Kuba: Sebastian erlebt eine Tränengasattacke beim Buskartenkauf

Sebastian Huber kümmert sich in seinem ASA-Projekt um die Aufwertung eines marginalen Stadtteils von Santa Clara. Was das heißt? Erklärt er. Außerdem schreibt er in den neuen Beiträgen darüber, wie drei Leute mit dem Löffel eines Vierten essen und über eine Attacke mit Tränengas. +++ Hier die Übersicht über alle acht ASA-Blogs auf jetzt.de.
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4. Eintrag (Online seit 28. Nov 2006) Arbeitsopfer ab auf die Plantage oder: Essen durch den Schlitz Meine Projektpartnerin Franziska und ich sind in einem Seminar an der Architekturfakultät eingeladen. Wir sollen unser Arbeitsprojekt den Studenten vorstellen. Als wir gerade mitten in der Präsentation sind, treten zwei Herren in den Seminarraum, die uns mit folgender Botschaft unterbrechen: Liebe Studenten, die Kaffee-Ernte steht an. Bitte wählt aus eurem Jahrgang fünf Leute, die heute Nachmittag für eine Woche in die Plantagen mitfahren. Nach einer kurzen Diskussion stehen die Arbeitsopfer fest. Zu unserer Verwunderung nehmen wir wahr, dass sie sich freuen. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass sie so um ihr Referat kommen, das sie in der zweiten Hälfte der Stunde hätten halten sollen. Die Professorin erklärt uns jedoch, dass bei den Arbeitsaufenthalten das Essen recht gut sei, auf jeden Fall besser als in der Uni-Mensa. Ich gehe nach dem Seminar mit zwei kubanischen Studenten erst mal die Mensa testen. Die Essensausgabe ist kostenlos, was die Qualität sicherlich nicht steigert. Ich schiebe mein rostiges Tablett auf dem Tresen durch einen winzigen Schlitz, was dahinter passiert, will ich gar nicht so genau wissen. Auf jeden Fall sieht man viele flinke Hände. Das erste Portionierungsfach füllt sich mit einer klebrigen Flüssigkeit. Ich gehe zur zweiten Station. Die Substanz, die nun den Schöpfer runter rinnt, hat eine andere Farbe und scheint flüssiger zu sein. Das Ritual wiederholt sich, bis ich auf meinem Tablett Maisbrei, flüssige Linsen, ein paar Brocken künstliches Hackfleisch und Marmelade habe. Die Station mit den Schwarzen Bohnen habe ich leider übergangen. Egal. Blöderweise habe ich meinen Löffel zu Hause vergessen. Ein Standardwerkzeug, das man in Kuba immer in die Hosentasche stecken sollte, wenn man aus dem Haus geht. Auch meine kubanischen Begleiter haben ihr Besteck vergessen, so fragen wir einen Mitstudenten, ob er uns seinen Löffel leiht. Kein Problem. So löffeln wir zu dritt mit dem Löffel eines Vierten unsere Brei-Ansammlung. Ich kann nun verstehen, warum man sich wegen des guten Essens freiwillig zur Kaffeeernte melden kann.

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Illustration: Julia Schubert
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Illustration: Julia Schubert

