"Jeder könnte sich in einer Zwangslage wiederfinden." KARO kämpft gegen Zwangsprostitution

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Was ist das Problem? In unserer modernen Gesellschaft wird die Würde von Frauen und Kindern noch immer mit Füßen getreten. Frauen und Kinder werden zum Zwecke sexueller Begierden rekrutiert und dann in sklavenähnlicher Weise missbraucht.

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Illustration: Julia Schubert

Wer sind die Bösen? Kriminell organisierte Menschenhändlerringe machen mit der Ware "Frau und Kind" jährlich höhere Gewinne als mit den Waren "Droge" oder "Waffe". Doch alleine wären sie nicht so schlagkräftig. Als Zuhälter und Peiniger fungieren oft Freunde und Familienangehörige. Dieser Markt würde allerdings nicht funktionieren ohne Männer, die ihre Aggressionen durch sexuelle Gewalt ausleben. Was macht Ihr dagegen? Unsere Arbeit ist vielschichtig. Zum einen arbeiten wir mit den in Not geratenen Frauen. Am Wichtigsten ist erst einmal, Kontakt aufzunehmen und Vertrauen aufzubauen. Dann müssen wir den Frauen ein Gefühl für Menschlichkeit vermitteln, die sie zuvor nicht erfahren haben, obwohl sie ihr Leben lang danach gelechzt haben. Wenn die Frauen bereit sind für ein Leben jenseits der Prostitution, nehmen wir sie an der Hand und helfen ihnen, sich in der neuen Welt zu orientieren. Außerdem arbeiten wir mit Freiern und Sextouristen. Wir verurteilen ihre sexuellen Bedürfnisse nicht, sensibilisieren sie aber in Bezug auf die Themen Menschenhandel und Zwangsprostitution. Wenn sie schon käuflichen Sex erwerben wollen, sollen sie dabei nicht unwissend ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit begehen. Zuletzt ist es unerlässlich die breite Bevölkerung mit dem unwürdigen Geschäft mit der Ware „Mensch“ vertraut zu machen. Das versuchen wir durch Kampagnen, in Vorträgen und Presseerklärungen zu vermitteln. Wie passt der kleine Konflikt ins große Bild? Unsere Gesellschaft trägt keinen Heiligenschein. Viele Elemente sind korrupt oder korrumpierbar. Gesellschaftliche Wertvorstellungen sind kaum noch vorhanden. Ein ökonomischer Grundsatz sagt, jeder Markt, der bestehen will, braucht eine gewisse Nachfrage und wird von dieser Nachfrage bestimmt. Ohne diese Nachfrage gäbe es keine Händler, die daran verdienen könnten. Im Besitz einer unglaublichen Kaufkraft sind Konsumgewohnheiten entstanden, die diese Kaufkraft entscheidend bestimmen. Alles in unserer Welt scheint konsumierbar und käuflich zu sein. Lust wird psychologisiert, medialisiert und technisiert. Es ist nicht nur ausdrücklich erlaubt, was gefällt, es wird auch leistungsbezogen eingefordert. Dies sorgt für das Ausmaß und die Art der Nachfrage. Oftmals sind sogar Politiker im Sumpf des Rotlichtmilieus verstrickt. Unsere Konsumgesellschaft treibt uns zu immer extremeren Reizen an. Junge Leute werden medial verführt, durch Bilder und Werbung wird ihnen ein falsches Bild von Lust und Sexualität vermittelt. Dadurch können Männer aber immer noch das Bild des starken Mannes konservieren. Der Kampf der Geschlechter ist nur scheinbar beseitigt. Er sucht sich Nischen, um zu überleben. Im Dunkelfeld des Menschenhandels kann er noch wunderbar gedeihen. Wie überzeugt Ihr Leute vom Mitmachen? Jeder von uns könnte sich in einer Zwangslage wie der des "Menschenhandels" wiederfinden, wenn ihm das Schicksal anders mitgespielt hätte. Die Geburt, das Elternhaus, die ökonomische Lage des Heimatlandes und viele andere kleine Faktoren entscheiden oft darüber, ob ein Mensch Wärme und Zuneigung erfährt oder einfach nur die „Hölle auf Erden“ und ein menschenunwürdiges Leben. Ist Basisarbeit manchmal frustrierend? Alleine hat keiner eine Chance, am Rad der Welt zu drehen. Jeder in unserem Team steht für die „gute Sache“ ein. Das Wir-Gefühl, das dabei entsteht, setzt Kräfte frei. Frustrationen können so leichter kompensiert werden. Macht hat zwei Pole: Geld und Menschen. Worauf setzt Ihr? Da unsere Arbeit leider durch den Freistaat Sachsen keine Unterstützung mehr erfährt, sind wir auf die Zuwendungen privater Spender angewiesen. Ohne diese geringen Zuflüsse wäre unsere Arbeit mit Frauen und Kindern schon längst nicht mehr machbar. Unter Berücksichtigung der elenden Lage unserer Klientinnen, lassen sich die Herzen der Menschen oft erweichen. Förderungen für spezielle Projekte erhalten wir von der EU-Kommission. Wie überwindet man Trägheit? Trägheit ist oft nur eine faule Ausrede, um nicht aktiv werden zu müssen oder um Angst zu verdrängen. Die Gesellschaft ist oft träge und die wachen Strategen der organisierten Kriminalität nutzen diese Passivität als gefundenes Fressen aus. Eurer Rat für Sesselrevoluzzer? Nicht der Politik oder der Gesellschaft Untätigkeit im Kampf gegen Menschenhandel vorwerfen. Jeder kann aktiv werden. Nicht nur durch Spenden, sondern auch durch das Organisieren von Ortsgruppen und Gesprächsgruppen. Wenn man Zustände kritisiert, fühlt man sich nur vorübergehend besser. Nur durch die aktive Beteiligung am Veränderungsprozess der Gesellschaft kann man für sich selbst und für die Gesellschaft Sinn stiften. Foto: dpa

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