1038110



Freitags ist es am schlimmsten. Noch vor Sonnenuntergang spucken die Straßenbahnen am Albertplatz junge Menschen in unerträglich großer Zahl aus. Hipster und Punks, Atzen und Biedermenschen, Mediziner und Maschinenbauer. In der Alaunstraße, der Einflugsschneise zur Dresdner Neustadt, verknäulen sie sich, mit dem Rad kommt dann nur noch durch, wer Wagemut beweist und sehr, sehr gute Bremsen hat.  

Gar nicht mehr durch kommt man mit dem Rad in diesen Wochen. Warum? Das Lösungswort im Unglücksrad zählt 21 Buchstaben: Sommersemesterauftakt. Geführte Gruppen von Erstsemestern schieben sich wie mobile Barrikaden durch die Straßen. Von oben muss das aussehen, als habe der Weltgeist sein altes Nokia 3210 herausgeholt, um eine Partie human snake zu spielen. Kommt man mit dem Rad trotzdem durch, findet man ein paar hundert Meter weiter im Alaunpark keinen Platz mehr und wenn doch, dann nur dort, wo kurz vorher der Hund eines Punkers oder der Punker selbst einen mächtigen Haufen hingekringelt hat. Die Kneipen? Sind natürlich auch alle voll, also geht man nach Hause, man legt sich vor der Zeit ins Bett, aber das hilft nichts, weil das kubanische Restaurant unter einem im Innenhof die Grillsaison eröffnet. Gegen zwei Uhr überlegt man, eine Petition für das Verbot von Bongos zu starten.  

Freitags ist es am schönsten. Am Albertplatz sieht man Atzen und Punks einander zulächeln, in der Alaunstraße sammeln sich herrlich viele Erstsemestergruppen. Man lächelt ihnen zu und denkt, Freunde, wir brauchen Euch, gerade hier, in dieser manchmal etwas onanistischen, sich selbstbefriedigenden und selbstzufriedenen Stadt. Man geht zum Dönermann, bis es klirrt im Beutel (“Sterni 80 Cent, Bier 1,50 Euro”), und im Alaunpark trifft man wie immer zufällig Menschen, die man kennt und die zu sehen man sich freut. Man führt Gespräche mit Medizinern über die Alltagstauglichkeit von Anästhetika, mit Maschinenbauern überlegt man nach Google-Anfragen, die möglichst wenige Ergebnisse liefern, mindestens aber eines (“Blauwalpenis Hitler” ist lange im Rennen, scheitert aber im Praxistest). Irgendwann am Morgen, wenn es schon wieder hell wird, fällt man glücklich ins Bett. Man überlegt, sich ein Paar Bongos zu kaufen.  

Willkommen in der Dresdner Neustadt. Einem Viertel, so sagenumwoben, so anders und dann doch wieder kreuznormal, dass man sich ihm am besten anekdotisch nähert. In Gänze ließe sich die Neustadt sowieso nicht vermessen. Gleich also soll es ums Asi-Eck gehen, um Prohibition im Jahr 2015 und um ein jährliches Frühstück der Tausenden. Vorher müssen wir aber den Pflichtstoff durchnehmen. Es wird nicht lang dauern, versprochen.  


Als es die DDR noch gab, wohnte meine Oma in der Neustadt, Katharinenstraße. Gäbe es meine Oma heute noch, sie würde gewiss nicht mehr hier wohnen. Das liegt nicht am üppigen Gründerzeitbestand, der natürlich immer noch reizvoll ist. Es ist vielmehr so, dass sich das Wesen des Viertels komplett verändert hat. Die verbrauchten Lederhäute in den Räucherstübchen erzählen noch heute vom Früher wie von einem höllischen Paradies, das überlebt zu haben keine Selbstverständlichkeit sei: Zum Mauerfall wuchsen Birken aus maroden Dächern, darunter saßen Punks und Nazis beeinander. Orientierungslosigkeit, Haulust, und, Mensch, was haben wir gesoffen! 1990 noch wurde das gegründet, was man heute eine Mikronation nennt. Die Bunte Republik Neustadt (BRN) war ein kaum hoch genug zu schätzender Versuch, sich “den Verhältnissen” entgegenzustellen. Überhaupt, Verhältnisse, wie das immer klingt. Als hätte man keinen Einfluss darauf.  

