Autogrammstunde bei Eva Herman

Die Autogrammstunde beginnt pünktlich um 17 Uhr im ersten Stock des Großbuchhandels und Veranstalters. Frau Eva Herman wird von einem Mitarbeiter, ihrem Verleger und ihrem Bodyguard zu ihrem Stuhl geleitet und hurtig geht es los – Frau Herman im Gespräch.
christina-waechter
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Illustration: Julia Schubert

Was sie vorträgt, ist nicht neu, man kann es alles in ihrem Buch nachlesen. Wenn man das möchte.Zusammengefasst: Die Frau von heute lebt falsch. Sie will dasselbe machen wie der Mann, dazu muss sie aber auch noch gebären und über den ganzen Stress werden ihre Kinder zu bindungsunfähigen Wesen und ihre Männer verlassen sie, weil sie so unweiblich wurden. In einem routinierten Gespräch mit ihrem Verleger haut Herman eine wunderliche Statistik nach der anderen raus, über die Bindungslosigkeit der Menschen, die im schlimmsten Fall zu einer Tragödie wie Emsdetten führt. Und das nur, weil egozentrische und verblendete Mütter ihre Kinder noch vor ihrem dritten Lebensjahr weggeben. Schließlich berichtet sie von schriftlichen Appellen, die sie aus Schweden erreichten, es nur ja nicht zu so schlimmen Verhältnissen kommen zu lassen wie dort. Frau Herman weiß scheinbar sehr viel und ihr Wissen widerspricht erstaunlicherweise in vielen Fällen dem aller anderen Menschen, die sich zu diesem Thema geäußert haben. Ihr Verleger fragt: „Frau Herman, warum gab es so viel Kritik?“ Frau Herman sagt, es liege am „medienpolitischen Establishment“. Das sei von Frauen beherrscht, die zu 70 Prozent kinderlos sein. Die hätten so harsch reagiert, weil sie mit ihrer, Hermans, Wahrheit nicht klargekommen wären. Das Publikum ist bunt gemischt: Frauen, Männer, Teenager, Kleinkinder: alles da, alles lauscht Frau Hermans Worten. Vereinzelt kann man beobachten, wie sich zunehmend die Augenbrauen in Abscheu oder Erstaunen zusammenziehen. Doch vorherrschend sind Zufriedenheit und bestätigendes Nicken. Nach einer halben Stunde beenden Eva Herman und ihr Verleger das Gespräch. Es ist Zeit für Publikumsfragen. Der Bodyguard wird ein wenig nervös. Aber nichts, wirklich gar nichts passiert. Die einzig annähernd kritische Frage einer Frau lautet: Sie fände Hermans These zwar toll – aber manchmal etwas zu einseitig und polarisierend. Dann meldet sich noch eine Frau und verkündet mit stolzgeschwellter Brust, dass sie Mutter von sieben Kindern sei, gut katholisch und natürlich Hausfrau. Und endlich spreche ihr einmal jemand aus der Seele. Dann gibt es keine Fragen mehr aus dem Publikum. Die Signier-Stunde beginnt. Leider nur in Kombination mit einem Exemplar von „Das Eva-Prinzip“. Das gibt es gleich nebenan zu kaufen. Nein Danke. Dann lieber doch kein Autogramm. Bild: ddp

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