Auf dem Banana-Pancake-Pfad 9: Lange Reisen

Ein Netz aus Trampelpfaden und Hotels umspannt den Planeten. Man nennt es den Banana-Pancake-Pfad. Jede Woche lernen wir ein Stück davon kennen
philipp-mattheis

Am Bahnhof von Goa erschien uns Tobi. Seine Augen strahlten und der Schweißfilm auf seinem Gesicht reflektierte die Morgensonne, was ihm einen besonderen Glanz verlieh. Wir hatten uns alle drei im Nachtzug von Mumbai kennengelernt und hatten 14 ruckelige, lärmende, schlecht riechende Stunden hinter uns. Der Geschmack in unseren Mündern war fahl von Zigaretten, Chai und Kaugummi als Zähneputzenersatz. Wir waren müde, die Rucksäcke auf unseren Schultern wogen schwer, die Sehnsucht nach einem Bett war groß. Und Tobi strahlte, als hätte er Uran verschluckt. Er gab uns allen die Hand und sagte dann einen Satz, den er die nächsten Tage immer wieder wiederholen sollte. Er sagte auf Englisch mit holländischem Akzent: „Ich komme aus Varanasi. Ich bin 48 Stunden mit dem Zug gefahren – dritte Klasse.“ Echte Backpacker fliegen nicht, sie legen Strecken über Land zurück. Zumindest sind sie der Meinung, dies tun zu müssen. Wer fliegt, ist ein Weichei, ein reiches noch dazu. Was zählt, ist die Bewältigung der Distanz in einem möglichst unbequemen Gefährt. Ab zwölf Stunden wird die Fahrt für erzählenswert gehalten. Ab 24 Stunden wird sie zu einem abstrakten Orden, einer Auszeichnung, die im richtigen Kreis erwähnt, zahlreiche „Oh my God“-‚s seitens der Zuhörer hervorruft und diese dazu einlädt, ebensolche Anekdoten zu erzählen. Es folgen Geschichten aus dem „Chicken Bus“, in dem jemand für 14 Stunden seinen Platz mit einer Guatemaltekin und vier Hühnern teilen musste, beschallt von lateinamerikanischen Liedern, in denen verdammt oft das Wort „corazon“ vorkommt. Oder von kambodschanischen Pickup-Trucks, auf deren Ladefläche 20 Schweden, Engländer, Israelis und zwei Ziegen gepfercht wurden. Von chinesischen Zügen, in denen Bauern vom Land 16 Stunden lang auf den Boden spuckten, bis man sich Gummistiefel wünscht. Solche Sachen eben.

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Illustration: Julia Schubert

Echte Backpacker nehmen natürlich die billigste Variante, in seltenen Fällen, weil sie tatsächlich sparen müssen, viel öfter aber, weil sie „reisen möchten, wie die Einheimischen reisen“ und weil sie sich selbst beweisen wollen, wie hart sie sind. 36 Stunden auf einem ungepolsterten Sitz rechtfertigen in dieser Rechnung zwei Wochen Rumhängen und Kiffen in einer Hängematte am Strand und führen zu einem „Ich habe es mir verdient“-Gefühl. In Thailand, dem Modellland des Backpackings, hat man diesen Gratifikationseffekt mittlerweile institutionalisiert: Auf der Khaosan-Road in Bangkok gibt es All-Inclusive-Tickets auf eine der Inseln im thailändischen Golf: 12 Stunden Nachtbus- oder –zugfahrt, anschließendes Verladen des schlecht gelaunten, verschlafenen Packs auf eine Fähre, auf der bei schlechtem Seegang dann alle zusammen kotzen. Nach dieser 16-stündigen Tortur ist jeder Strand ein verdientes Paradies. Ich traf Tobi zwei Tage später am Strand wieder. Er baumelte wie ein Faultier in einer Hängematte und grinste entrückt. Die Sonne versank im Arabischen Meer, es roch nach „Chicken Masala“ und nach nepalesischem Haschisch. Ich fragte ihn, wie Varanasi gewesen sei und ob es sich lohne, dorthin zu fahren. Er sagte: „48 Stunden“. Nachtrag: Inder sind im allgemeinen lustige, freundliche Menschen. Sie lachen oft, wackeln mit dem Kopf, wenn sie ja sagen wollen und sprechen ein Englisch, das nach Kindergarten klingt. Sie neigen aber zu einer gewissen Distanzlosigkeit. Der Zug von Delhi nach Mumbai ruckelte und als ich nach einer Stunde Halbschlaf die Augen öffnete, standen vor meinem Bett vier Inder und – glotzten. Sie sagten nichts, lachten nicht, berührten mich nicht, sie glotzten mich einfach an. Einer von ihnen ging kurz weg, um noch mehr Inder zu holen, die dann ebenfalls vor meinem Bett standen und glotzten. Eine Zeitlang glotzte ich zurück, dann entschied mich dafür, sie zu ignorieren, drehte mich auf die andere Seite und versuchte zu schlafen. Irgendwann verschwanden die Inder und irgendwann kam der schwitzende, stinkende und dampfende Zug in Mumbai an. Nach 20 Stunden. Ich musste das noch schnell loswerden...

Text: philipp-mattheis - Illustration: Katharina Bitzl

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