Impressionen. +++ 3. Eintrag Kubanisch Reisen: Tränengasattacken und der alltägliche Wahnsinn des Wartens Kubanische Bus- oder Zugbahnhöfe unterscheiden sich von anderen ihrer Art in Lateinamerika. Dort, wo sich normalerweise das geschäftigste Leben der Stadt abspielt und Busse in alle Richtungen aufbrechen, herrscht in Kuba meist gähnende Lehre. Öffentliche Verkehrsmittel sind eher die Ausnahme. In meiner Stadt habe ich mich daran gewöhnt. Die drei Buslinien sind eine Farce, aus der Not heraus übernehmen Pferdefuhrwerke den Personentransport, schaffen ihn aber bei weitem nicht zu decken. Man läuft also oder nennt sich, wie ich, stolzer Besitzer eines Fahrrads, was den Alltag um einiges erleichtert. Will man aus der Stadt raus, ist es schon schwieriger. So etwas wie ein ernstzunehmendes öffentliches Verkehrssystem hat in Kuba seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion aufgehört zu existieren. Bei den wenigen funktionierenden Verkehrsmitteln kommt es immer wieder zu Extremsituationen. So mussten wir uns zum Beispiel um ein Uhr nachts am Busbahnhof anstellen, um Aussicht darauf zu haben, um fünf Uhr früh einen alten Militärlaster zu besteigen. Das einzige Transportmittel des Tages, das uns stehend und eng gequetscht in die nahe Bergregion chauffieren sollte. Wer nicht mitkommt, hat Pech gehabt, am nächsten Tag gibt’s ja wieder die Möglichkeit. Der Tourist kriegt das nur am Rande mit. Für ihn gibt es staatliche Reiseunternehmen, Dollartaxis, sowie eine Buslinie, die zumindest die großen Städte Kubas verbindet. Viel mehr bleibt ihm auch nicht übrig, da der Staat ihm den Genuss des „kubanischen Reisens“ per Gesetz verbietet bzw. erspart. Bei der kubanischen Form des Reisens übertrifft in der Regel die Warte- bei weitem die eigentliche Reisezeit. Wenn die Warteschlange aus der Kontrolle gerät, greift auch gerne mal die Polizei ein, um die Wartenden in einem Verzweiflungsakt und ohne Ankündigung mit Tränengas „zu besänftigen“. So geschehen am letzten Wochenende am Bahnhof von Cienfuegos. Ich stand für meine Mitreisenden am Ticketschalter an, hinter mir ein immer grösser werdender Pulk Menschen. Als ich mein Ziel fast erreicht hatte, traf mich die gesamte Gasladung frontal im Gesicht. Der Zug war natürlich abgefahren für mich. Das Traurige war, dass die attackierten Wartenden nichts anderes gemacht hatten, als ihrer Entsprechung nach zu warten. Sie wollten einfach nach Hause, so wie ich, oder mussten auf Arbeit. Noch trauriger ist die Tatsache, dass alle völlig routiniert mit der Situation umgegangen sind: warten, Tränengas, T-Shirt vor die Augen und weiter warten. Für mich, neben der schmerzhaften Erfahrung, eine Story aus Kuba, die ich in diesem Blog verbraten kann. Für Kubaner allerdings der ganz normale Alltag, der sich morgen und übermorgen wiederholen wird.


2. Eintrag Die größten Feinde Neben George W. Bush und seinen amerikanischen Terroristen gibt es zur Zeit in Kuba noch einen weiteren Hauptfeind, gegen den mit gleicher Rhetorik und Propaganda Sturm gelaufen wird: die „Adaeis Aegyti“. Eine Mückenart die in letzter Zeit zu vielen Dengue-Fieber-Fällen geführt haben soll. Wortwörtlich heisst die Kampagne „Kampf gegen den Feind“, der in politischen Reden mit gleicher Inbrunst und Rhetorik verfochten wird wie die Verteidigung der Revolution und im Fernsehen durch unzählige Spots untermauert wird. Der Kampf gegen diesen Unhold ist allerdings nicht nur als Propaganda angelegt, sondern wird auch wirklich geführt. Dazu müssen die Bewohner ganzer Strassenzüge mehrmals ihre Häuser verlassen, während sich ein paar als Ghostbuster verkleidete Kammerjäger in jedes Haus gehen und alles „fumigieren“, das heisst, mit einer Petroleum-Chemiekeule einnebeln (übrigens der Grund für meine dauerallergischen Reaktionen). Den Bewohnern ist es in dieser Zeit unter Strafe verboten, das Haus zu betreten. Man steht auf der Strasse und sieht nur, wie die Rauchschwaden durch die Ritzen nebeln. Dann retten sich ein paar Kakerlaken auf die Strasse, um dort zu verrecken. Aber was die „Ghostbuster“ da drinnen alles machen - weiss man nicht.

