Frankfurt? Kann gut Gegensätze

Wer zum Studieren in eine neue Stadt zieht, muss sie erst Mal kennenlernen. Wir haben das schon mal im Schnelldurchlauf erledigt: 24 Stunden in Frankfurt - bei Worscht, Klischees in Anzügen und schielenden Ganoven.
nadja-schlueter

„Dass dir nachts an der Theke jemand erzählt, dass er Hotels in Abu Dhabi baut“, sagt Leo Fischer, ehemaliger Titanic-Chefredakteur und Frankfurter seit acht Jahren, „passiert dir nur in Frankfurt.“ Ein anderes Mal habe ihm ein betrunkener Rohstoffhändler gezeigt, wie er gerade mit seiner Rohstoffhandel-App mehrere Tonnen Coltan verladen ließ. „In Berlin machen sie ja alle das Gleiche. Hier nicht!“, sagt Leo.


Wenn man fürs Studium in eine neue Stadt zieht, gibt es viele Fragen: In welchem Viertel wohne ich am besten? Wo trifft man sich und wo gibt es die besten Drinks? Was muss ich wissen, um die Stadt zu verstehen? Wir beantworten diese Fragen im Studentenatlas auf jetzt.de und SZ.de für deutsche Studentenstädte. Wir starten mit Frankfurt, es folgen Dresden und Freiburg. Alle Informationen findest du unter sz.de/studentenatlas.

Frankfurt also. Mitten im Land, großer Umsteigebahnhof, großer Flughafen, Hochhäuser, Schnitzel mit grüner Sauce (schmeckt) und Apfelwein (schmeckt ab dem dritten Glas). Aber sonst? Ich weiß nicht viel über Frankfurt, das ist keine dieser Städte, bei denen alle „Da will ich unbedingt mal leben!“ schreien. Wie ist es, hier anzukommen? Welche Klischees stimmen und wie fühlt sich die Stadt an? Ich habe 24 Stunden, um das herauszufinden.

Als erstes will ich irgendwo rauf. Das Von-oben-Sehen hilft ja immer beim Verstehen. Also fahre ich vom Bahnhof zum Main Tower im Bankenviertel und dort auf die Aussichtsplattform, fast 200 Meter hoch. Über dem Main hängt Morgennebel. Frankfurt sieht groß aus und hört sich groß an, wie eine riesige Baustelle: ein ständiges Hupen und Hämmern und Sausen, viele Kräne und Autos, drumherum die Türme – der Skyper, die Commerzbank, der Eurotower, und, besonders abweisend, weil sehr schwarz und sehr glatt: die Deutsche Bank.

Wieder unten wirkt das Bankenviertel sehr still und klein. Vor allem die Neue Mainzer Straße, an der besonders viele der Türme stehen, ist geradezu lächerlich schmal. In einer hippen Bäckerei (Mann mit tätowierten Unterarmen, Frau mit Undercut, Sandwiches mit Auberginen) namens „Unser täglich Brot“ sitzen ein paar Klischees in Anzügen. Ausschließlich Männer. Bis eine Frau reinkommt, auch sie als Klischee: Sie trägt gertenschlanke Beine zum Bleistiftrock und bestellt einen grünen Smoothie zum Mitnehmen. Ich esse mein Sandwich und staune über die Ruhe. Wo sind bloß all die Menschen an diesem Dienstagmorgen? Mir wird das über Tag immer wieder auffallen, auf der Straße, in der Bahn, auf dem Campus: so richtig voll ist es nirgends.



Auch da nicht, wo vor Kurzem noch die Hölle los war: rund um den Neubau der EZB im Ostend. Die Zentrale liegt wie ein gerade gelandetes Ufo auf dem Areal der ehemaligen Großmarkthalle, die in das neue Gebäude integriert wurde. Direkt gegenüber, auf der anderen Straßenseite, ein ganz anderer Teil der Stadt. Runtergekommene Altbauten neben noch runtergekommeneren Neubauten, ein Laden für Autolacke, ein Thai-Imbiss, eine Sportsbar, eine Spielhalle. An einem Balkon hängt ein Plakat: „Wo Unrecht zu Recht wird, ist Widerstand Pflicht.“ Ich bekomme ein Gefühl, das mich durch den Tag begleiten und am Ende für mich viel von Frankfurt ausmachen wird: Diese Stadt kann gut Gegensätze. Aber die Gegensätze sind in sich und im Vergleich mit, sagen wir mal: der Welt, dann doch eher durchschnittlich. Bodenständig. Vielleicht liegt das ja auch an Hessen und seinen Menschen. Die Hessen, das wird Leo Fischer später noch sagen, könne nichts aus der Ruhe bringen, sie seien manchmal sogar apathisch. Es gebe da eine gewisse „Bräsigkeit“.

