Ach, Du auch?

Am einen Tag denkst du, zu Berlin sei alles gesagt, am anderen weißt du, dass das Unsinn ist. Unser Autor zieht jetzt hin und sagt, was die Hauptstadt gerade ist. Erste Folge der Berlin-Kolumne
jochen-overbeck

Ich sitze auf dem Dach eines Mietshauses in der Ohlauer Straße, es ist ein milder Augustabend, neben mir sitzt mein Freund T., und wir trinken Spritz, während die Sonne hinter ein paar Wohnblocks verschwindet. Wenn ich meinen Kopf nach links drehe, sehe ich den Fernsehturm. Drehe ich ihn nach rechts, sehe ich eine Matratze und einen alten Bürostuhl, die jemand hier oben entsorgt hat. „Eigenartig, dass kein ,Zu verschenken’-Zettel dranhängt“, sagt T. Mit so einem Zettel würde man sich in Berlin für gewöhnlich von jeglicher Entsorgungspflicht befreien. Das gefällt mir sehr gut, denn so gehen Eigennutz und Großzügigkeit eine Zweckgemeinschaft ein, die durchaus als repräsentativ für die Pfiffigkeit der Berliner zu verstehen ist. Das Schöne: Bald bin ich auch einer, zumindest auf dem Papier. Bald kann auch ich meinen Hausrat irgendwo im öffentlichen Raum verteilen.

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Illustration: Julia Schubert

Zu Berlin hat jeder eine Meinung. Egal, wem ich von meinem bevorstehenden Umzug erzähle: Irgendwas kommt immer. Die einen schwärmen von der total netten Kneipe in dem so hoffnungslos wirkenden Beton-Riegel am Kottbusser Tor, die anderen erzählen von einer coolen Postrock-Band, deren Sänger in die Hauptstadt gezogen sei, und manche fangen an, über das ausgeprägte politische Bewusstsein der Friedrichshainer und Kreuzberger zu sprechen. Und dann gibt es noch die Nörgler und Mahner. „Ach, Du auch“, sagen sie, gucken zum Boden und versuchen alle Vorfreude zu vernichten. Mit der vielleicht sogar wahren Geschichte des Cousins etwa, der schon 1992 nach Mitte zog und dort bis zu seinem Weiterzug nach Bogotà eine der Säulen der lokalen Clubkultur war. Häufiger ist’s so eine durch Bauchgefühl, Zeitungsartikel und amerikanische Bekannte („Tim hat ja gesagt, die Favorit Bar is echt geiler als alles in Berlin!“) begründete und damit eher diffuse Antihaltung. Eine andere Fraktion liebt München einfach so, dass sie Wegziehende aufrichtig bedauert. Das sind Menschen, die ohne diese putzigen Löwen vor den Residenzpforten, denen man aus längst vergessenen Gründen über die Nase streichen soll, ohne das Baader Café und ohne den Augustiner an der Arnulfstraße einfach nicht leben möchten. Ich erinnere mich genau an den Moment, in dem ich mich entschied, München zu verlassen. Es war ein Dienstagmorgen im April, ich saß in einem überklimatisierten Hotelzimmer in Los Angeles und wartete auf Usher. Der Typ, der einem früher immer zu offensiv die Bauchmuskeln zeigte, dafür jetzt manchmal wie Curtis Mayfield klingt und damit nicht nur die üblichen Klingeltonjugendlichen, sondern auch mich anspricht. Er kam mit einer fast schon ungehörigen Verspätung: Vier Stunden saß ich herum und fror. Usher, das erfuhr ich später, alberte in der Zwischenzeit mit seinem etwa einjährigen Sohn, der übrigens auch Usher heißt, im Bett seiner Hotelsuite herum und fütterte den Kleinen mit Bananen, die er vom Zimmerservice mit einer Gabel zerquetschen ließ. Ich hatte also alle Zeit der Welt, nachzudenken. Und relativ weit hinten im Gehirn lag seit geraumer Zeit dieser Gedanke. Es war ein kleiner Gedanke, der mit wenig Speicherkapazität auskam. Im Prinzip bestand er nur aus zwei Worten: „Mach was!“ In Momenten des Leerlaufs, da macht er bei mir einen Purzelbaum nach vorne und klopft von innen quengelnd an die Stirn. Während Usher seinen Vaterpflichten nachkam, stellte ich im Kopf Weichen. Ein paar Monate später ist die Münchener Wohnung gekündigt und ich bin traurig. Wer hat heute noch einen Kupferkamin und veilchenfarbene Kacheln im Bad? An die Trambahn und ihr Bimmeln, das die Betrunkenen der Gaststätte „Jagdschlössl“ von den Schienen jagen soll, hatte ich mich doch gewöhnt. Und neulich bin ich mit dem Fahrrad rund um den Starnberger See gefahren und habe festgestellt, dass ich das schon viel früher hätte tun sollen! Als ich meinem Chef mitteilte, dass ich leider die Stadt verlassen müsse, schien der das aufrichtig zu bedauern. Meine Eltern sehen es pragmatischer: Ich möge mir doch, so bat mich mein Vater, eine große Wohnung nehmen. Sie würden dann von Zeit zu Zeit für ein paar Tage vorbeikommen. Ich werde mein Bestes tun.

Text: jochen-overbeck - Illustration: Katharina Bitzl

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