Vier Monate in Guatemala. Bettina schreibt, was ihr bleibt: der Reggaeton

Arbeits- und Studienaufenthalte im Ausland, kurz ASA: Die kann mit einem Stipendium machen, bei dem man sich hier bewirbt. Bettina, 26, fuhr mit dem Stipendium nach Guatemala. Wir präsentieren ihren sehnsuchtmachenden Reise-Arbeits-Abenteuer-Blog (erster Eintrag auf der letzten Seite) und verweisen obendrein auf ihren sehr schönen Foto-Blog. +++ Hier die Übersicht über die anderen acht ASA-Blogs auf jetzt.de, in denen ihr Geschichten aus der Entwicklungshilfe in aller Welt findet.
bettina-heinze

7. Eintrag Blick zurück "You spent your own money, you work instead of travelling. Why are you doing all this, I don´t get it" meinte eine Backpackerin zu uns, als wir von unserem ASA-Projekt erzählten. Manchmal, wenn wir keinen Schritt weiter kamen und ich am verzweifeln war, habe ich mir diese Frage auch gestellt. Aber das scheint schon eine halbe Ewigkeit her zu sein.

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Illustration: Julia Schubert

Bettina mit Gepäck. Seit drei Wochen bin ich jetzt wieder in Deutschland. Die schlechten Erinnerungen wurden von meinem Gedächtnis aussortiert, zurück bleiben nur Momente, die mich lächeln lassen. Die mich sehnsüchtig machen. Sehnsüchtig nach Guatemala, nach den Menschen die ich lieb gewonnen habe. Und ich bin auch ein bisschen stolz, zusammen mit Kerry ein eigenes Projekt auf die Beine gestellt zu haben. Wir haben uns gemeinsam durch Tiefen und Höhen geschlagen, haben an unseren Ideen festgehalten und sind jetzt um viele Erfahrungen und Abenteuer reicher. Erlebnisse, die wir sicher nicht gemacht hätten, wären wir als Backpacker durchs Land gereist.

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Illustration: Julia Schubert

Unser Aufenthalt in Guatemala ist zwar zu Ende, aber das Taschen-Projekt geht weiter. Ein Laden in Antigua verkauft die Costal-Taschen und wir wollen versuchen, auch in Deutschland interessierte Geschäfte zu finden. Wie das alles funktionieren soll, weiß ich auch noch nicht. Aber nach vier Monaten Guatemala gehe ich gelassener mit Problemen um und suche die Lösung in Umwegen und Improvisationen. Wenn wir um 14 Uhr ein Treffen wollten, setzten wir den Termin auf 12 Uhr, so dass auch alle pünktlich um 14 Uhr da waren. Wenn wir keinen Strom hatten, haben wir mit mechanisch betriebenen Nähmaschinen gearbeitet. Ein Stock wurde zum Lineal, der Fußboden zur Zeichenfläche. Jetzt bin ich gespannt auf das, was kommt, höre Reggaetón (mit dem man mich vor fünf Monaten von jeder Party jagen konnte) und schwelge in Erinnerungen. +++ 6. Eintrag (geschrieben am 8. November 2006) Ein Prinz unterm Bett Ich habe viele verrückte Sachen in Guatemala erlebt, aber das heutige Erlebnis war etwas Besonderes. Als Kerry nach meinem verschollenen Schuh unter dem Bett suchte, fand sie etwas ganz anderes. Wir waren uns am Anfang nicht sicher, um was es sich handelte. Das braun-rötliche Etwas hätte gut ein vertrocknetes Brötchen sein können, womit wir gerne Vorlieb genommen hätten. So genau war das bei dem schummrigen Licht nicht auszumachen. Doch schon bald stieg der leise Verdacht in uns hoch, dass es sich um etwas anderes, um etwas ehemals Lebendiges handelte. Geschüttelt von Ekelgefühlen kreischten wir unseren Nachbarn aus seinem Zimmer - der uns im Handumdrehen von einer vertrockneten Riesenkröte befreite. Ich frage mich immer noch, wie um Gottes Willen dieses Tier unter Kerrys Bett gelangen konnte. Denn weder ein Fluss noch ein Tümpel sind in unmittelbarer Nähe. Die Idee, dass es sich natürlich um einen verwunschenen Prinzen handelte, kam mir leider erst, als die Kröte bereits von Don Olivio, unserem Hostalbesitzer, entsorgt worden war. MIST! Adios Jaca! Unsere Zeit in Jacaltenango neigt sich dem Ende zu und ich bin leicht melancholisch gestimmt. Morgen werden wir unser neu gewonnenes Heim verlassen müssen. Der Abschied fällt mir nicht leicht, da mir die Stadt und ihre Bewohner richtig ans Herz gewachsen sind. Unsere drei Näherinnen haben uns heute mit einer Riesentorte und zwei Huipiles (die traditionellen Blusen Jacaltenangos) überrascht.

