu springen. Wenn Tbilisi aber erstmal erwacht ist, dann sind die Strassen voll mit beschäftigten Menschen auf dem Weg zur Uni oder zur Arbeit oder um Geschäfte zu machen. Auch wenn die Arbeitslosigkeit hier sehr hoch ist, etwa 40 Prozent, hat jeder hier ein kleines Business. Jeder verdient sich hier nebenbei noch Geld dazu, da der Mindestlohn bei 30 Lari (15 Euro) liegt. Die Verkehrs-Strassen sind, wenn denn Betrieb ist, verstopft mit alten Autos, Linienbussen und natürlich den Maschrutkas. Wenn ich aus dem Haus gehe, muss ich erst einmal eine sechsspurige Autostrasse überqueren, ohne Ampel. Da ist es nötig, alle Sinne bei sich zu haben, um im richtigen Moment die freie Lücke zu erwischen. Das musste ich erst einmal lernen. In Deutschland hatte ich selten die Nerven, auch nur bei Rot über die Ampel zu gehen.

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Wenn ich dann in der Stadt unterwegs bin, komme ich selten ohne Stop an den Khatchapuri-Läden vorbei. Khatchapuri ist das georgische Nationalgericht. Aus Blätterteig oder Hefeteig, gefüllt mit Schafskäse. Das ist aber nur das, was man auf der Strasse findet. Es gibt mehrere Varianten und jede Region in Georgien hat eigene Rezepte für Khatchapuri. Jeder isst es zu jeder Tageszeit. Ich als Ökoladenbesucher und Fast Food-Verweigerer muss wohl meine Ideale neu sortieren. Es ist sehr günstig und macht lange satt. Genau das Richtige für viele Menschen hier. Abenteuer auf Basaren und im Bus Wenn ich nicht im Institut arbeite, bin ich oft auf dem Basari unterwegs. Das ist ein Markt, der sieben Tage die Woche belebt ist und auf dem man von Brot und Gemüse bis zu jeglicher Art von Elektrogeräten alles finden kann. Der Grossteil der Bevölkerung kauft seine Sachen auf dem Markt. Nach dem Preis fragen und handeln ist ganz selbstverständlich. Besonders mag ich die Gemüsehalle, es riecht überall nach Koriandergrün und allen möglichen Gemüsesorten der Saison.

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Supermärkte, wie sie in Deutschland zu finden sind, gibt es hier nicht. Es gibt sehr viel kleine Läden, die alles Mögliche verkaufen oder nur auf eine Ware spezialisiert sind. Nach drei Stunden Basari bin ich oft so von Reizen überflutet, von der Hektik, der riesigen Auswahl und den vielen Menschen, dass ich mich dann in den Bus Richtung Vake (das Viertel in dem ich wohne) quetsche. Man muss im wahrsten Sinne des Wortes quetschen sagen, da der Bus mit Menschen gefüllt wird, bis die Tür kaum noch zu geht. Oft wundere ich mich, wie die Traube Menschen noch reinpassen soll, wenn der Bus schon voll ist. Es geht aber immer. Busfahren kostet 20 Tetri (10 Cent), egal welche Strecke. Das kommt daher, dass Transportmittel und Lebensmittel zum täglichen Gebrauch für alle erschwinglich sein sollen. Alles andere ist schon fast Luxus und nicht für jeden erschwinglich. Eine große Umstellung war es, im Dunkeln nicht mehr alleine unterwegs sein zu können. Die Situation hat sich jedoch in den letzten zwei Jahren schon wesentlich verbessert. Damals war es für Ausländer fast unmöglich, im Dunkeln unterwegs zu sein, ohne überfallen zu werden. Sehr oft werden wir direkt vor der Tür abgeholt und unsere Begleitung geht erst, wenn die Haustüre geschlossen ist. Besonders die Männer haben da einen extremen Beschützerinstinkt. Davon jedoch das nächste Mal mehr.


