Ist es doch am schönsten?

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Als du zum ersten Mal ahnst, was dich erwartet, sitzt du noch im Flugzeug und blickst aus dem Fenster. Die klaren, parallelen Linien, die rechten Winkel, die präzisen geometrischen Formen der deutschen Äcker; keine Fläche ist ungenutzt da unten, die Welt am Boden ist wieder effizient und ordentlich. Du hast noch Sand im Ohr und Freiheit im Kopf, als du zum ersten Mal nach einem Jahr wieder den Boden eines deutschen Flughafen betrittst. Mürrisch blickt der Grenzbeamte abwechselnd auf deinen zerfledderten Pass und dein Gesicht. Die Menschen, manche zielstrebig, manche hektisch, greifen nach ihren Koffern auf dem Fließband und hasten Richtung Ausgang. Du sprichst einen der Leute an, fragst ihn, woher er gerade kommt und erzählst, dass du ein Jahr lang auf Reisen warst. Er nickt, brummt etwas, das nach „keine Zeit“ klingt, nimmt seinen Koffer und verschwindet. Niemand blickt den anderen an, es leuchtet kein Lächeln, es fällt kein freundliches Wort. „Interessant“, denkst du dir, denn noch ist dieses Land nur ein weiteres auf einer langen Liste, durch die du als Beobachter gezogen bist. Erst Tage später wird dir klar, dass dieses eines ist, das dich nicht in Ruhe lässt, das etwas von dir fordert, in das du dich verweben musst.

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Illustration: Julia Schubert

Doch zunächst fällst du deinen Eltern in die Arme. Sie weinen Freudentränen darüber, dich endlich nach einem Jahr auf Reisen glücklich und gesund wiederzusehen. Dein Lieblingsessen steht auf dem Tisch. Du hast mexikanische Tacos, indische Currys und vietnamesische Nudelsuppen gegessen, aber nichts davon hat so geschmeckt wie das Schnitzel deiner Mutter. Sie sagen, du wirkst reifer, irgendwie erwachsener. Dein Vater fragt: „Wie war es denn in Mexiko?“ Du antwortest: Schön und erzählst etwas über die Pyramiden der Azteken. Er nickt und fragt mit vollem Mund: „Und was willst du jetzt studieren?‘ In den nächsten Tagen triffst du all die Menschen wieder, die du während deiner Reise so sehr vermisst hast, die du dir in den Momenten der Einsamkeit herbeigewünscht hast und denen du Email für Email geschrieben hast. Du zeigst ihnen Fotos, und nach dem zwanzigsten Strandbild siehst du, wie sich dein bester Freund ein Gähnen verkneift. Er erzählt dir von dem Mädchen, das er am Samstagabend kennengelernt hat und dass er eigentlich schon viel zu betrunken gewesen sei. Dir wird klar: Es hat sich nichts geändert, seitdem du fortgegangen bist. Auf der Straße sprichst du ein fremdes Mädchen an, doch plötzlich fällt dir auf, dass der gewohnte Dreiklang „Where are you from? How long are you travelling for? Where do you go next?“ nicht mehr funktioniert. Sie schüttelt den Kopf und geht weiter. In diesem Land das Ansprechen fremder Leute entweder auf ein akutes sexuelles Interesse zurückzuführen ist oder aber ein Zeichen chronische Einsamkeit ist. Und wer keine Freunde hat, muss komisch sein. Sechs Wochen bist du nun schon wieder hier. Du vermisst die Sonne, die Leichtigkeit, das Neue. Bei jedem Telefonat fragen dich deine Eltern: „Wann fängst du an zu studieren?“ Wenn ich Lust habe, antwortest du, schließlich hast du ein Jahr lang nur getan, wozu du Lust hattest und so warst du glücklich. „Und was machst du jetzt?“, fragen dich deine Freunde. Sie studieren seit zwei Semestern Jura, Soziologie und Maschinenbau oder bewerben sich auf Film- und Journalistenschulen. „Erstmal nichts“, sagst du, „Muss man denn immer etwas machen?“ Ja, man muss. Weil es eben nicht der Normalzustand ist, ein Jahr in Dritte-Welt-Ländern von 20 Euro am Tag zu leben. Weil kein Mensch glücklich wird ohne Herausforderungen. Weil niemand frei ist, der auf Dauer in einer Hängematte liegt und Gras raucht. Aber das weißt du in diesem Moment noch nicht. Ein Jahr lang bist du immer dann, wenn du gelangweilt warst, weitergereist zum nächsten Ort. So lange, bis es wieder lustig war. Jetzt, wieder daheim, ist deine Frustrationsschwelle knapp über Null, und jedes Mal, wenn eine Kleinigkeit in deinem Leben schief läuft, träumst du dich nach Indien oder Mexiko. Wieder und wieder schaust du dir die Fotos von lachenden Menschen vor Wasserfällen, Stränden und Vulkanen an und glaubst, dort wäre alles besser gewesen. Du verklärst. Du vergisst, dass es ein Privileg von sehr wenigen Menschen ist, aus der reichen Welt in die arme zu reisen, nur um sich ein bisschen selbst zu finden. Es dauert Monate, manchmal Jahre, aber nach und nach kriegt dich diese Welt wieder. Erst widerwillig, dann mit verhaltener Neugierde beginnst du ein Studium. Es läuft, du kommst wieder rein, du funktionierst. Jahre später rauchst du draußen vor einer Bar und rauchst eine Zigarette. Ein Fremder spricht dich an, erzählt dir, dass er gerade aus Australien zurückgekehrt ist. Ein Jahr nur Surfen und Sonne, sagt er, und hier sei ja alles anders. Du nickst und fragst dich, ob der Typ schwul ist oder einfach keine Freunde hat. Du bist wieder hier.

Text: philipp-mattheis - Illustration: katharina-bitzl

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