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Bettina.

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Obwohl ich in dem Huipile hochschwanger aussehe, habe ich mich sehr über dieses Abschiedsgeschenk gefreut und mir stand vor Rührung fast eine Träne im Auge. Es ist einfach schön, eine engere Beziehung zu den Indìgenas, die Ausländern sonst sehr schüchtern entgegentreten, aufgebaut zu haben. Man kann fast behaupten, dass sich richtige Freundschaften entwickelt haben. Während der Arbeit scherzten wir über Männer, tauschten den neusten Tratsch aus, hörten uns die Lebensgeschichten unserer Näherinnen an und erzählten natürlich auch von unserem Leben in Deutschland. Und dann sind da noch Otto, bei dem wir täglich den Rechner belagerten, Dona Chusa, der uns jeden Morgen Wasser für unseren Kaffee aufwärmte, der kleine Junge aus der Bäckerei, dem wir das Wort „Hallo“ beigebracht haben und ganz viele andere Menschen, bei denen es uns schwer fällt Lebwohl zu sagen. Insgesamt haben wir 60 Taschen genäht, die wir im touristischen Antigua an Läden verkaufen werden, bevor es zurück ins kalte Deutschland geht. So können wir unseren Näherinnen ein faires Gehalt bieten und die vielen Unkosten decken, die sich im Laufe der Zeit angesammelt haben. +++ 5. Eintrag (geschrieben am 2. November) Life is good. Mit einer Kerze in der Hand stehe ich am Fenster und beobachte den strömenden Regen, wie er mit pochender Lautstärke auf das Blechdach gegenüber trommelt. Schon zwei Tage hat die ganze Stadt keinen Strom, dafür aber eine wundervolle Stimmung, da alle Menschen ihrem gewohnten Alltag nachgehen, nur eben bei Kerzenschein und ohne Telenovelas und lauter Shakira-Musik. Es herrscht fast eine weihnachtliche Atmosphäre, da auch das Wetter nebelig und etwas fröstelig ist. Zudem regnet es ohne Unterlass und die ungeteerten Straßen verwandeln sich in reißende Bäche, so dass es ein wahres Kunststück ist, mit dem Schirm in der einen, der Kerze in der anderen Hand trocken irgendwohin zu gelangen. In Deutschland wäre bereits nach wenigen Stunden ohne Strom Chaos ausgebrochen, aber hier strahlen alle Menschen eine Friedfertigkeit und innere Ruhe aus. So etwas färbt ab und ich lächele in die Dunkelheit. Seit zweieinhalb Wochen sind wir jetzt in Jacaltenango, einem Städtchen nahe der mexikanischen Grenze und ich fühle mich absolut wohl hier. Die Menschen scheinen offener zu sein als in Barillas. Wir werden auf der Straße gegrüßt und alle paar Meter halten wir an, um einen kleinen Plausch zu halten. Kaum waren wir hier angekommen, veranstalteten wir eine Info-Veranstaltung, um Frauen zu finden, die nähen können. Zu meiner Überraschung erschienen 30 Indigenas, die sich uns als professionelle Schneiderinnen vorstellten. Doch nach und nach stellte sich heraus, dass sie über sehr wenig Fachwissen verfügen und bei uns einen Nähkurs machen wollten. Wir beugten uns den Umständen und erklärten allen Interessierten den Taschenschnitt. Jede Frau fertigte ihre eigene Tasche und wir waren schwer damit beschäftigt, alles unter Kontrolle zu halten. Halb Jacaltenango läuft jetzt mit einer Costal Tasche herum. Dazu muss man erwähnen, dass sich die Frauen hier mit traditionellen Kleidern kleiden und die Kombination ein witziges Bild abgibt.