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Illustration: Julia Schubert

So zum Beispiel wurde Ende Oktober diesen Jahres in Indien die Fliege bekämpft, die das Dengue-Fieber überträgt. (Foto: afp) Seltsam auch, dass der Kampf gegen den Feind „Aegis Aegypti“ von den Nachbarschaftsüberwachungsvereinen übernommen wird. Ok, vielleicht zu viel Spekulation, aber das spricht für dieses Land, denn was wirklich passiert, weiss man nie. Und warum Kubaner, die uns Ausländer in unsrem Haus besuchen ihren Auweis beim Hausbesitzer abgeben müssen, wird man auch nie erfahren. Oder warum Einheimische hohe Strafen bekommen, wenn sie Ausländer unangemeldet bei sich schlafen lassen, oder warum die meisten Kubaner trotz im Land vorhandener Technik keine Möglichkeiten haben, Internet zu benutzen. Oder warum ein eingestürztes Haus (was ab und zu mal passiert) unter Polizeistrafe nicht fotografiert werden darf. Alles ein großes Rätsel. Naja, aber am Ende stehen neben der Verwirrung über die Absurditäten auch immer wieder die positiven Erlebnisse in diesem Land. Die vielen Menschen, die man jeden Tag kennen lernt. Die vielen Einladungen oder allein die Tatsache, dass man nachts um vier, nachdem man seinen Schlüssel vergessen hat und seine Gastfamilie rausklopfen musste mit einem Lächeln und voller Verständnis begrüßt wird.


1. Eintrag Die ersten 24 Stunden auf Kuba Vor drei Tagen saß ich noch bis sechs Uhr früh an meinem Schreibtisch, um ein paar Stunden später im Prüfungsamt meine Magisterarbeit einzureichen. Jetzt sitze ich hinter Fabio auf einem Motorrad und cruise durch Havanna, in der rechten Hand eine Schokotorte balancierend, mit der linken Halt suchend. Der Grund für meinen Aufenthalt in Kuba ist eigentlich ein Arbeitsprojekt, für das ich mich bei ASA beworben habe. Es dreht sich um die Aufwertung eines marginalen Stadtteils von Santa Clara, wo sich meine Projektpartnerin Franziska bereits vor zwei Wochen eingefunden hat. Bevor wir uns dort treffen, greife ich allerdings auf das Angebot zurück, eine Nacht mit Fabios Familie zu verbringen, ein Kontakt den mir ein Freund aus Deutschland organisiert hatte. Wir brausen durch sämtliche Stadtteile Havannas. Das was an mir vorbeifliegt übertrifft sämtliche Klischeevorstellungen, die man über Kuba haben kann. Kaputte Villen, alte stinkende Amischlitten, Musik, überall wo man hinsieht Menschen: auf der Strasse, in den Eingängen der Häuser, überall. Während ich staune, verformt sich die Torte immer mehr zu einem breiigen etwas, das mir den Arm entlang rinnt. Sie ist Teil eines Spiels des Gebens und Nehmens, welches zwischen Fabio und mir abläuft: Er hat alles in die Wege gelenkt, dass ich mich wohlfühle, sogar Fischstücke und eine Avokado hat er auf dem Schwarzmarkt für das Abendessen besorgt. Ein Festmahl, das nach seiner Auffassung nur mit einer Schokotorte abgerundet werden kann. Hier bin ich gefragt, denn die Ausgaben dafür, würden einem Drittel seines Monatsgehalts entsprechen. So fahre ich an meinem ersten Tag in Kuba mit dem Motorrad ans andere Ende von Havanna, zum wahrscheinlich einzigen Schokotortenkonditor der Stadt. Fabio weicht einem Fahrrad aus, die Schokotorte klebt mittlerweile am linken Rand des durchsichtigen Plastikbehälters. Ihm ist das egal, auch Tortenbrei ist eine Delikatesse. Über Kuba Kuba, die größte der Atilleninseln, befindet sich seit dem Zusammenbruch des Sowjetsystems in einer schweren ökonomischen Krise, die auch das alltägliche Leben dominiert. Haupteinnahmequelle ist heute der Tourismus in den Luxusressorts entlang der Küste. Die Regierung versucht trotz leichter wirtschaftlicher Öffnung des Landes, den Sozialismus weiter aufrechtzuerhalten und alles zu kontrollieren, schafft es aber nicht mehr, seine Bevölkerung ganz zu versorgen. Mit Einführung des Dollars als Zweitwährung macht sich auch langsam ein Zweiklassensystem bemerkbar, aufgeteilt in die, die Zugang zum Dollar haben und die, die auf die staatlichen Löhne und Lebensmittelkarten angewiesen sind.

