Berlinkolumne. Heute: Die Wunden der Stadt

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Am meisten erschreckt uns diese Wunde mitten in der Stadt. Da, wo früher einmal der Palast der Republik und danach ein rostendes, Asbest schwitzendes und nur langsam schrumpfendes Stahlbetonungeheuer herumstand, ist jetzt endgültig nichts mehr zu sehen. Eine schlammfarbene Baugrube, hässlich und so verschorft, als hätte ein Arzt mit einem scharfen Messer irgendjemanden einen Lebenfleck mitsamt einem guten Stück Haut aus dem Unterarm herausgeschabt. Darauf ein einzelner Bagger, vermutlich als Drohung: Wenn hier noch einmal irgendein Sozialist kommt und irgendwas Sozialistisches hinbauen will, gibt's auf die Mütze. Mit der großen Schaufel.

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Illustration: Julia Schubert

Wir schauen Berlin von oben an. Aus dem Fernsehturm. Weil J. sich das zum Geburtstag gewünscht hat. Also steigen wir in einen dieser verblüffend kleinen Fernsehturmaufzüge und fahren nach oben. Der Liftführer ist vermutlich genau so lange in Betrieb wie sein Arbeitsplatz und schafft es, die üblichen Informationen über Reisehöhe und -geschwindigkeit mitzuteilen, ohne dabei seinen Mund zu bewegen. Hängt vermutlich damit zusammen, dass er diese drei, vier Sätze seit der ersten offiziellen Fahrt am 3. Oktober 1969 - damals mit Walter Ulbricht als prominentesten Gast - etwa 40 Mal am Tag sagt. Aber nach ein paar Dutzend Sekunden steht die Zahl der Digitalanzeige über der Aufzugtür still, wir strömen gemeinsam mit einem Pulk etwas verkniffener Holländer in den Aussichtsraum und gucken erst mal. Es ist verblüffend leer, wir können also genau da schauen, wo wir wollen. Die Höhe ist der Weichzeichner Die Höhe ist gnädig mit der Stadt. Schmutz verwischt, und anstatt der eher brummig wirkenden 70er-Jahre-Fassaden rund um den Alexanderplatz sieht man deren Dächer, mit all ihren Elektromonturen, Schachtbedeckungen, Terrassen, Bepflanzungen und Trampelpfaden. Vor allem aber sieht man, was diese Stadt für ein Fleckenteppich ist, wieviel zerstört wurde und wie das die Bebauungspläne in der DDR der 50er- und 60er-Jahre zu lösen versuchten: Karl-Marx-Allee, Karl-Liebknecht-Straße, dazwischen verblüffend viel Braun, das aber ja eigentlich Grün ist. Hinten Marzahn, das ausieht wie ein paar Dominosteine und von der Sonne hell ausgeleuchtet wird. Drei, vier Schritte weiter die großen intakten Altbauflächen von Mitte und Prenzlauer Berg, schließlich die Plätze, an denen die DDR-Bürger seierzeit wohl am liebsten aus dem Fenster schauten: rüber in den Wedding und zum Tiergarten, in den Westen. Später setzen wir uns noch in das "Telecafé". Was wie eine spätabendliche Talkshow in irgendeinem Dritten klingt, ist einer der schönsten gastronomischen Betriebe der Hauptstadt, und das liegt nicht nur daran, dass sich das Ding dreht: Hat man es erstmal vorbei an der Platzierungsdame geschafft, umhüllt einen eine angenehme Ruhe, die gut zu der traditionsbewussten und zurückgenommenen Möbelierung passt. Hier oben herrscht Zeitlosigkeit, und im übrigen auch Ideologielosigkeit, und das obwohl der Fernsehturm den DDR-Sozialismus schon auch ein Stück weit mit repräsentierte. Hätte man beim Palast der Republik vielleicht auch irgendwo hinbekommen. In den folgenden Tagen versuche ich es mit ein paar weiteren Draufsichten. Ich lasse mir vom Hausmeister meines Büros das Dachgeschoss zeigen. Ein alter und verblüffend hoher Mehlspeicher in Kreuzberg, mit wunderbaren Holzapperaturen, Seilzügen allüberall, gefährlichen Gletscherspalten und einem umwerfenden Blick auf die winterliche Spree. "Soll irgendwann luxussaniert werden", erzählt der Hausmeister, und das klingt ein bisschen nach einer hochinfekziösen Seuche. Ich stehe eines Abends nicht auf der zugehörigen Party, die eh viel zu voll ist, sondern lieber auf dem Balkon des West Germany am Kottbusser Tor. Auch hier gilt: Die Höhe ist der beste Weichzeichner, den es gibt. Von den Junkies auf der Straße bekommt man wenig mit, stattdessen sieht man warme Wohnungslichter auf der gegeüberliegenden Straßenseite und ein paar Haltestellenschildern sowie ein bisschen Baumaterial beim Schlafen zu. Ein Typ, der ein bisschen aussieht wie Jarvis Cocker und irgendwas mit Mode macht und dem ich die Sache mit den Dächern und der Höhe erkläre, sagt, ich soll mal ins Weekend mitkommen, das sei so weit oben, was ich aber zunächst verwerfe, weil ich doch so ungerne raven gehe. Außerdem ist das mit der Draufsicht bei Tageslicht irgendwie schöner. Ich möchte schließlich auch die Wunden sehen.

Text: jochen-overbeck - Illustration: Katharina Bitzl

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