Basishelden: Schöner Leben ohne Nazi-Läden

Macht kommt von machen. Deshalb stellen wir in unserer Macht-Kolumne „Basishelden“ Menschen vor, die ihre Trägheit überwunden haben und sich politisch engagieren, um an der Basis etwas zu verändern. Diese Woche füllt Alexa von der Initiative „Schöner Leben ohne Nazi-Läden“ unseren Fragebogen aus. Für die Kampagne haben sich Antifa-Gruppen aus verschiedenen sächsischen Städten zusammengeschlossen. Alexa, die ihren Nachnamen lieber nicht im Internet lesen möchte, kommt aus Dresden. Sie ist 25 und studiert Politik. Am Wochenende demonstrierte sie im 80 Kilometer entfernten Chemnitz gegen rechte Läden.
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Illustration: Julia Schubert

Was ist das Problem? Wir haben im Sommer 2004 festgestellt, dass wir alle dasselbe Problem haben: Es verbreitet sich ganz allmählich ein rechter Lifestyle, gerade auch durch das Modelabel Thor Steinar. Das sind schicke Klamotten, man muss nicht mehr als Skinhead rumlaufen, um seine Meinung zu zeigen, sondern kann sie mit dem kleinen Runen-Logo ganz dezent vor sich hertragen. Wir hatten das Problem, dass wir sie nicht mehr erkannt haben. Du bist über die Straße gelaufen und hast einen Hardcore-Typen gesehen, tätowiert und mit Tunnel im Ohr und hast gedacht, das kann nie im Leben ein Nazi sein. Dann hast du das T-Shirt gesehen und da stand irgendein blöder deutscher Spruch oder ein rechter Bandname drauf. Diese Beobachtung hat gezeigt, dass die Gefahr größer wird, dass die Nazis in vermeintlich unpolitischen Jugendkulturen anknüpfen können. Jugendlichen, die sowieso schon ein leicht rechtes Meinungsbild haben, fällt es leichter, sich in die Nazi-Szene zu integrieren, wenn sie ihren Style nicht ablegen müssen. Hinzu kam die Beobachtung, wie sich die Nazi-Strukturen entwickelt haben. Die überregionale Vernetzung hat immer mehr zugenommen, die haben ganz gezielt Kontakt nach Brandenburg, Thüringen oder Berlin gesucht. Das alles war dann der Auslöser für unsere Kampagne. Wogegen demonstriert Ihr ganz konkret am Samstag in Chemnitz? Wir demonstrieren gegen das Backstreet Noise, einen bedeutenden Klamottenladen und Mailoder, und gegen PC Records, ein Plattenlabel, das rechte Musik verlegt. Das ist gleich nebenan, eine Tür weiter. Da kann man auch CDs kaufen, die nicht indizierten gibt’s ganz normal im Laden, die indizierten unterm Ladentisch bzw. auf Bestellung. PC Records ist eines der größten Labels bundesweit, eines von denen, die einen guten Umsatz machen und musikalisch Trendsetter sind. Was PC Records verlegt, ist in der Szene dann auch in. Momentan ist das hauptsächlich Hatecore, eine Abwandlung von Hardcore, noch härter und schneller. Einige der Texte sind eindeutig rechts zuordbar, andere verstecken das ganz gut. Da muss man die Texte genau analysieren, um das Weltbild herauszulesen, was das Ganze noch gefährlicher macht. Du kannst einfach nicht mehr so schnell heraushören, ob jemand aus deiner Klasse rechte Musik hört. Aber oft kann man die Einstellung der Bands von ihren Namen ableiten, bei Racial Purity zum Beispiel. Wie viele solcher Läden gibt es denn in Sachsen? Da kann ich leider keine Zahl nennen, weil da einfach eine große Fluktuation drin ist. Die machen auf und schließen wieder. Aber wenn man so übers Land fährt, stellt man fest, dass sie flächendeckend vorhanden sind. Egal in welche Kleinstadt in Ostsachsen ich komme, überall findet sich irgendwo so ein Laden. Das sind nicht alles einschlägige Neonazi-Läden. Klar, einige werden von organisierten Nazis betrieben, aber bei anderen ist es so, dass die Besitzer mit Nazis gar nichts am Hut haben, aber Geschäftemacher sind und sich sagen, Thor Steinar bringt gerade den höchsten Absatz, die Jugendlichen wollen das tragen, also biete ich das an. Die sind das andere Problem. Wie effektiv können Eure Demos vor solchen Läden denn überhaupt sein, wenn ein Großteil des Handels übers Internet läuft? Die Internetseite macht ja dieselbe Person, die auch in dem Laden ist. Wenn man den Laden schädigt, schädigt man automatisch auch den Internethandel. Und ans Internet kommt man als Kampagne einfach verdammt schwer ran. Da muss man sich bewusst sein, welche Grenzen die eigene Arbeit hat. Natürlich können wir nicht von heute auf morgen die gesamten Vertriebsstrukturen von Neonazis in Deutschland kappen. Das wäre schön, aber funktioniert nicht.