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Illustration: Julia Schubert

Sebastian.

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Illustration: Julia Schubert

Das Foto stammt aus dem dpa-Archiv. In unserem Projekt geht es um die Fortführung einer Aufwertungsinitiative in einem marginalen Stadtteil, der sich bis in die späten 80er Jahre durch Indikatoren ausgezeichnet hat, die typisch für lateinamerikanische Elendsviertel sind: informelle Bebauung, hohe Arbeitslosigkeit, Jugendschwangerschaft, Alkoholismus usw. Durch staatliche Hilfe und lokale Akteure wurde eine Initiative ins Leben gerufen, die die Bewohner selbst dazu motivieren sollte, die Aufwertung des Stadtteils in die Hand zu nehmen. Bis heute haben sich dadurch die Lebensverhältnisse sichtlich und spürbar verändert. Leider wird diese Initiative nicht mehr weiter gefördert. Unsere Aufgabe wird es sein, Ideen zu entwickeln, wie auch ohne direkte staatliche Förderung das Potential am Leben gehalten werden kann, die Entwicklung des Stadtteils selbst in die Hand zu nehmen. Frustration und Gewitter Wir laufen durch den Stadtteil, der zum Gegenstand unseres Projekts geworden ist. „Wir“, das sind Franziska, meine Projektpartnerin, Papito, der „Kulturmanager“ des Stadtteils und ich. Über uns baut sich eine Wolkenfront auf, die immer bedrohlicher und dunkler wird. Papito stört es nicht, weil man in Kuba erst an Regen denkt wenn er sich über einen ergießt. Uns ist es gleichgültig, da sich die ersten Frustrationserscheinungen ausgebreitet haben, an denen das anstehende Unwetter auch nichts mehr ändern kann: Unser Kooperationspartner, der das ganze Projekt vorgeschlagen hatte, wurde vom Militär eingezogen. Die Realität vor Ort ist eine andere, als sie sich uns aus dem Projektvorschlag erschlossen hat und die Ansprechpartner, die übrig bleiben, haben unterschiedliche Auffassungen von unserem Einsatz. Erst als der Himmel aus allen Nähten platzt, rennen wir in das nächstbeste Haus, auf das wir stoßen. Wir befinden uns in einer Metzgerei. Außer uns suchen noch ein paar andere Passanten hier Unterschlupf. Die Fliegen freuen sich über die Abwechslung und verlassen ihren Stammplatz über dem Fleischstück, um sich auf die frisch verschwitzten Körper zu stürzen. Der Metzger bietet freundlich ein paar blutverschmierte Sitzgelegenheiten an. Ich entscheide mich für einen Stehplatz in der Nähe der Tür, um den gammligen Fleischgeruch mit etwas Frischluft zu vermengen. Das Gewitter hat sich mit aller Kraft über uns entfaltet. Bei jedem Blitz geht die Neonröhre aus, was von den Schutzsuchenden jedes Mal mit schallendem Gelächter kommentiert wird. In meiner Sandale verheddert sich der Ringelschwanz eines Schweins, der Metzger hebt es auf und macht ein paar obszöne Anspielungen damit, während sein Kumpel schnell in den gegenüberliegenden Laden rennt, um eine Flasche Wein zu besorgen. So sitzen wir hier für zwei Stunden, haben neue Freunde gewonnen und sind glücklich. Hier findest du einen Überblick über alle ASA-Blogger.

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