Ein Monat auf dem Transvestiten-Strich

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Dieser Text ist Teil des Studentenatlas' von jetzt.de und sueddeutsche.de. Eine Übersicht der bisherigen Themen findest du hier.

"Am Wochenende würde ich das Fenster schließen", sagte die Person, in deren Zimmer ich stand. Es könne lauter werden, bisweilen aggressiv, aber da war ich der Anstrengung, zuzuhören, überdrüssig und konzentrierte mich lieber auf den Ort. Eine WG mit fünf Zimmern und drei Mitbewohnern, die U-Bahn um die Ecke und die Lage so zentral, ich würde vor dem Aufstehen problemlos zweimal auf den "Snooze"-Knopf drücken können. Wir hatten einen Deal. Ein Monat Zwischenmiete, von mir aus auch mit geschlossenem Fenster.

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Illustration: Julia Schubert



Es war ein Donnerstag - und als ich auf die Straße schaute, war da keine Reeperbahn, sondern eine kleine Grünfläche samt Sportanlage. Aber das Wochenende würde bald genug kommen. Streng genommen hatte ich ab meinem Deal jeden Tag Wochenende.

Die Wohnung lag in der Schmuckstraße, auf dem Transvestiten-Strich. Und mein Weg zur Reeperbahn, der ging so: Raus aus der Tür, 30 Meter nach links, bin schon da. Hallo Große Freiheit, Beatles-Platz, Reeperbahn.

Alles, was ich bis dato über diesen Ort wusste, ließ sich in einem nett gemeinten Tipp zusammenfassen: Wenn jemand auf dich zutorkelt, besser nicht anrempeln lassen. Soll wohl eine Taktik der Torkler sein, um eine Schlägerei zu provozieren. Ein Tipp, den ich nicht bestätigen kann.

Anders als München ist Hamburg sehr interessant, halt, der Satz geht noch weiter, was die Partykultur angeht: Die Reeperbahn ist nicht nur ein Ort, an dem sich die Stadt zum kollektiven Grölen verabredet, verdächtig nahe zur Davidwache, der Polizeistation. Sie ist auch ein Ort, an dem ein Techno-Schuppen in Sichtweite eines Stripclubs und nur zwei Türen entfernt von einer Bar sein kann, in der sie Rockmusik spielen. Und in allen drei Läden sind Mexikaner das wichtigste Getränk. An meinem ersten Tag in Hamburg wurden mir zwei Drinks angeboten. Einmal Astra, einmal Mexikaner, die Tomatenschnäpse mit Tabasco. Anscheinend sind Mexikaner ein Hamburger Ding, ein „Kult-Kiez-Getränk“. Ich lehnte damals ab.

Verglichen mit der Party-Monokultur in München ist die Reeperbahn ein Ort, an dem man wenigstens erkennt, wie wählerisch man sich den eigenen Freundeskreis mit Gleichgesinnten vollpackt. Auf der Reeperbahn laufen die Freundeskreise zwar oft desinteressiert aneinander vorbei, aber zwischen zwei Mexikaner-Schnäpsen bleibt vielleicht Zeit zur Selbsterkenntnis.

Die

ließ sich von meinem Fensterchen nicht beeindrucken; ihr Grölen und Nölen schwappte in mein Zimmer hinein. Die Scheibe hätte wohl aus Panzerglas sein müssen, um den Lärm zu schlucken. Jedes der wenigen Male, die ich ans Fenster trat, um auf die Straße zu schauen, war es einfach nur dunkel, dafür aber laut. Wenn man mit dem Rücken zur Reeperbahn wohnt und Club-Geräusche hört samt Partymusik und -gemurmel, verstärkt sich der Eindruck, dass man gerade wirklich eine große Sause verpasst. Wer will das schon? Ich jedenfalls nicht, also bin ich feiern gegangen.

An drei von vier Wochenenden bin ich nachts nicht in der WG gewesen, sondern vor der Tür. Ich habe die Schanze bevorzugt. Wenn man zu Fuß geht, ist man in zehn Minuten da, man muss nur vorbei an den Schildern, die es Fußgängern verbieten, Klappmesser und Bierflaschen mit auf die Reeperbahn zu nehmen. Beim Nachhauseweg am frühen Morgen ein Gespräch mit einem Transvestiten vor der Haustüre anzufangen, wird als unangenehme Nachfrage ausgelegt. Aber das ist okay, nicht jeder Mensch will gerne seine Nachbarn kennenlernen, wenn er arbeiten muss. Vor allem ist ein Monat auch keine gute Grundlage, um als Anwohner erkannt zu werden. War ich ja auch nicht, ich war ein Tourist mit einem guten Deal, das war alles. Also ließ ich die Gespräche wieder sein.

Unter der Woche ist die Reeperbahn vergleichsweise still. Dann bin ich langsam durch die Straßen geschlurft und habe die Läden von außerhalb inspiziert: Die Strip-Clubs und die Bars, von außen sind sie beide gleich schummrig, aber innen schön eingerichtet, also zumindest jene Bars, in denen ich war. An der Reeperbahn entlang zu laufen und dann auf das Park-Fiction-Gelände zu kommen, um in Richtung Hafen zu schauen, war ein schöner abendlicher Spaziergang, bei dem man nicht viel reden musste, außer einmal kurz „Ne, ich will kein Gras von dir kaufen, danke sehr!“ zu sagen.

Am letzten Wochenende habe ich dann einen Kollegen besucht, der direkt an der Reeperbahn gewohnt hat, über einem Stripclub. Als ich in sein Zimmer gekommen bin, hat der Kollege gerade sein Fenster aufgerissen.

Text: hakan-tanriverdi - Illustration: Katharina Bitzl; Cover-Foto: imago stock & people

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