Auf dem Banana-Pancake-Pfad 10: Amerikaner

Ein Netz aus Trampelpfaden und Hotels umspannt den Planeten. Man nennt es den Banana-Pancake-Pfad. Jede Woche lernen wir ein Stück davon kennen.
philipp-mattheis

Die „Posada Ruiz Dos“ ist eine der billigsten Unterkünfte in Antigua, Guatemala. Die Nacht kostet nur etwa drei Euro, und danach weiß man, wie die Bisse von Bettwanzen aussehen. Sie stechen komischerweise gerne im Dreieck. Nach einer Woche Posada Ruiz Dos hat man am ganzen Körper kleine Dreiecke. Einer der Gäste, seinen Namen habe ich vergessen, hatte ein Dreieck auf der Stirn. Kein Bettwanzendreieck, nein, er hatte sich ein Dreieck auf die Stirn tätowieren lassen, weil er „eines Tages am Ufer eines Sees gesessen war und ihm plötzlich dieses Zeichen erschienen sei“. Er reiste mit einem Didgeridoo und ohne Pass, weil Pässe seiner Meinung nach die Freiheit des Menschen raubten. Vielleicht hielt Jane die Bettwanzen für derart gefährliche Tiere, dass sie es vorzog, ihren Guatemala-Aufenthalt in einer Indiana-Jones-Uniform und Tropenhelm zu verbringen. Vielleicht vermutete sie auch in jedem Baum der 30.000-Einwohner-Stadt einen Jaguar lauern. Vielleicht war sie auch einfach falsch informiert worden und jemand hatte ihr erzählt, südlich der Grenze begänne die Wildnis, mit wilden Tieren und Barbaren. Mit Mike ein Gespräch zu führen, das länger als drei Minuten dauerte war schwierig. Plötzlich sprang er auf und schrie: "Sorry, I HAVE to do an asana now." Mike ging ein paar Schritte, rollte seine Yoga-Matte aus und machte dann Pflug, das Moorhhuhn oder den toten Affen. Was Mike, Jane und der Dreiecks-Mann gemeinsam hatten: Sie waren Amerikaner.

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Illustration: Julia Schubert

In den meisten Fällen baut Reisen Vorurteile ab. Engländer finden Deutsche gar nicht mehr so humorlos, wie sie immer dachten. Deutsche und Israelis verstehen sich oft gut, weil die Deutschen ihren Täterkomplex abbauen können und Israelis im Enkel des Mörders ihres Großvaters einen Menschen entdecken können. Beide fühlen sich daraufhin ein bisschen moralischer als zuvor. Der latente Antiamerikanismus bei deutschen Backpackern, von denen die meisten Kinder des linken Establishments sind, erhält auf Reisen dagegen neue Nahrung. Der typische deutsche Backpacker sagt: Amerikaner fressen Hamburger, wissen nicht, wo Europa liegt, und machen Krieg. Außerdem klingt ihr Englisch komisch und Michael Moore ist der letzte gute Mensch des Kontinents. Der größte Vorwurf aber, der amerikanischen Backpackern gemacht wird, ist: Es gibt sie nicht. Würde man so eine Karte zeichnen, bei die Größe des Landes von der Zahl der Backpacker, die es ausspuckt, abhängt, dann gäbe es zwei ziemlich große Kontinente und mehrere kleine Inseln. Die beiden Kontinente hießen Europa und Israel und die Inseln Kanada, Japan, Australien und Chile. Die USA wären ein Mini-Zwergstaat, wahrscheinlich gar nicht einmal verzeichnet auf der Karte. Junge Amerikaner fahren nach Daytona Beach, alte nach Heidelberg und Paris. Aber so gut wie keiner fährt mit einem Rucksack in ein Dritte-Welt-Land. Auf einer dreimonatigen Reise trifft man im Schnitt zwei Amerikaner, aber 87 Engländer, 35 Schweden, zwölf Schweizer und acht Japaner. Die Tatsache, dass so wenige Amerikaner reisen, verstärkt beim deutschen Backpacker aber nur die Vermutung, dass es sich bei diesem Volk um kulturlose, barbarische Menschen handeln muss, die nicht einen Tag ohne Coca Cola und Erdnussbutter überleben und ihr Geld lieber in SUVs investieren, als auf Reisen zu gehen. Ich kann von amerikanischen Backpackern nur abraten. Von Deutschen übrigens auch: Deutsche Backpacker tragen nämlich gerne komische Outdoor-Fließjacken, sprechen so ein Nazi-Englisch, für das man sich fremdschämen muss, und kommen sich verdammt toll vor, weil sie ach so international und kosmopolitisch sind.

Text: philipp-mattheis - Illustration: Katharina Bitzl

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