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Da wir nicht mit 30 Frauen gleichzeitig arbeiten können, musste eine Auswahl getroffen werden. Es fiel mir mehr als schwer, vielen Frauen mitteilen zu müssen, dass wir sie leider nicht in die Arbeitsgruppe mit aufnehmen können. Denn viele waren mit Enthusiasmus bei der Arbeit und dankten uns immer wieder, dass wir da waren. Nach einigen Schwierigkeiten haben wir es inzwischen auch geschafft, ein kleines Atelier einzurichten und nähen zusammen mit drei sehr netten und hilfsbereiten Frauen Costal Taschen. Sie wechseln sich täglich ab, uns etwas zu essen mitzubringen und dabei können wir ihnen momentan noch nicht einmal eine feste Bezahlung bieten. Ich hoffe wirklich, dass aus unserem Projekt eine kleine „Firma“ für sie entsteht. Vielleicht können wir ihr Leben ein bisschen verbessern und sei es auch nur für den Moment. Unsere Abende verbringen wir mit Daniel und Emily aus dem Peace Corps (beim Peace Corps verpflichten sich Amerikaner, zwei Jahre lang Entwicklungshilfe zu leisten). Es ist vielleicht ungewöhnlich für Entwicklungshelfer, täglich bei Kerzenschein und Rum bis tief in die Nacht Karten zu spielen, aber wir haben Gefallen daran gefunden. Schwierig ist dann nur der Nachhauseweg in totaler Dunkelheit, hinweg über Speedbumps, Riesenpfützen und vorbei an kläffenden Hunden. Und am Ende der Odyssee wartet Don Olivio, unser Hostalbesitzer, und kann nicht glauben, dass wir schon wieder nicht die Ausgangssperre eingehalten haben, die er aufgestellt hat. Bier auf dem Friedhof Am ersten November war Tag der Toten. Ungewohnt, spannend und faszinierend zugleich. Schon Tage zuvor hatten die Guatemalteken mit den Vorbereitungen begonnen und zogen mit Körben voller Blumen zum Friedhof, um die Gräber ihrer Verwandten zu schmücken. Vor dem Friedhof wurden die verschiedensten Köstlichkeiten (Tortillas, Fleisch, Torten mit Zentimeter dickem Zuckerguss etc.) angeboten. Der Friedhof selbst war eine reine Farbenpracht, ein Meer aus Blumen und Girlanden überzog alles. Zwischen den Gräbern wurden Marimbas, eine Art Riesen-Xylophon, gespielt und ohrenbetäubende Feuerwerkskörper losgelassen. Man kann fast sagen, dass eine jahrmarktsähnliche Stimmung vorherrschte, da kräftig auf die Verstorbenen angestoßen wurde und der Friedhof bis nachts um elf noch „voller Leben“ war. Überall waren bekannte Gesichter die mich anlächelten und mir ein "buenas tardes seno Bettina" zuriefen. Ein älterer Guatemalteke lud mich zu meiner Freude vor dem Grab seiner Eltern auf ein Bier ein. Er erzählte mir seine Familiengeschichte und freute sich sichtlich, dass ich ihm zuhörte und mich für das Geschehen auf dem Friedhof interessierte. Für mich war es ein etwas surreales Gefühl, mit einem Bier auf dem Friedhof zu stehen, um mich herum neugierige Blicke und vor mir eine vierköpfige Marimba Truppe die unermüdlich die Klöppel auf die Tasten fallen ließ. Aber gleichzeitig fühlte ich mich unheimlich wohl und begriff, dass es ein Glücksfall und Luxus ist, so etwas miterleben zu dürfen.