Auch in der Neustadt haben sich die Verhältnisse irgendwie durchgesetzt. Von den damals jungen Wilden sind viele geblieben, sie sind jetzt milde und nicht mehr ganz so jung, sie haben Kinder, und der ganze Gentrifizierungsirrsinn geschieht in der Neustadt in ähnlich flirrenden Farben wie anderswo. In dem Laden, in dem man gestern noch sein Gemüse holte, wird am nächsten Morgen schon tibetische Heilmedizin verkauft, die Autos werden mehr und dicker, der Mietspiegel kennt seit Jahren nur eine Richtung. Als Student zieht man da im Zweifel lieber auf die schlechte Elbseite, Altstadt, nach Löbtau zum Beispiel, wo es auch Gründerzeit gibt, aber - face it, Löbtau! - leider kein Leben. Nullinger.  

Was die Neustadt aber immer noch unterscheidet, das ist eine seltene, geheimnisvolle Widerstandskraft gegen die Verhältnisse, die man nur manchmal und mit Glück zu sehen bekommt. Damit sind wir, endlich, bei den Anekdoten.  

Straßenbahn-Blockieren am Asi-Eck

Erstens: Asi-Eck (auch: buntes Eck, Bermudadreieck). “An einer Straßenecke zu stehen und auf keinen zu warten, das ist Power.” Großer Satz von Gregory Corso. Und allabendliche Sommerrealität am Asi-Eck, Rothenburger-Ecke Louisenstraße. Dort sitzen die Leute, sie trinken Bier, sie warten: auf niemanden, nicht mal auf die Straßenbahn. Weil sie Bier trinken und ihnen manchmal langweilig ist, haben sie im vergangenen Sommer einen neuen Trendsport entwickelt. Straßenbahn-Streicheln. Fährt eine vorbei, hält man die Patschen dran. Albern? Auf jeden Fall. Gefährlich? Unter Umständen ja. Ein paar Mal mussten Bahnen sogar umgeleitet werden, weil die Menschen am Asi-Eck Straßenbahn-Blockieren spielten.  

Zweitens: Prohibition. Damit die Straßenbahnstreichelei aufhört und anderer Heranwachsenden-Quatsch, gibt es in den Spätshops der Neustadt am Wochenende nach 22 Uhr keinen Alkohol mehr. Wer einen Händler seines Vertrauens hat und ein Kunde dessen Vertrauens ist, der kommt natürlich trotzdem an Stoff und der kann große prohibitionistische Momente erleben. Erwachsene Männer stehen hibbelig Schmiere, andere erwachsene Männer verstauen die Pulle Jäger im Sichtschutz des Tresens im Jutebeutel.

Drittens: das Frühstück. Die BRN mag sich als Nation nicht durchgesetzt haben, als Stadtteilfest hat sie überlebt. Drei Tage im Juni, jedes Jahr. An deren letztem, dem Sonntag, stellen alle möglichen Menschen Tische und Stühle vor die Tür, es gibt ein großes, gemeinsames Stadtteilfrühstück. Diesen kleinen Tick hat sich die Neustadt bewahrt, auch wenn dabei inzwischen eher mal ein veganer Frühlingsquark geöffnet wird als eine weitere Pulle Sterni. In der Kombination aus beiden und dem Vielen dazwischen haben sich die Bewohner der Neustadt im Grunde recht gut eingerichtet.

Text: cornelius-pollmer - Foto: Bratscher, 106313/photocase.com