Der Berlinale-Blog mit den besten Filmen, Skandalen und: Schluss

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Das war es also schon wieder mit der hauptstädtischen Filmsause mit Regen, Eis und Schnee am roten Teppich. Die Party ist vorbei, die Stars sind wieder weg und das euphorische Korkenknallen unzähliger Champagnerflaschen anlässlich des 60. Geburtstags verhallt ungehört zwischen Zoologischem Garten und Potsdamer Platz. Die Bilanz: Der goldene Bär ging in diesem Jahr an den türkischen Wettbewerbsfilm „Bal“, ein Drama über die Kindheit im ländlichen Anatolien. Dieter Kosslick betonte vor der Bekanntgabe des Gewinners noch einmal, dass bei dieser Berlinale vor allem die Familie im Vordergrund stand und leitete damit schon einmal dezent auf den Imkerfamilienfilm. Wunderschön fotografiert und tief berührend zeigt sich „Bal“ durchaus als würdiger Bärengewinner, auf dessen deutschen Kinostart man jedoch wohl noch etwas warten muss.

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Illustration: Julia Schubert

Semih Kaplanoglu mit seinem Bären. Er ist der Regisseur von "Bal" Berlinale-Filme, die man sich außerdem unbedingt ansehen sollte: * „The Kids Are Alright“, weil ein Lesbenpärchen (Julianne Moore und Annette Bening), das ihren Sohn Laser nennt, nur cool sein kann und man sich Mark Ruffalo als samenspendender Vorzeige-Macho nicht entgehen lassen sollte. * „Father Of Invention“, weil Kevin Spacey als ausgebluteter Fabrikateur wieder mal eine Augenweide ist und selbst die Nebenrollen dieser Komödie mit Johnny Knoxville und Heather Graham grandios und zwerchfellreizend besetzt sind. * „Howl“, weil bereits der Versuch einer filmischen Bebilderung von Allen Ginsbergs Dichtkunst aller Ehren wert ist und James Franco in Kombination mit Sprache, Musik und halluzinativer Animation Ginsbergs Poesie visuell erfahrbar macht. * „Die Fremde“, weil Sibel Kekilli in ihrer Rolle als Umay zu Herzen geht und Regisseurin Feo Aladag für den Mut Respekt gebührt, ein so sensibles Thema wie „Ehrenmord“ ohne Schuldzuweisungen und übertriebenen Pathos umgesetzt zu haben. * „Neukölln Unlimited“, weil „der Film eine einzige wunderbare Choreografie ist, die einem die Worte raubt und doch nicht schweigen lässt“ und dafür vollkommen zu Recht mit dem gläsernen Bären ausgezeichnet wurde. Erwähnenswerte Berlinale-Skandälchen waren in diesem Jahr * der aufsehenerregende Protest eines verzweifelten Mannes, der sich splitterfasernackt vor dem Berlinale Palast im Schnee wälzte, um daraufhin lauthals kundzutun, dass er keine Lust habe, sich von Politikern als „Mittelstandsmüll“ bezeichnen zu lassen. Die Polizei bat ihn daraufhin aus gesundheitlichen Gründen als erstes, sich die Schuhe anzuziehen. * In Michael Winterbottoms hanebüchenem Pulp-Noir-Krimi „The Killer Inside Me“ prügelt Casey Affleck minutenlang in Nahaufnahme auf Jessica Alba ein, bis ihr Schädel aussieht wie eine Mischung aus einem Mettigel und Fischinnereien. Als Dankeschön für diese körperliche Zuwendung gesteht das Opfer dem Gewalttäter ihre nicht enden wollende Liebe. Buh-Rufe und Frauenfeindlichkeitsvorwürfe waren die Folge. * In „Jud Süß“ lässt sich eine lüsternde Gudrun Landgrebe am Fenster von Tobias Moretti von hinten nehmen, während sie dabei hocherotisiert auf die von Bombenangriffen heimgesuchte Stadt blickt und ihren Sexualpartner abfällig als Juden beschimpft. Die Szene wurde bei der Pressevorführung mit peinlich berührten Lachern und abfälligem Stöhnen bedacht.

Ein Film von vollendeter verbalisierter Weisheit: „Greenberg“ von Noah Baumbach. Hier einige Zitate: * „Verletzte Menschen verletzen Menschen.“ * „Die Jugend wird an die Jugend verschwendet.“ – „Ich würde sogar noch weiter gehen: Das Leben wird an die Menschen verschwendet.“ * „Du wurdest von einem Geisteskranken geleckt?!“ Damit schließt die 60. Berlinale nach zehn anstrengenden, spannenden und ausschweifend gefeierten Tagen ihre Pforten. Wir freuen uns bereits auf 2011.

Text: daniel-schieferdecker - Foto: dpa

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