Berlinale-Blog. Heute: Erste Party und Neukölln Unlimited

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Ein 60. Geburtstag – das klingt nach dem Gegenteil von Rock’n’Roll. Und zumindest hinsichtlich des diesjährigen Eröffnungsfilms hat sich dieser Eindruck bestätigt. Wo vor zwei Jahren noch die Stones in die Vollen gingen und im letzten Jahr Tom Tykwers „The International“ für Bombenstimmung sorgte, wirkt „Tuan Yuan (Apart Together)“ eher wie ein gediegenes Altenheim-Beisammensein mit gemächlicher Polonaise durch den Kinosaal. Steckbrief dieser Eröffnungsparty:

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Illustration: Julia Schubert

Wang Quan’an Das Gastgeschenk des Regisseurs Wang Quan’an (nüchtern betrachtet): Die Geschichte einer verloren geglaubten Liebe vor dem Hintergrund politischer Zerwürfnisse und traditionellen chinesischen Sichtweisen. Das Gastgeschenk des Regisseurs Wang Quan’an (unter Alkoholeinfluss betrachtet): Der Ex-Lover einer chinesischen Oma kommt zu Besuch, will Oma Opa wegnehmen und Opa ist’s egal. Weil Opa aber so nett ist, lässt der Ex-Lover die Oma doch bei Opa, insofern bleibt also alles (inklusive Oma) beim Alten. Am Ende stimmen alle noch mal ein gemeinsames Liedchen an und essen lecker mit Stäbchen. Tuan Yuan (Apart Together)-Trailer:

Partygetränk:Reiswein Partyaufreger: Opa pöbelt nach zu viel Reisweinkonsum fremde Partygäste an. Folge: Opa wacht erst wieder im Krankenhaus auf. Die Partydroge ‚Film’ bewirkt: Das Verschwinden von Farben, verlangsamte Bewegungen, Angst vorm Alleinsein, Müdigkeit. Partymucke: Die Big-Band Shanghai gibt ein kurzes Stelldichein, der Kinderchor darf auch noch mal ran, ansonsten soll jeder selbst was zum Besten geben. Partycrowd: Rüstige Rentner, Großfamilien und Altenpfleger. Partyresümee: Vollgas ist was anderes, einige Gäste sind eingeschlafen. Vergleichbar mit dem 60. Geburtstag eines entfernten Verwandten, bei dem man niemanden kennt, mit niemandem ins Gespräch kommt, aber immerhin am Buffet ordentlich zulangt. Weil bei der Eröffnungsparty jedoch keine rechte Stimmung aufkommen wollte und bereits frühzeitig Schluss war, sind wir stattdessen noch mal mit Lial und Hassan, zwei Protagonisten des schönen Dokumentarfilms „Neukölln Unlimited“, um die Häuser gezogen und haben die Oberflächlichkeit des befeierten Augenblicks gegen ein wenig Ernsthaftigkeit getauscht. Denn der Film über drei Kinder einer libanesischen Familie und ihren Kampf um behördliche Anerkennung bot genügend interessanten Gesprächsstoff.

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Illustration: Julia Schubert

Das medial kreierte Klischee von jugendlichen Migrantenkindern aus Neukölln umfasst häufig Kriminalität, Gewalt und eine Antihaltung gegenüber der deutschen Kultur. Ihr liefert ein perfektes Gegenbeispiel dafür. Hassan: Eine Intention des Films ist die, den bestehenden Vorurteilen etwas entgegenzusetzen. Es gibt viele Familien wie unsere, die sich in der Gesellschaft engagieren und für ihre Rechte kämpfen, aber dennoch von der Politik verstoßen werden. Über uns wurde häufig geschrieben, wir seien ein Paradebeispiel für gelungene Integration. Mit dem Film wollen wir den Menschen Mut machen, denen es ähnlich geht wie uns. Im Film gibt es ein Aufeinandertreffen mit Innensenator Körting, bei dem er sich eher widerwillig auf eine Diskussion mit euch einlässt. Hat das Gespräch dennoch etwas an eurer Situation verändert? Hassan: Eigentlich nicht. Er hat zwar einen Brief geschrieben, in dem er mir eine Aufenthaltsgenehmigung zugesichert hat, wenn ich mein Studium begonnen habe, aber was bringt mir das, wenn der Rest meiner Familie abgeschoben wird? Lial: Ich verstehe auch die Kriterien nicht, nach denen entschieden wird, wer in Deutschland bleiben darf und wer nicht. Wir haben eine Ausbildung, verdienen unser Geld, haben keine Vorstrafen und werden abgeschoben. Andere Familien tun nichts, sind kriminell und dürfen hier bleiben. Das ist doch nicht fair. „Neukölln Unlimited“-Trailer

Wie ist es euch trotz all der Probleme gelungen, euren Weg zu finden? Dem Neukölln-Klischee zufolge wird euch eine kriminelle Laufbahn ja eigentlich mit in die Wiege gelegt. Hassan: Unsere Eltern waren stets tolle Vorbilder für uns. Die sind nach Deutschland gekommen, wurden von der Gesellschaft verstoßen, aber haben sich dennoch mit legalen Mitteln etwas aufgebaut. Erst wenn die Eltern sich aufgeben, tun ihre Kinder es ihnen gleich. Aber unsere Eltern haben immer gekämpft. Lial: Wir haben von ihnen auch stets den nötigen Freiraum bekommen. Wir konnten uns ausprobieren, was besonders für mich als arabisches Mädchen keine Selbstverständlichkeit ist. Unsere Eltern haben uns immer vertraut und in allem unterstützt. Wir konnten selbst den Weg wählen, den wir einschlagen wollen. Und weil unsere Eltern in dieser Hinsicht den richtigen Weg gegangen sind, sind wir ihnen gefolgt. Meint ihr, dass dieser Film an eurer Situation oder der von anderen Familien in vergleichbarer Situation etwas veändern kann? Lial: Schwer zu sagen. Wir hoffen es zumindest. Herr Körting ist zur Premiere am Samstag auf jeden Fall eingeladen. "Neukölln Unlimited" läuft in der Reihe Generation 14+.

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