2. Eintrag Überlebenskünstler Heute moechte ich gern etwas zu meinem Projekt sagen und gleichzeitig dazu, wie das Gesundheitssystem hier in Georgien aussieht. Ueber das ASA-Programm arbeiten Renate (meine Partnerin) und ich fuer die Multiple Sklerosis Society Georgia (MSSG). MS ist in dieser Region haeufig verbreitet. Da es bis dato kein bestehendes Gesundheitssystem gibt, koennen Menschen, die an einer degenerativen Erkrankung leiden (so eine ist die Multiple Sklerose) medizinisch nicht regelmaessig aufgefangen werden. So ist die Familie oft alleine fuer Versorgung und Pflege zustaendig. Daher haben vier Frauen vor drei Jahren diese Gesellschaft ins Leben gerufen. Ueber 100 Patienten sind bis jetzt registriert. Ueber die MSSG erhalten sie Beratung, Vermittlung von Rollstuehlen und auch medizinische sowie psychologische Betreuung. Medikamente nimmt so gut wie Keiner, da sie sehr viel Geld kosten und fuer den Grossteil der Bevoelkerung nicht erschwinglich sind. Renate und ich sind fuer die physiotherapeutische Betreuung zustaendig. Momentan arbeiten wir haupsaechlich in Gruppentherapien mit den Patienten. Da koennen aber nur die kommen, die noch selbstaendig sind oder einen Fahrer haben. So kann momentan nur ein geringer Teil der Patienten therapiert werden. In Planung sind Hausbesuche. Sehr spannend sind die Gruppen, da Renate und ich zu schlecht georgisch sprechen, um zu therapieren und die Patienten genauso wenig Englisch. Unsere Uebersetzerin versteht auch nur einen geringen Teil englisch. Bis sich unser Georgisch verbessert oder wir einen neuen Uebersetzer haben, laeuft alles ueber Mimik und Gestik. Wir lernen schneller georgisch, die Patienten lernen von uns englisch. Physiotherapie in diesem Rahmen kennen die Patienten nicht. Fuer jede Behandlung beim Arzt muss man hier Geld bezahlen. Medikamente und Verbandszeug muss immer selbst mitgebracht werden. Ein Krankenhausaufenthalt ist oft fuer die ganze Familie eine finanzielle Tragoedie. Private Versicherungen gibt es zwar, jedoch koennen sich diese nur sehr reiche Menschen leisten. Ich kann viel von den Menschen, mit denen ich zusammen arbeite lernen: Viele sind Ueberlebenskuenstler.
1. Eintrag Das bin ich Ich heisse Stefanie Schnabel, bin 25 Jahre alt und ASA-Teilnehmerin 2006. In Görlitz geboren und elf Jahre aufgewachsen, bin ich mit meiner Familie vor 14 Jahren in den südlichen Teil Deutschlands gezogen. Seit 6 Jahren wohne ich nun in Stuttgart. Nach der Schule verbrachte ich längere Zeit in England, wo ich im sozialen Bereich arbeitete. Die Zeit war sehr prägend für mich. Nach der Ausbildung zur Physiotherapeutin sammelte ich drei Jahre Erfahrung im neurologischen Bereich, die ich jetzt hoffentlich in meinem Projekt gut einsetzen kann: Über ASA arbeite ich drei Monate zusammen mit meiner Projektpartnerin Renate für die Multiple Sklerosos Society Georgia, eine Organisation, die sich hauptsächlich über Spenden aus dem Ausland finanziert. Die Patienten müssen keine Beiträge bezahlen. Unsere Aufgabe wird es sein, Patienten mit Multipler Sklerose in Gruppen und in Einzeltherapien zu betreuen. Hauptsächlich werden wir aber auch Angehörige und Fachpersonal anleiten, damit sie nach unserer Abreise die Abreise weiterführen können. Das ist Georgien Georgien wird seit der Revolution 2003 von Michail Sakaschvili regiert. Er löste Eduard Schewardnaze während der unblutigen, sogenannten Rosenrevolution ab. Georgien ist ungefähr so gross wie Bayern. Etwa 5,2 Millionen Einwohner leben hier, davon allein schon über 1,5 Millionen in der Hauptstadt Tbilissi. Angrenzende Länder sind Russland im Norden und Osten, Aserbaidschan und Armenien südöstlich sowie die Türkei im Süden. Westlich grenzt Georgien ans Schwarze Meer. Das Land ist bekannt für gute Weine und den Reichtum an Gemüse- und Obstsorten jeglicher Couleur. Ökoanbau, wie wir ihn kennen, ist hier nicht nötig: Mangels Geld für Dünger wird sowieso biologisch angebaut. Zum Klima kann ich noch sagen: Im Sommer wird es sehr heiss und der Winter kommt dafür sehr schnell. Und die Winter in Georgien, hat man mir gesagt, seien hart. Was immer das auch heissen mag. Einmal Berlin-Odessa, bitte! Die Wochen der Vorbereitung waren sehr stressig und natürlich auch mit vielen Ängsten verbunden. Sylvia und ich - sie arbeitet für das Projekt "Bücher für georgische Kinder" ebenfalls in Tbilissi - wir wollten unbedingt über den Landweg einreisen, um einen Kulturschock zu vermeiden. Ob das gelungen ist, weiss keiner von uns so genau. Wir entschieden uns für die Route über Polen und die Ukraine, um dann über das Schwarze Meer nach Georgien zu reisen. Die Zugtickets für die Strecke Berlin - Odessa (Ukraine) waren einfach zu besorgen. Die Tickets für die Fähre, die nur zwei Mal wöchentlich fährt, konnte man nur reservieren. Bei dem Schiff handelte es sich um ein älteres Modell namens Greifswald, ein Geschenk von Deutschland an die Ukraine anfang der 90er. Die Fahrt von 36 Stunden im Nachtzug von Berlin nach Odessa verlief ganz entspannt. Dass der ganze Bahnhof Lichtenberg schon russisch gesprochen hatte, versetzte uns schon in Vorfreude auf die Zeit in der Ukraine. Nach zweitägigem Aufenthalt in Odessa hatten wir einen dreitägigen Aufenthalt auf der Fahre vor uns. Außer einer Notfallübung, die uns vier Stunden Stillstand auf hoher See bescherte, da die Technik der Rettungsboote nicht funktionierte und deshalb einigen Passagiere (inklusive mir) viele Nerven kostete, war die Fahrt mit 25 Kilometern die Stunde ganz unspektakulär. Hauptsächlich Fernkraftfahrer und Heimreisende benutzen diese Fähre. Ab und zu verirren sich aber auch Globetrotter und Menschen mit viel Zeit auf diese Faehre. Im Hafen Poti, bei Nacht, sammelte uns eine private Maschrutka (Kleinbusse, die wie Sammeltaxis funktionieren) ein, die uns über holprige, unbeleuchtete Strassen nach Batumi brachte. Nach sechs Stunden Maschrutkafahren kamen wir nach insgesamt achttägiger Reise endlich in Tbilissi an.

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Illustration: Julia Schubert

Diese georgische Impression stammt aus dem dpa-Archiv. Seit einer Woche bin ich nun in Tbilissi und bin bemüht die Stadt zu begeifen. Die vielen Eindrücke müssen aber noch in meinem Gehirn gefiltern werden, bevor ich darüber schreiben kann. Hier findest du einen Überblick über alle ASA-Blogger.

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