Frauen sind keine Menschen zweiter Klasse!

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Wieso kämpfst du gerade für mehr Frauenrechte in Afghanistan? Sind nicht die anhaltenden Selbstmordanschläge und Kämpfe in deinem Land das wichtigste Problem? Wenn man sich die Situation von afghanischen Frauen richtig anschaut, sieht man schnell wie dringend wir jetzt für Frauenrechte kämpfen und die Situation verbessern müssen. Afghanische Frauen werden in ihren elementaren Menschenrechten eingeschränkt – im Namen des Islams. Diese Situation haben wir nicht erst seit den letzten 30 Kriegsjahren sondern schon seit mehr als einem Jahrhundert! Ohne politische und wirtschaftliche Stabilität hat die Bildung auch keine Chance, lernen die Mädchen keine andere Gesellschaft kennen – ein Teufelskreislauf! So wachsen junge Frauen in unserem Land als „Zweite-Klasse-Menschen“ auf, obwohl es ganz andere Auslegungen des Korans gibt und unser Glaube diese Diskriminierung eben nicht einfordert. Deshalb müssen wir jetzt beim Wiederaufbau unseres Landes für Frauenrechte kämpfen. Wir müssen jetzt Veränderungen für unsere Kinder, die nächste Generation erkämpfen, damit diese gleichberechtigt in einer anderen Gesellschaft aufwachsen. Was sind denn die größten Probleme von afghanischen Frauen? Und gegen wen kämpft ihr vor allem? Unsere Probleme sind natürlich vielfältig und überwältigend, weil unser Land in einer sehr kritischen Situation ist. Darunter leiden besonders die Wirtschaft und die Bildung. Leider wurde unser Bildungssystem nie richtig aufgebaut und im Krieg kam es fast völlig zum Erliegen. Der Großteil unserer Frauen ist deshalb ungebildet und glaubt an das afghanische Stammesideal, das sie zuhause bleiben müssen, um der Familie zu dienen und zu akzeptieren, was auch immer passiert und der Mann will. Es gab viele Bemühungen der internationalen Gemeinschaft – der UN, der EU und vielen Staaten – die Situation von uns Frauen in Afghanistan zu verbessern. Leider hat unsere Regierung bisher dazu keine klare Position erkennen lassen und der Großteil der ausländischen Experten bleibt nur kurz im Lande und versteht unsere Probleme nicht wirklich. Deshalb müssen afghanische Frauen ihr Glück schon selber in die Hand nehmen und für Gleichberechtigung, für ihre Demokratie kämpfen. Das können wir nur selber erlernen, gemeinsam und zusammen mit den Männern in unserer Gesellschaft.

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Illustration: Julia Schubert

Welche konkreten Projekt führen denn Medico Mondiale und WPPC für afghanische Frauen durch? Medico Mondiale ist eine deutsche Organisation, die für Frauen in Nachkriegsländern arbeitet. Wir kümmern uns besondern um im Krieg vergewaltigte Frauen, die durch Rechtsanwälte der Organisation kostenlos beraten und vor Gericht vertreten werden. Zudem arbeiten wir mit traumatisierten Frauen, mit Frauen im Gefängnis und bauen Selbsthilfenetzwerke in Afghanistan auf. Ich arbeite besonders bei der rechtlichen Unterstützung von Frauen, die sich scheiden lassen wollen. Das ist nach den neuen Gesetzen jetzt in unserem Land möglich, es gibt aber nur wenige Rechtsanwälte, die diese Frauen vor Gericht vertreten. Hier helfen wir den Frauen mit Beratung und kostenlosen Anwälten. Zudem engagiere ich mich beim „Women Politicial Participation Project“ (WPPC), bei in dem sich mehrere hundert Frauen zusammengeschlossen haben, um Frauenrechte politisch durchzusetzen. Wir wollen erreichen, dass sich wesentlich mehr Frauen in der Politik engagieren und durchsetzen und unterstützen die Frauen im Parlament intensiv bei ihrer Arbeit. Wie motivierst du denn Leute bei euch mitzumachen? Das ist wirklich nicht einfach und dauert seine Zeit. Als ich vor sechs Jahren zum ersten Mal nach Kabul ins Studentenwohnheim kam, waren die Mädchen zu ängstlich um gemeinsam auszugehen oder selbst ein Foto zu machen. Das hat sich zum Glück geändert und junge Frauen aus meiner Uni engagieren sich auch ein wenig und sind mutiger, aber eben nur in der Hauptstadt. Als ich vor kurzem in der Bamyan-Region, etwa vier Stunden von Kabul entfernt, Beratungen durchführen wollte, musste ich das in der Moschee machen, weil es keine Schule für Mädchen gab und alle Mädchen mussten vor sechs Uhr Abends wieder zuhause sein. Ich versuche dann immer die Mädchen von meiner eigenen Erfahrung zu überzeugen: das man mit Männern und Frauen reden und lachen kann, das man gemeinsam rausgehen kann und das man nicht unsicher sein muss und sich nicht immer mit dem Kopftuch bedecken muss. Das ist harte Überzeugungsarbeit, lohnt sich aber – wie ich immer wieder erfahren kann, wenn junge Frauen mutiger werden und Männer sie dabei unterstützen. Was ist denn deine Vision von einem besseren Leben für Frauen bei euch? Ich möchte einfach in einem Land leben, bei dem Mädchen und Jungs, Männer und Frauen gleichberechtigt sind und auf einer Ebene stehen. Dazu müssen wir bei uns, unserer Familie und unseren Frauen und Männern anfangen. Das habe ich auch getan, gerade nach der Erfahrung, dass meine Schwester von ihrem Mann vergewaltigt worden ist, sich scheiden wollte und dann aus dem Iran fliehen musste, weil er sie bedroht hat. Ich will dass sich sowas ändert und Frauenrechte ernst genommen werden. Und wie weit seid ihr denn auf diesem Wege bisher gekommen? Ich kann erstmal nur für mich sprechen. Ich habe meine eigene Freiheit erreicht und unterstütze gerne Frauen dabei das auch zu tun. Dazu haben wir mit Medico Mondiale und WPPC in den letzten Jahren die Änderung des Ehegesetzes erreichen können und fast jeder vierte Abgeordnete im Parlament ist weiblich. Das sind gute erste Schritte, aber wir haben noch viel zu tun.

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Illustration: Julia Schubert

Wie motivierst du dich denn für die Projekte, ist das nicht manchmal schwierig? Natürlich ist es manchmal schwierig, dann möchte ich am liebsten das Land verlassen und woanders weitermachen. Aber ich lebe nun mal hier und liebe mein Land, deshalb möchte ich hier was verändern. Und ich kann die Ungerechtigkeit nun mal nicht ertragen, wie Frauen hier behandelt werden, deshalb engagiere ich mich. Wenn ich dann sehe, dass junge Frauen nach unseren Gesprächen mutiger werden und mitmachen, spornt mich das noch mehr an. Hast du ein Idol, das dir Kraft gibt? Neben meinen tollen Freunden ist vor allem meine Familie mein Rückhalt. Besonders mein Vater ermutigt mich immer wieder weiterzumachen und die Erfahrungen meiner Schwester geben mir die Überzeugung, dass ich das Richtige tue.

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