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+++ 4. Eintrag (geschrieben am 11. Oktober) Die Heimkehr der Leichen Am Sonntag ist ein Bus (in dem ich genau eine Woche früher auch saß) auf dem Weg nach Barillas von der Strasse abgekommen und in eine 100 Meter tiefe Schlucht gestürzt. 35 Tote. Das Unglaubliche daran ist, dass der Busfahrer betrunken war und auch von der Polizei angehalten wurde, jedoch nach Bezahlung des Schmiergeldes weiterfahren durfte. Die ganze Stadt wartete im strömenden Regen auf die „Heimkehr“ der Leichen und unser Projektleiter wurde zu ihrer Identifizierung gerufen; unter den Toten waren auch Kinder. Zwei Tage danach fanden schon die Begräbnisse statt (Kühlhäuser gibt es nicht) und ein ellenlanger Trauermarsch zog sich durch Barillas. Solche Ereignisse machen mich wütend und traurig zugleich. Obwohl das Busfahren so einige Gefahren mit sich bringt, ist es für uns die einzige Möglichkeit, von A nach B zu kommen. Und das ist jedes Mal ein Abenteuer für sich. Natürlich gibt es so etwas wie geregelte Abfahrtszeiten nicht und ob man im richtigen Bus sitzt ist reine Glückssache. Immer drei Leute sitzen eingequetscht auf einer Bank, die eigentlich nur für zwei Personen gedacht ist. Und immer wenn man denkt, der Bus ist jetzt wirklich bis auf den letzten Millimeter voll, quetschen sich noch mal eine Handvoll Leute herein und man hat kaum noch Luft zum Atmen. Dann wird die Fahrt je nach Musikgeschmack des Busfahrers mit ohrenbetäubender Musik begleitet. So habe ich einmal vier Stunden mit Latino-Techno verbracht, der in der Lautstärke mit jeder Disko mithalten konnte. Neben mir saß eine Indigena, die ihr Kind entlauste und am Fenster zogen Kaffeeplantagen und Maisfelder vorbei. Eine Loveparade der anderen Art. Morgen werden wir Barillas verlassen und nach Jacaltenango ziehen, da es dort eine Gemeinschaft von Näherinnen geben soll. Zwar wurde uns immer wieder gesagt, dass es Näherinnen in Barillas gebe, doch in der Realität hatten 20 Frauen erst seit einer Woche Unterricht. Der Kurs zieht sich über drei Monate hin und mit dem Leiter des Kurses ist es nicht möglich zu kommunizieren, da er sich seit Tagen mit Alkohol betäubt. +++ 3.Eintrag (geschrieben am 2. Oktober) Aus die Maus Aus den zehn Tagen Urlaub sind drei Wochen harte Arbeit geworden und Kerry und ich sind momentan in Antigua, um Taschen zu nähen, da sich unser ursprüngliches Projekt in Luft aufgelöst hat. Zugegeben, die erste Woche war wirklich Urlaub. Wir sind unter dem Applaus unserer israelischen Mitreisenden von riesigen Felsenklippen in den Lago Atitlan gesprungen, haben einen Crashkurs in Rückenmassage besucht, uns an westlichem Essen erfreut und alle Annehmlichkeiten des Backpacker Lebens in vollen Zügen genossen.

