Couchsurfing für Erstsemester

In Münster wird die Wohnungsnot zu Semesterbeginn immer schlimmer. Sascha aus der Ukraine schlief zwei Wochen lang auf Annas und Peters Sofa. Ein Gespräch über Privatsphäre, Vertrauen - und Geburtstagskuchen.
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Illustration: Julia Schubert


Anna (links), 22, studiert Medizin, ihr Freund Peter, 23, Lehramt Geschichte und Politik. Für die Aktion "Deine Couch für Erstis" ließen sie die Psychologie-Studentin Sascha, 21, aus der Ukraine zwei Wochen lang auf ihrem Sofa schlafen, bis sie eine eigene Bleibe gefunden hatte.  

jetzt.de: Anna und Peter, ihr habt Sascha auf eurer Couch schlafen lassen – kostenlos und obwohl ihr in eurer Zweizimmerwohnung nicht gerade viel Platz habt. Warum?
Anna: Im Sommer bin ich zusammen mit einer Freundin mit dem Rucksack durch Italien gereist und fand es unglaublich, wie gastfreundlich die Leute waren. Wir fuhren auf eine Insel, ohne ein Zimmer oder eine Ferienwohnung gebucht zu haben und konnten ganz spontan bei Fremden übernachten und kochen. Das ist einfach ein schönes Gefühl, und das wollte ich gerne weitergeben.
Peter: Außerdem wissen wir selbst, wie schwierig es ist, in Münster eine Wohnung zu finden. Als wir mit dem Studium angefangen haben, wohnte ein Kommilitone die ersten paar Wochen in einer Jugendherberge. Ich glaube, die Uni wollte sogar mal Turnhallen als Notunterkünfte anbieten. Wir haben damals auch einen Monat lang gesucht und mussten lange von unserer Heimatstadt Recklinghausen aus pendeln. Das war auch ein Grund für uns, bei der Aktion mitzumachen.

Wie war die Resonanz auf eure Anzeige im Internet?
Anna: Ich bekam gleich am ersten Wochenende ganz viele SMS, Anrufe und Nachrichten, auch später, als Sascha schon hier war. Einen Tag vor Vorlesungsbeginn meldete sich noch jemand aus Polen, der ganz verzweifelt eine Bleibe suchte. Da tat es mir sehr leid, ihm absagen zu müssen.

Wie habt ihr Sascha ausgewählt? Gab es eine Art Casting?
Anna: Einige Studenten schickten richtige Bewerbungen über WhatsApp und schrieben, wie ordentlich sie sind und wo sie ihren Bundesfreiwilligendienst geleistet haben. Wahrscheinlich sind viele unsicher und denken, sie müssen sich besonders gut präsentieren, um so kurzfristig noch einen Schlafplatz zu bekommen. Die meisten sagten aber wieder ab, weil sie dann doch ein Zimmer gefunden hatten. Als Sascha anrief, war die Couch noch frei.

Sascha, du kommst aus Kiew und fängst hier einen Master in Psychologie an. Vom Ausland aus ist die Wohnungssuche bestimmt noch eine Spur stressiger…
Sascha: Ich habe mich hier für einen Platz im Studentenwohnheim beworben, als ich noch in der Ukraine war. Ich habe WGs angeschrieben, aber mir hat niemand geantwortet. Ich hatte damals noch kein Visum und konnte nicht genau sagen, wann ich kommen würde. Ich wusste, dass es beim Studentenwerk Notunterkünfte gibt, und bin sofort dorthin gegangen, als ich in Münster angekommen bin. Das war aber am 3. Oktober, deshalb war niemand da. Am Ende war nur noch ein Zimmer in der Jugendherberge frei. Dann habe ich von "Deine Couch für Erstis" erfahren.

Hattest du keine Angst, bei Fremden auf der Couch zu schlafen?
Sascha: Schon ein bisschen. In der Ukraine schläft man eher nicht bei Fremden oder lässt Fremde bei sich wohnen. Ich habe Anna und Peter angerufen und bin abends zu ihnen gefahren. Wir haben uns gleich gut verstanden.
Anna: Am ersten Abend, als Sascha hier war, fragte ich sie nach ihrem Alter. Sie antwortete, dass sie am nächsten Tag 21 wird. Leider musste ich an dem Abend arbeiten und es tat mir so leid, dass sie ihren Geburtstag ganz alleine in einem fremden Land verbringen musste, deshalb habe ich am nächsten Tag einen Kuchen gebacken und ein „Münster für Anfänger“-Buch gekauft, damit sie wenigstens etwas zum Auspacken hatte.

