Das badische Miami

Wer zum Studieren in eine neue Stadt zieht, muss sie erst mal kennenlernen. Wir probieren das in 24 Stunden. Diese Woche: Freiburg.
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Illustration: Julia Schubert



Ich trete aus dem Bahnhofsgebäude und bin in Florida. Es ist sechs Uhr abends, subtropisch heiß, und da stehen: Palmen. Und zwar nicht nur am Bahnhofsplatz, um arglose Besucher zu täuschen. Sondern auch überall in der Innenstadt. Freiburg ist eine der wärmsten Städte Deutschlands, das hatte ich schon gelesen. Die Wahrheit ist: Es ist ein badisches Miami. 

Kurz darauf sitze ich auf einem blaulackierten Eisenträger und trinke Radler. Alex hat es mitgebracht, mein erster Kontaktmann hier. Der Eisenträger auf der sogenannten "blauen Brücke" ist ein beliebter Treffpunkt, um in vier Metern Höhe die Abendsonne zu genießen. Ringsum sitzen Leute darauf wie biertrinkende Amseln, unter unseren baumelnden Beinen fährt hin und wieder ein Zug durch, vor uns knallt die Abendsonne ins Elsass. 24 Stunden in Freiburg könnten besser kaum starten. 

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Illustration: Julia Schubert



Alex, 31, arbeitet hier als Umweltingenieur, vorher hat er fast zehn Jahre in Berlin gelebt. Er kennt also beides: die richtige Großstadt und die Unistadt. "Freiburg ist erst mal eine wirklich schöne Stadt", sagt er. Schön und ruhig. Und ruhig erstens im übertragenen Sinn, weil das Leben in einer Stadt mit 200 000 Einwohnern natürlich nicht übertrieben turbulent ist. Aber ruhig auch im ganz wörtlichen Sinn: Das lauteste Geräusch auf den Straßen sind die Fahrradklingeln.  

Klar, Freiburg, die Fahrradstadt. Eine der nachhaltigsten Städte der Welt, sie nennt sich selbst "Green City". Die Umweltschutzbewegung wurde unter anderem hier geboren. Heute ist Freiburg durchzogen von Radwegen in einer Länge von insgesamt 400 Kilometern. Vergleich für Autofahrer: Das entspricht 14 Runden um den Mittleren Ring in München. 

Klischee hin oder her, man kann nicht in Freiburg ankommen, ohne sich über die Fahrräder zu wundern. Schon am Bahnhof wartet ein riesiger Parkturm mit tausenden Rädern, an jeder freien Stelle der Stadt steht ein Zwanziger-Rudel. Die Radwege sind doppelt so breit wie die Bürgersteige, manche haben Abbiegespuren. Hin und wieder sieht man stillgelegte Ampeln, wo offenbar mal eine Autostraße war. Heute fließt da nur ein endloser Strom junger Leute auf teuren Rädern. Und immer wieder grauhaarige Vollbartmänner, die so aussehen, als hätten sie schon mal im Stadtrat einen Pullunder gestrickt. 

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Illustration: Julia Schubert



Wie ist das, länger hier zu sein? Francesco Wilking kann das beantworten, er hat hier studiert, in den Neunzigern. (Wie übrigens auch Dirk von Lowtzow, den wir hier interviewt haben.) Dann zog Francesco mit seiner Band Tele nach Berlin und wurde, wie Lowtzow, ein Indiestar. "Freiburg ist eine offene Stadt", sagt er am Telefon. "Die Stadt hat, im Gegensatz zu vielen anderen Städten in der Größe, nichts Piefiges."  

Eine Säule aus Plexiglas leuchtet rot, wenn es Zeit ist, mit dem Trinken aufzuhören. 


Allerdings hat Freiburg, wie alle Städte in allen Größen, ein Problem mit jungen nachtaktiven Menschen und sogenannten Anwohnern. In Freiburg betrifft das Problem besonders einen Platz in der Altstadt, an dem Studenten abends auf Stufen sitzen und Bier trinken. Er heißt passenderweise Augustinerplatz. 

Vor ein paar Jahren wollte der grüne Bürgermeister wegen des Lärms den Alkoholkonsum in der Altstadt verbieten. Damit kam er nicht durch, deshalb hatte er  eine andere Idee. Und so steht jetzt mitten auf dem Augustinerplatz eine drei Meter hohe Stehle aus Plexiglas, die grün leuchtet. Sie heißt "Säule der Toleranz", und ab 23 Uhr wird sie rot, was den Trinkenden signalisieren soll: Seid jetzt bitte leise – die Anwohner! "Klappt eher nicht so gut", sagt Alex und sagt auch die Lokalzeitung: Die Stadt muss 2500 Euro im Jahr für die Reinigung der Säule ausgeben.  

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Illustration: Julia Schubert



Am nächsten Morgen hat Francesco Wilking von Berlin aus ein Frühstück mit Zeitungslektüre im Café Jos Fritz empfohlen. Das ist ein sympathisch alternativ eingerichteter Laden mit gut verlebtem Dielenboden und Besitzer. Nebenan liegt das Radio Dreyeckland, der älteste freie Sender Deutschlands, da hat Francesco Wilking als Student Platten aufgelegt. Hier ist Freiburg noch altlinks wie früher, nicht neugrün wie drüben im Vauban-Viertel, wo junge Familien in Passivhäusern wohnen und schon mal vorsorglich bei der Polizei anrufen, wenn zwei Tage ein Auto rumsteht, dessen Nummernschild sie nicht kennen. Das sagt zumindest Andreas, aber er zwinkert dabei und grinst.  

Nachts gibt es Zitronengras-Whiskey oder Räucherschinken-Wodka. Aber die wahre Attraktion ist tagsüber.


Andreas Schöler betreibt mit Freunden die "Passage 46", eine Art Tunnel unter dem Freiburger Theater, den sie zum Club umgebaut haben. Der Putz an den Wänden ist kunstvoll abgeschlagen, eine Wand ist bis zur Decke mit hunderten Gettoblastern verkleidet. Andi hat in Freiburg Jura studiert. Jetzt zaubert er mit Geräten aus dem Chemielabor die avantgardistischsten Drinks der Stadt, zum Beispiel Zitronengras-Whiskey oder Räucherschinken-Wodka. Und er bucht DJs, die man sonst nur in Manchester oder Berlin zu sehen bekommt.  

"Die Stadt hat aber vor allem tagsüber wahnsinnig viel zu bieten", sagt er. Er meint das Umland, in das Freiburg gebettet ist. Ich sehe es, als ich später auf den Schlossberg steige, der mitten in der Stadt dicht bewaldet in den Himmel ragt: Die Stadt liegt L-förmig zwischen den unendlich grünen Hügeln des Markgräflerlands, am Horizont erkennt man die Ausläufer des Schwarzwalds. Mittendurch gluckert ein Fluss, die Dreisam, am Ufer liegen Studenten mit hochgekrempelten Jeans im Löwenzahn und lesen. "Fahr unbedingt mit dem Rad aus der Stadt raus", hatte Francesco geraten. "Egal in welche Richtung – es wird traumhaft!" Ich radle in Richtung Osten und kann sagen: Stimmt.

Die Freiburger sind eben nicht nur enthusiastische Radfahrer, weil es umweltfreundlich ist. Sondern weil es blanker Irrsinn wäre, in dieser Landschaft und bei diesem Klima nicht die meiste Zeit an der frischen Luft zu verbringen.

Text: jan-stremmel - Illustration: Katharina Bitz; Fotos: Jan Stremmel

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