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Danach landeten wir jedoch durch irrsinnige Zufälle in Guatemala City, wo wir die Gelegenheit hatten, mit der Deutsch-Guatemaltekischen Handelskammer zu sprechen, der deutschen Botschaft einen Besuch abzustatten und an einem Designkongress teilzunehmen. Im Mittelpunkt stand immer unser Projekt. Wir erhofften uns Rat und Hilfestellung, um mit unserer Arbeit einen Schritt weiterzukommen oder zumindest unserer Organisation weiterzuhelfen. Wir trafen schließlich unseren Projektleiter Gerado, um ihm von unserem neuerworbenen Wissen zu berichten. Zu unserer Überraschung gestand uns dieser, dass unsere Bemühungen unnötig gewesen waren. Denn das Projekt "Indigo" war bereits vor unserer Ankunft zum Scheitern verurteilt. Es existieren keine Felder, auf denen die Anilpflanze angebaut werden könnte und ein Absatzmarkt für den Indigo Farbstoff ist nicht gegeben. Dieser Sachverhalt war uns bis jetzt verschwiegen worden. Wir waren die letzte Hoffnung der Organisation, das Projekt noch zu retten. Dabei wurde jedoch übersehen, dass ich als Designerin und Kerry als Schneiderin recht wenig ausrichten können, zumal das gesamte Konzept von Anfang an nicht durchdacht war. Bags Rule Innerlich schäume ich angesichts dieser Neuigkeiten. Hätte man uns das nicht früher sagen können? Wieso wurden wir bis jetzt von Tag zu Tag vertröstet oder mit einer geschönten Wahrheit konfrontiert? Es geht ja nicht um mich, sondern darum, zu helfen, was sicherlich mit einer anderen Aufgabe möglich gewesen wäre. Zu unserem Glück haben Kerry und ich bereits einen Notfall-Plan erstellt. Aus purer Langweile hatten wir noch in Barillas eine Tasche aus einem Costal genäht. Costale sind alte Mehl- oder Zuckersäcke, dichtgewebtes Plastik mit den verschiedensten Aufdrucken. Unser neuer Plan ist nun, diese Taschen zusammen mit Frauen in Barillas zu produzieren und geeignete Käufer zu finden. So kauften wir uns eine Nähmaschine in der Hauptstadt und sind momentan damit beschäftigt, verschiedene Taschenmodelle zu gestalten.

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Don´t read the news! Ich habe aufgehört, die guatemaltekische Zeitung zu lesen, da jeden Tag nur über Gewaltverbrechen berichtet wird, die sich im ganzen Land ereignen. Alleine in Guatemala City passieren jeden Tag 16 Morde und in der Zona una kann man Drogendealer beobachten, die sich ihre Kokainpäckchen zuschieben. Ich habe immer noch einen Kloß im Hals, wenn ich daran denke. Touristen als Zeugen sind bestimmt nicht gerne gesehen. Wenn man in Guatemala City (die hässlichste Stadt, die ich je gesehen habe) mit dem Bus fährt (was man tunlichst unterlassen sollte), kann es gut passieren, dass ein Ex-Mörder den Bus betritt, um Kekse zu verkaufen. Das hört sich dann etwa wie folgt an: Guten Tag, ich möchte kurz um ihre Aufmerksamkeit bitten. Früher war ich ein schlechter Mensch, ja ich habe gemordet und Menschen überfallen, aber ich habe mich geändert. Ich bin ein neuer, ein besserer Mensch geworden. Bitte unterstützen Sie meine neue Lebensweise und kaufen ein paar Kekse.


