Glitzer-Chuck und Puder-Blick: Vroni Ferres beim Autogrammeschreiben

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„Thomas, jetzt muss man leise sein. Jetzt kommt eine berühmte Schauspielerin. Die heißt Veronica.“ Thomas ist das völlig egal. Ihn interessieren die erläuternden Hinweise seines Vaters nicht. Weder, dass Frau Ferres Veronica heißt, noch dass sie Schauspielerin ist und heute in einer gut gefüllten Buchhandlung ihr Kinderbuch „Nein, mit Fremden geh ich nicht!“ vorstellt. Thomas ist damit beschäftigt, gegen seinen blauen Luftballon zu boxen, den er am Tisch von Veronica bekommen hat. Das macht ihm sichtlich Spaß. So viel, dass er wahrscheinlich auch nicht wahrnimmt, dass dieser Ballon vom Verein Power Child gesponsert ist, dem Verein, dessen Schirmherrin Veronica Ferres ist. Die Schauspielerin will auf die Bedrohung durch sexuelle Übergriffe aufmerksam machen, der Kinder tagtäglich ausgesetzt sind. Jedes vierte bis sechste Mädchen wird Opfer sexuellen Missbrauchs, referiert sie. Heute tut sie dies in einem weiß-silbernen, eng anliegenden Outfit, Glitzer-Chucks und makellos gepudertem Gesicht. Blick und Stimme sind dabei immer ernst, der gekünstelt sexy-verruchte Ferresblick ziert nur die zahlreichen Plakte. Man merkt, das Thema liegt der Veronica am Herzen. Anscheinend nicht nur ihr. Der noch mit blauem Band abgetrennte Bereich um den Autogrammtisch ist eng umringt. Elternpaare, junge Mütter, Omis und Opis, Managertypen, ein Mittdreißiger im Motörhead-Shirt. Fast alle haben schon ein Exemplar des Kinderbuchs gezückt, das sie sich im Anschluss signieren lassen wollen. Für alle anderen gibt’s Autogrammkarten mit sexy Blick. An der anderen Hand hängt oftmals Nachwuchs, ähnlich desinteressiert wie Luftballonboxer Thomas, zumindest aber verständnislos dreinblickend. Doch die Kinder sind es ja auch nicht, die Veronica Ferres in erster Linie anspricht. Sie will den Eltern vermitteln, wie sie ihren Kleinen das richtige Verhalten antrainieren. Ein Kind solle die Höflichkeitsform benutzen, wenn es sich von einem Erwachsenen bedrängt fühlt. Ein "Lassen Sie mich los!" signalisiert einem Passanten sofort, dass etwas nicht stimmt, und bewegt ihn zum Eingreifen. Das Du hingegen ließe auch auf einen Vater schließen, der sein ungehorsames Kind irgendwie ins Auto zwingen muss. Am besten aber erziehe man sein Kind gleich zu pauschalem Misstrauen und Paranoia: Man solle ihm einschärfen, immer möglichst schnell wegzulaufen, wenn es von Fremden angesprochen wird. Selbst, wenn jemand nur nach dem Weg fragt. Weglaufen – dieser Gedanke steht während der Erziehungstipps und der Power-Child-Publicity so manchem Vater ins Gesicht geschrieben. Aber man harrt aus, wartet brav Schulter an Schulter auf die Zeit der Autogramme. Nach einer dreiviertel Stunde ist es endlich soweit. Das Reden hat ein Ende. Applaus. Gibt es noch Fragen? Nein, niemand nimmt die Möglichkeit wahr. Das Gedränge verdichtet sich noch, als die Ordnungshüter im schwarzen Anzug das Band auf einer Seite öffnen. Der Motörheadfan hat sich geschickt nach vorne manövriert. Er legt sein Buch als einer der ersten auf den Autogrammtisch. Thomas' Luftballon hingegen schwebt weiter hinten über der Schlange. Er muss noch lange anstehen. Vermutlich interessiert ihn das aber auch nicht.

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