Berlinkolumne. Heute: BVG vs MVG

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Als ich sieben oder acht Jahre war, gab es in meinem Dorf einen Obdachlosen, der sich den S-Bahnhof als Stützpunkt aussuchte. Er saß da, gute 40 Kilometer westlich von München in der Sonne, trank Dosenbier, müffelte ein bisschen und pinkelte ab und an in die Ecke. Weil er manchmal all diese Aktivitäten quasi im To-Go-Modus und damit im Zug verrichtete, hatte ich ein bisschen Angst vor ihm und bestieg die Bahn lieber am anderen Ende. Ansonsten ist der Öffentliche Nahverkehr in der bayerischen Hauptstadt meistens eine logisch organisierte und benutzerfreundliche Heile-Welt-Angelegenheit. Wer einmal zu Bürozeiten vom, sagen wir mal, Rotkreuzplatz Richtung Moosach gefahren ist, weiß das. Ein paar Verkäuferinnen aus dem OEZ, viele Schlipsträger, die am O2-Tower aussteigen, dazu die üblichen Schüler. Hübsche, saubere Wagons, die allabendlich durchgesaugt werden. Trambahnfahren ist ähnlich, manchmal sogar ein Nostalgie-Trip: Es sind ja immer noch drei oder vier dieser ganz alten Züge unterwegs, die man über so eine Art Klettersteig betreten muss, um anschließend auf formschön geschwungenen Holzsitzen Platz zu nehmen. Für Kinderwagenbesitzer und Rollwagen-Rentner vermutlich die Hölle, aber ich find's super, ebenso wie die arty Spritzbeton-Wände an der Haltestelle Westfriedhof oder das Wandmosaik und die Pflanzenvitrine im Odeonsplatz-Untergeschoss.

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Illustration: Julia Schubert

In Berlin hat der Öffentliche Nahverkehr ganz offenbar so überhaupt keinen Bock, sich aufzuhübschen. Alles, was irgendwie mit Ästhetik zu tun hat, ist entweder uralt und damit eben schlichtweg da - etwa die unkaputtbaren Hochbahntrassen - oder eher ein Versehen. Zweiflern sei ein Besuch der Station Moritzplatz empfohlen: Im Zwischengeschoss hängen die Decken so tief wie in einem 60er-Jahre-Appartement, die Beleuchtung ist eine einzige Katastrophe, und das, was in München so gerne "Außenbereich" genannt und meistens schon irgendwie gestaltet wird, ist auch nicht viel besser. Hier Schönheit herauszulesen, erfordert schon ein gehöriges Maß an Abstraktionsvermögen. Andererseits: Zweckmäßig ist's, und das scheint dann der Hauptunterschied zu sein. Vielleicht lässt es sich sogar auf die Stadt hochrechnen: In Berlin funktioniert alles, sieht man von Kleinigkeiten wie BVG-Streiks und gelegentlichem Schienenersatzverkehr ab. Beispiel Informationspolitik: In München wurden erst vor einigen Jahren Flachbildschirme aufgehängt, auf denen man erkennt, in wie viel Minuten genau die nächste U-Bahn kommt. Sie können vermutlich alle Farben der Welt darstellen und funktionieren oft überhaupt nicht. In Berlin wird einem genau das auf technisch weniger ausgefuchsten Anzeigetafeln seit Jahr und Tag mitgeteilt. Durchaus zuverlässig. Auch in punkto Ticketkauf gewinnt Berlin: Während der MVV immer noch auf ein völlig sinnfreies Konstrukt namens Geldkarte setzt (kennt irgendwer jemanden, der so etwas ernsthaft besitzt und nutzt?), kann man in Berlin bequem mit EC-Karte zahlen oder sich an einen der zahlreichen Kleinunternehmer wenden, die Second-Hand-Fahrscheine anbieten. Dritter Pluspunkt für Berlin: Man sieht eine Menge, weil die Züge ja zu großen Teilen über der Erde fahren. Gerade für den Neubürger ein einziges Fest. Übrigens: Zwei meiner Lieblings-Filmsequenzen des Jahres spielen im Berliner Nahverkehr. Einmal ist da Elmar Wepper, der im todtraurigen "Kirschblüten" irgendwo in der City einen Fahrschein ziehen möchte und es nicht schafft, weil dieser Geldeinwerfschlitz sich partout nicht öffnet. Resigniert setzt er sich anschließend auf eine Wartebank und möchte nur noch nach Hause. Ebenfalls epochal: Franz-Josef Wagner, der irgendwann im letzten Winter für einen Videobeitrag von BILD-Online gemeinsam mit Brigitte Zypries mit der U-Bahn durch den topgefährlichen Untergrund fuhr. Ernsthaft und gedankenverloren blickt er da in die Ferne, unterm Arm übrigens nicht sein Brötchengeberblatt, sondern die Süddeutsche Zeitung - vermutlich, weil er inkognito unterwegs ist. Während die beiden so durch die Tunnels zuckeln, stellt aus dem Off eine Stimme fest, dass die Bahnhöfe voller Schmierereien seien – und dass Jugendlicher an den Eingängen kampieren. "Wirklich sicher fühlen sich beide nicht", heißt es zu den düsteren Bildern aus dem Untergrund, dann erklärt die Justizministerin dem BILD-Autor, wie das mit den Notrufsäulen funktioniert. Der schreibt eifrig mit. Für beide scheint das alles total neu zu sein, für Wagner zusätzlich ganz, ganz schlimm und gefährlich. Mir fallen andere Dinge auf. Da wird im Zug der Straßenfeger verkauft, ab und an kommt eine Musikergruppe durch den Wagen und unterbindet mit meistens überschaubar solide interpretiertem Liedgut jedwede Art der Konversation. Dass sich dieses Geschäftsmodell trägt, irritiert mich: Geld gibt den Störenfrieden kaum jemand. Als ich neulich im der Straßenbahn von der Warschauer Straße Richtung neue Wohnung fuhr, wunderte ich mich über etwas anderes: Da saß gegenüber von mir ein junger Mann, der keine Schuhe, aber einen Wikingerhelm und so eine Art Fellkutte trug, die in etwa so aussah wie einer dieser auf der selben Linie oft vorkommenden Punkerhunde. Während links und rechts Friedrichshain vorbeizog, hörte er auf seinem Handy scheppernd Mittelaltermusik und trank aus einem Horn eine seltsam intensiv riechende Flüssigkeit, vermutlich Met. Es war ein bisschen schwierig, nicht hinzuschauen. Ein Freund versicherte mir allerdings abends, dass das selbst in Berlin nicht die Norm wäre.

Text: jochen-overbeck - Illustration: Katharina Bitzl

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