+++ 2. Eintrag (geschrieben am 8. September) Wievieler Waffen bedarf es ... ... um sich in einem abgedunkelten Raum, nachts um 0.00 Uhr, zusammen mit sieben betrunkenen Guatemalteken (und wir als einzige Frauen), unbehaglich zu fühlen? Uns haben zwei ausgereicht, die wir zufällig auf einem Tisch entdeckten. Das Mitführen von Waffen wird hier anscheinend etwas lockerer gesehen. In Barillas werden abends um 18.00 die Bürgersteige hochgeklappt, denn es gibt hier nichts, rein gar nichts, was man unternehmen könnte. Keine Restaurants, keine Cafés, keine Bars, kein Kino, keine Buchhandlung ... nada. Es ist für mich sehr überraschend, dass so etwas wie Freizeitgestaltung überhaupt nicht existiert. Daher nahmen wir die Einladung zu einem geselligen Abend von unserem Arbeitskollegen Huber, der anscheinend Mitleid mit uns hatte, dankend an. Denn auf Dauer ist es unheimlich langweilig, jeden Abend um acht Uhr im Bett zu liegen. So fanden wir uns mit sechs von Hubers Bekannten in einem Holzschuppen ein, einer so genannten Cantina, die normalerweise ausschließlich Männern vorbehalten ist. Wir haben schnell gemerkt, dass Frauen in der Öffentlichkeit (zumindest in unserem Projektort Barillas) kein Bier trinken. Wagten wir trotzdem ein Feierabendbier zu unserem Essen zu bestellen, wurden wir gefragt, ob wir uns denn betrinken wollten - Alkohol wird von den Einheimischen nur konsumiert, um sich damit die Kante zu geben. Trotz der Waffen war es ein netter Abend mit Kerzenschein und Musik aus dem Handy, da der Strom ausgefallen war. Ein Umstand, an den wir uns bereits gewöhnt hatten. Porn Stars Woran wir uns allerdings immer noch nicht gewöhnt haben, ist die Tatsache, dass wir als weißhäutige Frauen extrem auffallen. So ist es keine Seltenheit, dass die männliche Spezies jegliche Beschäftigung einstellt und sich voll darauf konzentriert, mit Zischen, Pfiffen und zweideutigen Zurufen auf sich aufmerksam zu machen. Wir meinen, ein Geheimnis hinter diesen Zurufen gelüftet zu haben: die Pfiffe gelten nicht etwa der Schönheit, dem Intellekt oder der Grazie der Frau, nein, es handelt sich um die Annahme, alle weißen Frauen würden sich so freizügig wie die Frauen in westlichen Porno Filmen verhalten. Macht man darauf aufmerksam, dass dem nicht so sei, bekommt man die Antwort: Doch, doch ich habe es in vielen Filmen gesehen. So muss es sein. So zumindest hat uns das Romulus der Taxifahrer erklärt, dessen Einladungen zu einer kostenlosen Stadtrundfahrt wir täglich dankend ablehnen. Dass jegliche Beschäftigung eingestellt wird und wir beobachtet werden, kommt nicht nur auf der Straße vor, sondern auch bei uns im Büro. Manchmal fühle ich mich wie ein Affe im Zoo, wenn zwei Erwachsene um mich herum stehen und mir beim Arbeiten zuschauen. Nicht, dass ich besonders spannende Sachen mache. Es sind so profane Dinge wie Bilder ausschneiden, um eine Collage vorzubereiten oder einen Kalender zeichnen etc. Die Arbeitshaltung der Guatemalteken fordert mir einiges an Geduld ab. Das erste, was unser Projektleiter tut, wenn er morgens das Büro betritt, ist nicht etwa, den Rechner anzustellen, nein, sondern den Fernseher. Und ob er zwischen "Fernsehen" und "Uns beobachten" arbeitet, kann ich nicht sagen. Ich hoffe es einfach mal.

