CO 2.0: Hier kommt die Sonne!

Teile diesen Beitrag mit Anderen:

Man könnte ihn einen Tausendsassa nennen: Julian von Blücher, 25, hat die Alpen mit dem Mountainbike überquert, den Chimborazo in Ecuador bestiegen oder ist mit einem Freund von Irkutsk in Sibirien bis nach Kalkutta geradelt – durch die Wüste Gobi und über die 5000 Meter hohen Pässe des Himalaya. „Uns reizt es, die Welt in ihrer wahren Größe zu entdecken, die Geografie mit unserem Atem zu spüren, zu erobern, auf einem Fahrzeug, das wir alleine aus eigener Kraft vorwärts bewegen, der Natur, den Bergen und den Bewohnern unseres unglaublichen Planeten näher zu kommen“, schreiben sie im Netz über ihre Himalayacross-Tour. Wenn Julian gerade nicht auf Tour ist, studiert er in Karlsruhe Wirtschaftsingenieurswesen mit der Spezialisierung Umweltökonomik und setzt sich für Umweltschutz ein. Er hat die erste Hochschulgruppe der Global-Marshall-Plan Initiative mitbegründet, war Vorsitzender des "Solar- und Umweltvereins Fridericiana e.V.", hat einen Leitfaden für Unternehmen zur Umsetzung des Kyoto-Protokolls miterarbeitet und engagierte sich bei der Grünen Hochschulgruppe. Mit dieser hat er durchgesetzt, dass das Mensadach der Uni Karlsruhe zum Solardach wird. Am Donnerstag bricht er mit fünf weiteren Studenten zu einer 14-tägigen Forschungsreise in die Arktis auf und hilft dort bei wissenschaftlichen Arbeiten und Messungen mit, um den Klimawandel am Nordpol zu untersuchen – organisiert vom Climate Change College , einem von einem internationalen Eishersteller gesponsorten Projekt, das junge Menschen fördern will, die sich für Klimaschutz einsetzen. Hier liegen die Leute im Bikini in der Sonne und bekommen Sonnenbrand. Wie viel Grad hat es denn in der Arktis im Moment? Das wird ein ganz schöner Schock. In der Arktis hat es gerade minus 18 Grad. Das ist sogar noch warm. Es kann bis minus 25 oder 30 Grad kalt werden. Was nimmst du denn mit an den Nordpol? Viel Schokolade. Das macht glücklich und dick. Ansonsten bewährt sich das Zwiebelprinzip: verschiedene Schichten übereinander anziehen - von Angoraunterwäsche bis zum Fellparka.

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Julian von Blücher Wie bist du zum Climate Change College gekommen? Letztlich durch unsere Initiative an der Uni Karlsruhe, wo wir das Mensadach zum Solarkraftwerk ausgebaut haben. Das Climate Change College unterstützt ja Klimaschutzprojekte. Ein Freund machte mich darauf aufmerksam und ich hatte die Idee, unsere Initiative auch an anderen Unis bekannt zu machen, in der Hoffnung dass auch dort Solarkraftwerke gebaut werden. Im Juni reise ich jetzt durch Deutschland und stelle unser Projekt an den Unis vor. Gleichzeitig ist es mir wichtig, dass man den Klimawandel greifbar macht, vor allem für die Leute, die sich noch nicht für Klimaschutz interessieren. Viele haben sicher schon davon gehört und wissen vielleicht im Groben, worum es geht, aber dass auch der Einzelne ein Bewusstsein dafür entwickelt, was zu tun, ist noch nicht wirklich angekommen. Das sehe ich als meinen Auftrag. Als Gleichaltriger mit einer persönlichen Geschichte erreicht man die Leute eher, als wenn Experten im Fernsehen diskutieren. Was hat dich denn dazu gebracht, dich für Klimaschutz zu interessieren? Schon meine Großeltern haben immer gesagt, ich solle sparsam mit den Ressourcen umgehen, und mein Großvater hat sich geweigert zu fliegen. Früher haben ihn deswegen alle für einen Spinner gehalten, aber er hat schon damals gesagt, dass Fliegen umweltschädlich ist. Heute kann man ihm ja nur recht geben. Außerdem habe ich durch meine Reise in Asien gesehen, dass es jetzt schon einige Menschen gibt, die durchaus unter dem Klimawandel und durch Umweltverschmutzung zu leiden haben. Was für Auswirkungen sind das, die du selbst gesehen hast? Insbesondere die Gletscherschmelze im Himalaja. Die Gletscher tragen zu 50 Prozent zum Süßwasservorkommen in ganz Ostasien bei. Sie speisen den Bramaputra, den Ganges, den Gelben Fluss. Sollten die Gletscher mal verschwunden sein, gibt es in der ganzen Region kein Süßwasser mehr. Außerdem, das hat jetzt zwar nichts mit Klimawandel, aber mit Umweltverschmutzung zu tun: Wir sind sehr viel mit Mundschutz Fahrrad gefahren. Der Norden Chinas ist die Kohlehochburg des Landes und da buddelt jeder vor sich hin, völlig unkoordiniert und die Situation da ist fast schon apokalyptisch, weil so viel Kohlestaub in der Luft ist, dass man kaum die eigene Hand vor Augen sieht.

