Manchmal muss man Menschen auf die Nerven gehen

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Als die Fußgängerampel das Ziel freigab, machte sich der Mann auf den Weg, und es war klar, dass er lange brauchen würde. Er schob eine Gehhilfe vor sich her, und sein Alter war längst eine Behinderung. Die Autofahrer starrten ungläubig. Auf Autofahrer, die nach Hause wollen und mit dem Tag erst noch Frieden schließen müssen, wirkt es oft anmaßend, wer alles am Verkehr teilnimmt. Ich weiß das, ich bin auch manchmal Autofahrer.

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Illustration: Julia Schubert

Verkehr braucht einen Rhythmus, besonders auf der Straße, und der alte Mann war einfach zu langsam. Als die Fußgänger wieder ein rotes Männchen sahen und die Ampel eine freie Bahn für die Autos anzeigte, war der Alte gerade in der Mitte der Fahrbahn. Das ist ein Konflikt, denn die Fahrbahn war eben nicht frei. Ich als Verkehrsteilnehmer mag es nicht, wenn Tatsachen den Lauf der Dinge behindern. Einige Autofahrer begannen zu hupen, was ein bizarrer Impuls ist, denn niemand hätte es lieber gehabt als der Alte selbst, wenn er sich schneller bewegt hätte. Auf der Gegenfahrbahn hielt ein Motorrad an. Der Fahrer stellte es auf der Verkehrsinsel in der Mitte der vierspurigen Straße ab und ging zu dem Alten. Dann führte er ihn über die Straße, Schritt für Schritt. Das heißt, er führte ihn nicht, denn der Alte konnte ja gehen, er lief einfach neben ihm, wie ein riesiger Bodyguard in einer Ledermontur, sehr bestimmt. Es dauerte so lange, wie es eben dauerte. So ist das mit Tatsachen. Und die ganze Zeit über wurde gehupt. Der Bono von U2 hat einmal gesagt, er wisse, dass er allen Menschen auf die Nerven geht mit seinem Kampf gegen Aids in Afrika, aber was solle er machen? Schließlich hätte er die Opfer gesehen. Die Tatsachen. Jetzt muss er eben etwas tun. Deshalb nennen wir Bono einen Gutmenschen, und meinen das beleidigend. Ein Gutmensch ist nämlich jemand, der zwar etwas Gutes tut, aber wir unterstellen ihm, dass er es nur tut, damit er sich selbst besser fühlt. Das mögen wir irgendwie nicht, dass er sich gut fühlt. Und deshalb tun wir nichts Gutes, fühlen uns dafür aber auch nicht unangemessen gut. Diese Überlegung ist überragend bizarr. Und sie ist vorherrschend. Ich hoffe, der Motorradfahrer hat sich gut gefühlt letzten Donnerstag.

Text: michalis-pantelouris - Illustration: Katharina Bitzl

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