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Mit unserem Projekt treten wir leider auf der Stelle und kommen nicht weiter. Es fehlt uns eine genaue Aufgabenstellung, und wir sind hier in unseren Möglichkeiten sehr beschränkt. Nähmaschinen sind nur über ein Fußpedal in Gang zu bringen und man verspricht uns die ganze Zeit, dass bald Frauen da sein werden, die nähen und weben können, aber langsam glauben wir nicht mehr daran. Gestern initiierten wir ein erstes Krisengespräch mit unserem Projektleiter, um das Ganze etwas voran zu treiben. Das Gespräch verlief jedoch nicht sehr produktiv. Mitten in der Unterhaltung nahm sich dieser ein Wollknäul, das noch vom „Wir färben mit Indigo-Workshop“ übrig war, und presste es sich vor seinen Mund. Es schien als wolle er es inhalieren. Wir waren mehr als perplex und haben uns gefragt, ob das vielleicht eine einheimische Geste darstellt und ob wir jetzt auch Wollknäule inhalieren sollten. Obwohl Kerry und ich uns gegenseitig Mut machen, krampft sich mein Bauch immer mehr zusammen und ich bekomme das unterschwellige Gefühl nicht los, dass es so nicht weitergehen kann. Zwar haben wir von ASA immer wieder gesagt bekommen, dass wir nicht zuviel vom Projekt erwarten dürften und das Ergebnis nebensächlich sei, aber trotzdem. Ich möchte meine Zeit nicht mit Nichtstun vergeuden, davon haben am Ende weder ich noch meine Partnerorganisation etwas. Um der Situation kurzzeitig zu entfliehen und wieder einen freien Kopf zu bekommen, werden wir daher morgen Richtung Zivilisation fahren und zehn Tage umherreisen. Juchheee! +++ 1. Eintrag (geschrieben am 22. August) Der Stress hat sich in die Ecke verkrochen Es ist ca. 20.00 Uhr, so genau weiß ich das nicht, da ich weder eine Uhr noch ein Handy besitze. Ich sitze seit vier Stunden mit meiner Projektpartnerin Kerry auf der Rückbank eines Jeeps, der definitiv schon bessere Jahre gesehen hat. Wir befinden uns auf der Rückfahrt von Ixcan, einem kleinem Dorf im Nordwesten Guatemalas nach Barillas, unserem Aufenthaltsort. Der Jeep kämpft sich über schlammige Geröllpisten und unser Kopf stößt bei besonders großen Löchern gegen die marode Decke des Autos. Draußen ist es dunkel und neblig, langsam beginne ich mich zu wundern, wie unser Projektleiter Gerado überhaupt die Straße erkennen kann, die an einer steilen Schlucht entlangführt. Jetzt fängt es auch noch an zu regnen und die "Straße" wird immer schlammiger. So richtig wohl ist mir nicht. Noch vor zwei Wochen war ich ein Traveller wie jeder andere und mit meinem 20 Kilo Rucksack in Mexiko und Guatemala unterwegs. Insgesamt fünf Wochen des Reisens, die ich dafür nutzen wollte, um mich zu akklimatisieren und schon einmal Land und Leute kennen zu lernen, bevor es dann mit dem Projekt losgeht. Es fühlt sich an, als wäre ich schon Monate lang verreist. Der ganze Stress, den ich noch in Deutschland hatte, hat sich in meinem Kopf in die letzte Ecke verkrochen. Und es war egal, ob der Tag vollgestopft war mit neuen Orten, wilden Aktionen, langen Nächten und vielen Leuten - oder ob einfach nix passiert ist außer in der Hängematte zu liegen ... Am Abend blieb immer ein tiefes Lächeln übrig und ich fiel zufrieden wie ein Kind nach Weihnachten ins Bett.