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Klimabotschafter, hier auf dem Dach der Welt Warum habt ihr denn dieses Solarkraftwerk auf eurem Mensadach installiert? Wollt ihr die Mensa damit betreiben oder CO2 sparen? Was wir pro Jahr an CO2 einsparen, sind etwas mehr als drei Tonnen. Das ist ein Drittel dessen, was ein Deutscher verbraucht – also ziemlich wenig. Aber unser Ziel war es auch nicht, in großem Stil CO2 einzusparen. Unser Ziel war es, die Leute für die Solartechnologie und die CO2-Emissionen zu sensibilisieren. Wir haben im Eingangsbereich eine Anzeigentafel installiert, auf der man sieht, wie viel Strom gerade ins öffentliche Netz über unsere Anlage eingespeist wird und wie viel CO2 dadurch reduziert wird. Das Schöne an unserem Modell ist aber auch, dass die Gelder, die wir damit erwirtschaften, weil wir Strom ins öffentliche Netz einspeisen, für andere ökologische und soziale Projekte verwenden. Was für Projekte sind das? Wir fördern zum Beispiel wissenschaftliche Arbeiten und Projekte, die sich mit ökologischen Handels- und Denkweisen befassen und können bis zu 2400 Euro im Jahr zur Verfügung stellen. Beispielsweise haben wir Hans-Josef Fell – gewissermaßen der Vater des Erneuerbaren Energiegesetzes – als Redner während unserer Solar-Tage in Karlsruhe gewinnen können. Im letzten Sommer haben wir eine Solarlounge gebaut, um zu zeigen, wie eine Solaranlage funktioniert. Sämtliche Kühlaggregate für die Getränke, die wir verkauft haben, wurden über mobile Solarzellen betrieben. Eine solche Solarlounge wird es auch bei meiner Tour durch die Unis im Juni geben. Wie wird das denn von den Studenten angenommen ? Bei uns hat die ökologische Arbeit an der Uni stark zugenommen, weil wir früher zwar viele Ideen hatten aber kein Geld, um sie umzusetzen. Das hat sich durch unser Kraftwerk verändert und ich hoffe, dass ich durch die Kampagne im Sommer auch andere Hochschulgruppen dazu bringen kann aus Eigeninitiative eine Solaranlage zu bauen. Ich will ihnen die Möglichkeiten zeigen, was man damit alles machen kann. Also nicht nur einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten, sondern dass man damit Geld verdienen kann, das man wieder sinnvoll für anderes einsetzen kann. Solardach-Kampagne, Solarlounge - was interessiert dich eigentlich an der Solarenergie so sehr? Wenn man mal die Vogelperspektive einnimmt, dann trifft 15000-mal mehr Energie auf die Erde, als die Menschheit im Moment verbraucht. Fast jede Energieform, seien es fossile Energieträger wie Öl oder Kohle oder sei es Windenergie oder Wasserkraft, kann man letztlich auf die Sonne zurückführen. Denn ohne Photosynthese und damit Sonne wären fossile Energieträger gar nicht möglich gewesen. Und auch der Wind für die Windkraft entsteht durch die Sonne. Warum sollte man die Sonne dann nicht gleich direkt nutzen, noch dazu, wo sie umsonst ist? Man braucht einfach nur eine