Berlinkolumne: Der Preis einer billigen Wohnung

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Es ist schön, nach zwei Wochen im Süden wieder hier in Berlin zu sein. Vor allem, weil die Stadt sich gerade von ihrer feinsten Seite zeigt: Alles ist von einer gar nicht mal so dünnen weißen Schicht bedeckt, sieben Zentimeter Schnee sind's in meinem Innenhof. Auf den Dächern und zwischen den Trambahnschienen glitzert das Weiß in der Sonne, sogar der Gehweg vor meinem Haus ist eine zwar etwas rutschige, aber hübsch harsche Winterangelegenheit, auf der sich zu allem Überfluss auch noch ein Bernhardiner niedergelassen hat und träge in die Sonne blinzelt. Mit etwas gutem Willen sieht Berlin heute aus wie Kitzbühel, und käme hinter der nächsten Kreuzung plötzlich nicht die öde Eberswalder Straße, sondern ein Schigebiet mit Lift und schwarzer Piste und Jagertee-Hütten und Busparkplatz am Mauerpark - es würde mich gar nicht mal wundern.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Nicht ganz unerwartete Nebenerscheinung des ganzen Winterdingens: Leider ist es auch ziemlich kalt geworden. Und leider erkenne ich jetzt, warum meine Wohnung selbst für Berliner Verhältnisse recht wenig kostet. Mein Haus scheint nicht isoliert zu sein. Zwar schafft es das mir immer noch etwas windig vorkommende Konstrukt Gasetagenheizung, die Wohnung innerhalb kürzester Zeit saunawarm zu bollern - aber Sinn macht's keinen. Erstens will ich es gar nicht saunawarm haben, und zweitens: Sobald ich das Ding runterdrehe, wird es wieder kalt. Die Wärme haut sofort ab, und das ist ungerecht. Ich zahle ja sehr viel Geld dafür und sehe mich schon in irgendeiner Fernsehtalkshow mit Günther Jauch darüber sprechen, wie ich im Frühjahr der GASAG einen hohen vierstelligen Betrag an Heizkosten nachzahlen muss und deshalb kein Geld mehr für Essen habe. Ich mache mich also auf die Suche nach der undichten Stelle und werde schnell fündig: Die Wohnungstür ist quasi eine umgekehrte Heizung: Unten ist ein vielleicht 0,5 Millimeter breiter Spalt, aus dem unablässig und mit höchster Effizienz sehr frische, aber leider auch sehr kalte Luft in meine Behausung strömt. Auch direkt am Fenster zieht es ein wenig. Ich denke an die alte Wohnung von T: In dessen Badezimmer fror nachts immer das komplette Duschequipment ein. Plötzlich habe ich Angst, dass es noch viel kälter wird. Ich recherchiere im Internet nach Lösungsmöglichkeiten. Auf einem Hausfrauenportal wird empfohlen, sich so Filzwürste zu nähen, die mit Watte zu füllen und vor die betroffenen Stellen zu legen. Das klingt nach ästhetisch unbefriedigender Herumdoktorei. Ich stoße auf einen anderen Eintrag, in dem ein User anregt, das mit dem Heizen doch einfach ganz sein zu lassen: Man könne ohne Probleme auch bei Temperaturen um die zehn, zwölf Grad glücklich sein. Alles, was man dafür bräuchte, wäre ein bequemer Hausanzug und ein Paar warme Extra-Socken. Als ich lese, dass der gute Mann aus Gründen seiner ganz persönlichen Ökobilanz auch in einen Benzinkanister pinkelt, den er leert, wenn er eben voll ist, klicke ich die Seite lieber weg und gehe ins wohltemperierte Café am Eck. In der Zeitung steht, dass es in der Nacht auf Montag 400 Extra-Winterdienstler unterwegs waren. Dann werden die Hausbesitzer noch daran erinnert, dass sie vor der eigenen Hütte selbst kehren, räumen, streuen müssten. Der Wetterbericht sagt Dauerfrost vorher, vielleicht könnte es übermorgen leicht schneien, und auf der Berlin-Seite sieht man Fotos von Kindern, die unverschämt rotbackig durch den Weinbergspark rodeln. In einer älteren Ausgabe erzählt Klaus Wowereit, dass er den Mariannenplatz mag, und die Currywurst bitteschön am liebsten am Kudamm. Ich stelle mir vor, wie er da so auf dem festgetretenen Schnee an einem Stehtisch lehnt und Mittagspause macht. Ich überlege, was er wohl sagen würde, wenn ich mich einfach dazustellen und das mit der Heizung erzählen würde. Kleiner Mann, Straße, Probleme und so - wäre doch eigentlich Sozialdemokratie at it's best. Vermutlich würde er mir aber freundlich auf die Schulter klopfen und das erzählen, was in der Zeitung steht, nämlich, dass auch in Berlin jedes Haus einen Energieausweis besitzen muss. Das ist ein lustiges Dokument mit Grün-Rot-Skala, die ziemlich genau den "Energieverbrauchskennwert" eines Gebäudes beschreibt und bei der Vermietung vom Eigentümer vorzuzeigen ist. Vielleicht sollte ich einmal mit der Hausverwaltung telefonieren und nachfragen. Vielleicht sollte ich aber auch einfach einen warmen Hausanzug kaufen.

Text: jochen-overbeck - Illustration: Katharina Bitzl

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