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Aber diese Wochen des Reisens sind erstmal vorbei, denn Anfang dieses Jahres habe ich mich im Rahmen eines entwicklungspolitischen Austauschprogramms (ASA-Programm) für ein Design-Entwicklungshilfe-Projekt beworben und siehe da, es hat geklappt. Zusammen mit meiner Projektpartnerin Kerry bin ich vom touristischen Antigua aus nach Barillas gefahren. Barillas ist ein Städtchen (circa 8000 Einwohner und doppelt so viele Straßenköter) im Nordwesten Guatemalas und liegt abgeschieden von Gut und Böse zwischen grünen Bergen im Hochland. Dorthin verirrt sich kein Lonely Planet-Reisender, was zum Einem daran liegen mag, dass Barillas in keinem Reiseführer gelistet ist und zum Anderen daran, dass man das Dorf nur durch eine sechs bis sieben-stündige Fahrt im Jeep erreicht. Die meisten Menschen im Hochland sind Indigenos und sehr, sehr arm. Dächer aus Wellblech, die Wände notdürftig mit Holz zusammengehämmert. Hühner wie Schweine wandern in der Küche aus und ein. Gekocht wird über einem offenen Feuer und bis zu vier Personen schlafen in einem Bett. Die Männer sind tagsüber auf dem Feld und die Frauen kochen zu Hause das Essen und kümmern sich um ihre zahlreichen Kinder. Angesichts dieser absoluten Armut fühle ich mich vollkommen hilflos. Ich weiß nicht was ich sagen soll oder wie ich helfen könnte. In Barillas soll ich die gemeinnützigen Organisation Acodihue unterstützen, indem ich Produkte für den westlichen Markt gestalte. Hauptgrund für das angebotene Projekt ist, den Bauern der Region eine Alternative zu den bisherigen Feldfrüchten zu bieten: die Anilpflanze, aus der man den blauen Textilfarbstoff Indigo gewinnen kann. Bis jetzt ist die Arbeit vor allem auf dem technischen Gebiet vorangeschritten. Nun müssen die marktwirtschaftlichen Aspekte und deren Entwicklung bearbeitet werden. Unsere wichtigste Aufgabe wird darin bestehen, einen Produktkatalog verschiedenster Verarbeitungsmöglichkeiten der mit Indigo gefärbten Textilien zu erstellen. So hört sich zumindest die offizielle Projektbeschreibung an. Dass die Realität vor Ort immer anders aussieht, wird uns bereits nach 10 Tagen immer deutlicher. Wir haben zwar schon unser „Büro“ bezogen, einen Raum mit einem langem Tisch, zwei Stühlen und einer Glühbirne - die liefert aber kein ausreichendes Licht, da der Strom zu schwach ist. Jedoch schien unser Auftrag erst einmal nebensächlich zu sein. Wir verbrachten die erste Woche damit, den Menschen zu erklären, dass Lamm sehr wohl Fleisch ist (es scheint, dass ich die einzige Vegetarierin in dieser Stadt bin), dass Deutschland nicht neben Kuba liegt und dass wir keine Amerikaner sind, obwohl wir auch Englisch sprechen können. Die anstrengende Reise nach Ixcan diente unserem Projektleiter Gerado dazu, um an einer Schule nach dem Rechten zu schauen, die mit Hilfe von Spenden erbaut wurde. Da wir nichts anderes zu tun hatten, begleiteten wir ihn kurz entschlossen dorthin, um mehr von der Gegend zu sehen. Denn die Natur ist atemberaubend schön und man fühlt sich, als sei man in ein Nacional Geographic Hochglanzbild geschlüpft. Schon als wir mit dem Jeep in den Schulhof einbogen, wurde das Auto von einer Kinderschar verfolgt, die aufgeregt versuchte, ein Stückchen mitzufahren. Wir durften eine Unterrichtsstunde begleiten. Ich empfand es aber als gewöhnungsbedürftig, vor 30 indigenen Kindern zu stehen, die einen mit offenem Mund anstarren und mucksmäuschenstill sind. In der Pause kamen die mutigsten Kinder auf mich zu und berührten mich unter lautem Gekicher. Wahrscheinlich, weil sie noch nie eine Weiße mit Sommersprossen gesehen hatten. Eine andere Erklärung habe ich nicht, höchstens dass es eine Art Mutprobe ist, um zu sehen, ob ich beiße. Wir erzählen den Kindern, dass es in Deutschland im Winter sehr kalt wird und wir manchmal Schnee haben. Dann fällt uns ein, dass sie den Begriff Schnee ja gar nicht kennen. Und dass "sehr kalt" auch recht schwierig nachzuempfinden ist, wenn draußen brennende 35 Grad Hitze herrschen. Da uns auch kein deutsches Kinderlied außer „Alle meine Entchen“ einfiel, verbrachten wir die Unterrichtsstunde zeichnend mit den Kindern.

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In der Mittagspause wurden wir von einer Indigena in ihre Wellblechhütte zum Essen eingeladen. Es gab Tortillas (Maisfladen), die von den Frauen frisch zubereitet wurden, Bohnen und Reis. Sie erzählte uns, dass sie mit 32 Jahren elf Kinder hat. In diesem Moment fühlte ich so richtig, was mit dem Wort Kulturschock gemeint ist. Sie war aber, glaube ich, genauso geschockt zu hören, dass ich mit 26 weder ein Kind habe noch verheiratet bin. Dass ich dafür lesen und schreiben kann, nahm sie nur mit einem Kopfnicken zur Kenntnis. Nach der langen Fahrt tauchen jetzt die Lichter von Barillas auf. Ich bin etwas erschöpft, freue mich aber auf morgen, da wir einen Webkurs beginnen werden. Eine alte Indígena aus Todos Santos wird uns in ihrer Holzhütte in die Geheimnisse der uralten Maya-Webkunst einweihen.

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