smarte Technologie, um die Sonne zu nutzen. Das Climate Change College kündigt dich immer als Klimabotschafter an. Man hat ja das Gefühl, alle sind mittlerweile Klimabotschafter - von Knut bis Leonardo di Caprio. Mir ist durchaus bewusst, dass ich auch mit meiner Kampagne im Sommer ein Problem mit der Seriosität habe, weil sich gerade jeder das Deckmäntelchen des Klimaschutz umhängt. Da ich mich ja schon relativ lange mit dem Klimawandel beschäftige, bin ich auch ganz schön überrascht, welche Dynamik das Thema plötzlich entwickelt hat. Ich habe die Befürchtung, dass das ein Hype-Thema ist, das wie das Waldsterben in den achtziger Jahren einfach irgendwann vergessen wird. Ich finde es deshalb wichtig, dass die Politik Rahmenbedingungen schafft, die Klimaschutz noch profitabler machen. Der Mensch ist eben nicht nur rational und solange es angesehen ist, einen dicken Porsche zu fahren, wird sich nicht viel ändern. Und was kann die Politik da machen? Die Politik könnte zu einer Einstellungsänderung beitragen, indem sie den Emissionshandel auch auf andere Brachen als nur die Energie intensive Produktion ausweitet. Der Verkehrssektor könnte gut in den Emissionshandel einbezogen werden. Man könnte aber auch den Einzelnen in die Pflicht nehmen. Meine Vision ist: Jeder Mensch hat das Recht den gleichen Mist zu tun. Wenn in Bangladesch die Menschen ein Dreißigstel dessen in die Luft blasen, was ein Amerikaner an CO2 emittiert, könnten sie ihre übrigen Emissionsrechte an einen Amerikaner verkaufen, so dass eine gewisse Transferleistung statt findet. „One human – one emission right“ - dieses Schlagwort finde ich sehr wichtig. Denn hinter der Klimaproblematik steckt auch eine große Gerechtigkeitsfrage. Meiner Meinung nach sagen die Chinesen zurecht, ihr habt 150 Jahre Mist produziert, warum sollen wir das ausbaden? Und obwohl sie sich nicht um Klimaschutz kümmern, produziert China pro Kopf immer noch erst ein Drittel dessen an CO2, was ein Deutscher produziert. Du hast gesagt, du willst ein Bewusstsein schaffen, was jeder Einzelne tun kann. Was ist das? Sich erst mal darüber klar werden, was für Aktivitäten im täglichen Leben welche CO2-Emissionen verursachen. Das ist manchmal ziemlich erstaunlich. Ich selber habe vor vier Jahren zum ersten Mal meine CO2-Bilanz ausrechnen lassen und war eigentlich in allen Kategorien, von Wohnung bis Ernährung, unterm Bundesschnitt. Was mich aber darüber katapultiert hat, waren meine zwei Flüge im Jahr. Das machte meine ganze schöne Bilanz zunichte, was mich damals ziemlich geschockt hat. Das größte Einsparpotential liegt deshalb in der Verhaltensänderung: auf einen Flug zu verzichten zum Beispiel. Gerade im Geschäftsbereich könnte man ja auch mal eine Videokonferenz einberufen, statt ständig durch die Gegend zu jetten. Und innerhalb Deutschlands sollte man wirklich nur mit der Bahn fahren. ++++ Fotos: privat

  • teilen
  • schließen