Couchsurfing kennt man eigentlich vom Backpacker-Urlaub. Eure Situation ist ganz anders: Studium, Arbeit, Alltag – und plötzlich ist man eine WG auf Zeit. Wie klappt so ein Zusammenleben?
Anna: Sascha war tagsüber viel unterwegs, zum Beispiel für Behördengänge. Abends haben wir zusammen gekocht. Zwischendurch waren Peter und ich auch noch fünf Tage in Berlin. Wir hatten Zeit gehabt, Sascha ein bisschen kennenzulernen und wussten, dass wir ihr vertrauen können. Außerdem haben wir sowieso nichts, was groß hätte wegkommen können (lacht). Ansonsten haben wir versucht, Rücksicht zu nehmen. Wir haben zum Beispiel keine abgeschlossene Küche…
Peter: ...wenn ich mal früh raus musste, hab ich im Dunkeln gefrühstückt, um Sascha nicht zu wecken. 
Anna: Wenn Freunde zum Filmabend bei uns waren und wir auf der Couch saßen, haben wir natürlich darauf geachtet, dass es nicht zu spät wird. Wir haben unsere Zimmertüren geschlossen, damit Sascha in Ruhe skypen kann. Das ist natürlich alles nicht ideal, gerade bei einem längeren Zeitraum. Ich kann mir vorstellen, dass es für Sascha anstrengend war, weil sie kein eigenes Zimmer hatte. Sie wollte ja auch ihre Koffer nicht auspacken…
Peter:...weil sie dachte, dann würde es so aussehen, als würde sie länger hier bleiben wollen.
Sascha: (lacht) Für mich war es bequem, ich habe mich hier sehr wohl gefühlt. Ich musste ja auch noch nicht arbeiten oder lernen, ich hatte Orientierungswochen und konnte mir hier in Ruhe eine WG suchen.

Ohne eigenes Zimmer ist das mit der Privatsphäre gar nicht so einfach. Wie habt ihr es geschafft, euch in bestimmten Situationen nicht in die Quere zu kommen?
Anna: Da gab es keine konkreten Absprachen. Ich denke, dass Sascha nach ein paar Tagen unseren „Rhythmus“ kannte und dann immer ein etwas früher aufgestanden ist als wir, um ein bisschen Privatsphäre zu haben. Sie zog sich zum Beispiel oft im Bad um. Sie hat uns nicht extra gebeten, für ein paar Minuten mal nicht ins Wohnzimmer zu gehen, wobei das auch kein Problem gewesen wäre.

Würdet ihr anderen empfehlen, bei „Deine Couch für Erstis“ mitzumachen?
Peter: Natürlich geht es vorrangig um den Schlafplatz, aber ich glaube, es war auch superwichtig, dass wir für Sascha Ansprechpartner waren: Wir haben ihr bei der Wohnungssuche geholfen, und dabei, Münster kennenzulernen. Wir haben ihr auch beim Umzug in ihre jetzige WG geholfen und sind mit ihr zu Ikea gefahren.
Anna: Wir haben uns reingehangen, weil wir uns irgendwie für Sascha verantwortlich gefühlt haben. Sie hätte das nie von uns verlangt, aber wir wollten ihr gerne helfen.
Peter: Wir möchten das nächstes Semester auf jeden Fall noch einmal machen, auch wenn es im Sommer wahrscheinlich nicht so viele Anfragen gibt. Die Dankbarkeit, die Sascha uns gegenüber jetzt aufbringt, ist einfach ein super Gefühl.

Dieses Interview erscheint im "Studentenatlas", ein Projekt von jetzt.de und SZ.de. Mehr Infos dazu findest du hier. Eine interaktive Münster-Karte für Studenten findest du hier

Text: helena-kaschel - Foto: Helena Kaschel

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