Frankfurter lieben an Frankfurt: die Internationalität

Ich fahre zur Uni. Der neue Campus im Westend ist wirklich schön: das kalksteinfarbene IG-Farben-Haus, der große Park mit Teich dahinter, der weitläufige Theodor-W.-Adorno-Platz. Hier gibt es tatsächlich mehr Menschen, trotz der Semesterferien, aber auch sie sind erstaunlich ruhig. Gerade läuft irgendeine Tagung, in sieben großen Sitzkreisen wird auf der Wiese leise diskutiert. Die Frankfurter Studenten sind unauffällig, nur die Dichte an Anzugträgern ist hier ein kleines bisschen höher als anderswo. Ich sitze in der Sonne und werde schläfrig. Frankfurter Bräsigkeit?

Frankfurter lieben an Frankfurt, dass es so international ist. Das betont Leo Fischer mit seinen Geschichten von interessanten Menschen, die er nachts in Bars trifft. Das betont auch Verena Boos, Autorin mit gerade veröffentlichtem Debütroman, die schon an vielen Orten gelebt hat und schließlich hier gelandet ist. Verena treffe ich in der Kleinmarkthalle, hier kriegt man persische Gewürze oder Kichererbsen im Zuckermantel, aber auch Frankfurter Rindswurst, die eine alte Dame mit bloßen Händen aus dem heißen Wasser fischt. Wurst heißt übrigens „Worscht“. Und den „Äbblwoi“ kriegt man in einem „Bembel“ (einer Steinzeugkanne). Wenn man diesen gemütlichen Dialekt neben den persischen Gewürzen hört – dann ist er wieder da, der Frankfurter Gegensatz.

>>> Warum Sachsenhausen nicht mehr so wichtig ist. Und wo die besten Studentenkneipen sind.



Dann: das Frankfurter Bahnhofsviertel. Das ist berühmt. Als kleinkrimineller Drogensumpf mit Alkoholikerkneipen, aber auch als Ort, der in den vergangenen Jahren neu entdeckt wurde. In dem die einen Straßenzüge nach deutscher Innenstadt oder In-Viertel aussehen (Kaiserstraße, Münchner Straße), während in den anderen Laufhäuser, Stundenhotels und Druckräume sind (Elbestraße, Niddastraße). Und in dem die Mietpreise mittlerweile so hoch sind, dass man es sich kaum noch leisten kann, dort zu wohnen, die Studenten zum Beispiel leben darum eher in Bockenheim oder Bornheim, da ist es noch bezahlbar.

Im Yok Yok gibt es ein "Sparmenü": eine Flasche Club Mate und ein kleiner Wodka für 4,50 Euro

Ich treffe Marvin Mendel, der das Frankfurt-Blog thatscene.com schreibt: über Musik, Kultur, Cafés, die Frankfurter Eintracht. Er zeigt mir die Studentenorte des Bahnhofsviertels. Zum Beispiel das Kaiser P, einen Partyraum in der Kaiserpassage, zwischen Gemüseladen, Kosmetiksalon, Afro-Shop und orientalischer Mode. Oder die Terminus-Klause, eigentlich eine muffige Pilsstube, aber auf einmal zur Szenekneipe geworden. Oder das Yok Yok, einen Kiosk, der „Sparmenüs“ anbietet: eine Flasche Club Mate und ein kleiner Wodka für 4,50 Euro. „Im Yok Yok habe ich schon Silvester gefeiert“, sagt Marvin. Draußen auf der Straße ist mehr los als zwischen den Bankentürmen und rund um die Uni zusammen. Händler, die auf der Straße stehen und rauchen. Junkies, die torkeln. Männer in Anzügen, die Kaffee trinken. Frauen, die Rollkoffer ziehen. Touristen, die auf einen Stadtplan starren. Studenten, die flanieren. Und Ganoventypen, zu denen der Begriff „zwielichtig“ tatsächlich noch passt, gedrungen, mit kleinen Augen, aus denen sie von unten her in die Welt schielen.



Abends im Henscheid, der Titanic-Stammkneipe im ruhigen Bornheim, sage ich Leo Fischer, dass ich am nächsten Morgen zum Frühstücken nach Sachsenhausen will, ein beliebtes Altbau- und Touristenviertel, pittoresk und voller Apfelwein-Kneipen. Leo rät ab. „Sachsenhausen ist nicht mehr so wichtig“, sagt er, „fahr lieber ins Europaviertel.“ Das hatte ein Bekannter, den ich nach Tipps fragte, auch gesagt. „Eine neue Plastikgegend“, nannte er es. Ein Wohnviertel mit kühler, moderner Architektur und einer riesigen Mall namens „Skyline Plaza“. Wahrscheinlich ist das der Ort, an dem Frankfurt über die Stränge schlägt, in seinem Versuch, großstädtisch und international zu sein. Dabei ist es eben gerade dann charmant, wenn es nicht verleugnet, dass es auch sehr hessisch und klein ist. Wenn der Rohstoffhändler in einer Kneipe, in der man ein „Sechser-Bembel" bestellt, tonnenweise Coltan verschiebt. Frankfurt ist provinziell-international. Und als ich am nächsten Morgen eben doch nach Sachsenhausen fahre und dann am Museumsufer entlang und über den Holbeinsteg zurück auf die andere Mainseite spaziere, ist es noch dazu: schön. Das muss ja auch mal gesagt werden.


Text: nadja-schlueter - Illustration: katharina-bitzl; Fotos: nadja-schlueter