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Illustration: Julia Schubert

Wie überzeugt Ihr die Leute vom Mitmachen? Durch Aufklärung, dadurch, dass wir sagen, was da läuft, ist schlimm. Wir müssen den Leuten Mut machen, den Mund aufzumachen. Das machen viele nicht. Die sagen sich dann, na gut, da ist jetzt mal ein so ein Typ auf einem Konzert und der hat ein komisches T-Shirt an, aber ich trau mich nicht, etwas zu sagen. Dabei ist es wichtig, dass die Nazis, die in der Jugendkultur verkehren, merken, dass das nicht anerkannt wird. Es ist ganz wichtig, diese stille Akzeptanz zu durchbrechen. Besonders schwierig ist das natürlich in Gegenden, in denen die Nazis die Meinungsführerschaft haben, in der Sächsischen Schweiz zum Beispiel oder im Muldentalkreis oder in Ostsachsen. Da muss man die Leute schon sehr überzeugen, den Mund aufzumachen, weil sie damit gegen unzählige Jugendliche auf ihrer Schule vorgehen und sich total unbeliebt machen. Das ist ja auch nicht ungefährlich. Was habt Ihr bisher erreicht? Wir haben’s durchaus geschafft, junge Leute zu aktivieren. Es sind neue Leute zur Kampagne dazu gestoßen, auch in Städten, in denen wir gar nicht mehr gehofft haben, dass es da Leute gibt, die den Mut haben, sich gegen den rechten Mainstream zu wehren. Wir haben es geschafft, das Problem ins Bewusstsein zu holen, dass das Bild von dem Neonazi mit Bomberjacke und Springerstiefeln nicht mehr stimmt, dass es darauf ankommt, was jemand im Kopf hat. Man muss halt einfach erst mal mit den Leuten reden, um festzustellen, das ist ein Neonazi. Dann haben wir es einmal zumindest geschafft, dass Backstreet Noise seinen Laden verloren hat. Die waren vorher in einem Laden, der vom Bundesvermögensamt verwaltet war. Sie haben dann den Mietvertrag gekündigt bekommen und mussten umziehen und haben jetzt einen neuen Laden, der ihnen auch selbst gehört. Das ist ein Teilerfolg, dass wir es geschafft haben, dass es nicht einfach akzeptiert ist, dass mitten in Chemnitz ein Neonazi-Laden rumsteht, und dann auch noch in einem staatlichen Objekt. Der Wehrmutstropfen ist natürlich, dass sie ihren Laden dann einfach an anderer Stelle wieder aufgemacht haben. Ist Basisarbeit manchmal frustrierend? Ja, aber das Schöne ist ja, dass man viele Menschen hat, mit denen man das zusammen machen kann, und dass man vielleicht dann mal an den Punkt kommt, an dem man sagen kann, dass sich was zum Positiven verändert hat. Und wir haben ja kleine Erfolge. Wo Jugendliche auf uns zukommen und sagen, wir finden es total cool, was Ihr macht, oder sich über die Aufklärung freuen und sagen, ich wusste nicht, dass Thor Steinar so eine Marke ist, ich gebe jetzt meinen Pullover ab. Das hat es alles gegeben in Jugendclubs. In dem Moment bin ich dann natürlich nicht frustriert. Die rechten Geschäftemacher haben eine Gegeninitiative gestartet namens „Schöner Leben mit Nazi-Läden“. Wie findest Du diese Reaktion. Da haben sich halt einfach die verschiedenen Ladenbesitzer zusammengeschlossen und T-Shirts herausgegeben, auf denen unser Logo adaptiert und der Slogan umgedreht wurde. Mit diesem Bekenntnis, ja, wir sind Nazi-Läden und wir sind stolz darauf und die Leute kaufen bei uns, sind sie in die Offensive gegangen. Das ist neu, dass sie das so offen sagen. Was hältst Du von dem Argument, dass in einem freien, demokratischen Land alles verkauft werden darf, was nicht offiziell verboten ist? Ich denke, eine Demokratie kann so was nur aushalten, wenn es Menschen gibt, die sagen, dass sie das nicht okay finden, dass Menschen T-Shirts tragen, auf denen „Racial Purity“ drauf steht oder einfach auch nur eine „18“, was für Adolf Hitler steht. Die Demokratie muss auch unsere Kritik aushalten.

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