Berlinkolumne. Heute: Souvenirs

Am einen Tag denkst du, zu Berlin sei alles gesagt, am anderen weißt du, dass das Unsinn ist. Unser Autor zieht jetzt hin und sagt, was die Hauptstadt gerade ist.
jochen-overbeck

In seinem zwar etwas in die Jahre gekommenen, aber dennoch sehr empfehlenswerten Berlin-München-Roman "Das Messingherz" lässt Herbert Rosendorfer seinen Protagonisten Albin Kessel eine BND-Außendienststelle im Neukölln der 70er-Jahre leiten. Und weil man so etwas ja selten auf sein Firmenschild schreibt, wird sie kurzerhand als Souvenirladen getarnt. In einem ehemaligen Milchladen im Schatten der Mauer verkaufen die ohnehin stets beschäftigungslosen Geheimdienstler da also allerhand Tand an Busladungen japanischer Touristen. Egal, wie abseitig sie ihr Sortiment gestalten: Das Geschäft läuft ausnehmend gut. Ich laufe Berlins Prachtstraße Unter den Linden entlang und muss ein bisschen an diese Geschichte denken. Gerade im Abschnitt kurz vorm Brandenburger Tor reiht sich ein Andenken-Shop an den nächsten. Das Angebot ist dabei von einer Hässlichkeit, die keine Grenzen kennt, weder nach unten noch nach oben. Neben international erhältlichem Billig-Unsinn wie diesen wirklich wahnsinnig ärgerlichen Taschen, auf die in Schreibschrift hundert mal weiß und einmal rot der jeweilige Städtename gekritzelt ist und T-Shirts, auf denen steht, dass VaterBruderMutterOnkel in Berlin waren und lediglich diesen Oberbekleidungsfetzen mitbrachten, findet sich vor allem eine durchaus beeindruckende Sammlung an Glas und Porzellan. Zierteller mit 46 verschiedenen Motiven zähle ich, meistens einfältig bemalt mit Stadtmotiven. Am Rand und eher in der Bückzone liegt noch ein bisschen Schwarz-Rot-Gold-Kram von der Europameisterschaft herum. Flankiert wird das alles von einer ebenfalls sehr deftigen Auswahl an Gläsern. Ich frage eine Angestellte, was denn so am besten läuft. Sie taxiert mich kurz, erkennt in mir den politisch interessierten Kunden und schickt mich dann zu den Mauerstückchen. Die gibt's hier an jeder Ecke und in diversen Größen, vor allem aber in rauen Mengen, und ich muss ein bisschen an unsere Dorfkirche denken, in der an den hohen Feiertagen gerne mal ein wie die Mauerteile hübsch in Glas eingegossener Splitter des Kreuzes hervorkramt wurde. Natürlich sei der echt, sagte der Pfarrer uns Kindern immer mit beschwörendem Unterton, und mein Zweifel von damals erlebt eine Renaissance, wie ich ein merkwürdig verwackeltes Filmchen sehe, das den Verpackungsprozess der Grenzwall-Splitter zeigt und offenbar deren Authentizität garantieren soll.

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Illustration: Julia Schubert

Korrekte Alternative: Frühstücksbretter Ich verlasse den Laden, ohne etwas zu kaufen, drängle mich durch eine ratlos den Gehweg blockierende Realschulklasse und mache mich mit dem öffentlichen Nahverkehr auf den Weg Richtung Alexanderplatz. Im Inneren des Fernsehturms gibt es eine zwar recht kleine, aber durchaus beeindruckende Ansammlung an - nun ja - Fernsehtürmen zu kaufen. Aus allen Materialen, in allen Größen und gerne mit einer Art zusätzlichen Sinn versehen. Einige sind hässlich, einige aber auch verstörend attraktiv. Meine Favoriten: ein kleiner, sehr edel wirkender versilberter Kugelschreiber, für den man allerdings 24 Euro hinlegen müsste und eine Flasche Schnaps in Fernsehturmform. 0,7 Liter Doppelkorn für zehn Euro, das ist wirklich ein fairer Preis, den die Geschäftsleitung vielleicht etwas besser kommunizieren sollte. Aber auch sonst finden sich einige Schnäppchen: Die Geschichte des Fernsehturms gibt es beispielsweise als VHS-Band. Mag ohne HD und Dolby Surround und einem sehr reduziert anmutendem Coverdesign daherkommen und ist laut Copyright 13 Jahre alt, kostet aber auch nur zwei Euro. Der 2.0-Tourist mit Bildungsbürger-Background betritt diese Läden freilich nur im Notfall. Aber auch für ihn hat Berlin einiges zu bieten. Dinge, die witzig sind, etwa. Oder Dinge, die einen nur vermeintlichen Sinn erfüllen. Bei ersterem führten lange Zeit DDR- und UdSSR-Devotionalien. Der komplette Vorrat an Rotarmee-Pelzmützen und irgendwelchen B-Orden scheint aber über die letzten 18 Jahre an australische Touristen abverkauft worden zu sein, zumindest finde ich die einschlägigen Stände nicht mehr. Die hübsche und politisch korrektere Alternative: Frühstücksbretter. Gerne mit einem Bild vom Fernsehturm, aber auch oft in irgendeinem nicht gerne zuzuordnendem Retro-Design oder mit flotten Sprüchen. Gibt es eigentlich irgendjemanden, der diese Plastinkdinger einem ordentlichen, soliden Teller vorzieht? Ebenfalls weit vorne: Gummistiefel. Mit Pünktchen, oder einer etwas schmaler geschnittenen Sohle. Die einzigen Ereignisse, bei denen Erwachsene so etwas tragen können, sind Festivals. Dann doch lieber einen Zinnteller! Besser als Berliner Luft Aber alles ist gut, solange es keine Berliner Luft ist. Die berühmte, irgendwann vor hundert Jahren besungene Berliner Luft. Die wird in Dosen oder Flaschen abgefüllt und kostet unverschämt viel. Das Gemeine: Wenn man die aus der Entfernung im Andenkenladen stehen sieht, fein zu einer Pyramide gestapelt und hübsch etikettiert, wähnt man sich schon an seinem Ziel - für gewöhnlich wird so schließlich Wurst verpackt. Eine sauber definierte Gebrauchsware, der die Berliner Luft wenig entgegenzusetzen mag, zumal die Beschriftung der Dose keinerlei seriöse Herkunfts- und Herstellunsgarantie vermittelt. Wer sagt mir, dass das Zeug nicht eigentlich aus China oder dem Brandenburger Ödland stammt? Das als Vebraucher zu testen, ist ja eher schwierig, und als die taz vor ein paar Jahren mal in einem Aprilscherz-Artikel über den erhöhten Feinstaubgehalt des beliebten Mitbringsels sinnierte, hatte das vermutlich Gründe. Im "Messingherz" hört das BND-Team übrigens irgendwann auf, Sachen mit Berlin-Bezug zu verkaufen. Statt Berliner Bären, Freiheitsglocken und Willy-Brandt-Büsten verlegen sich Kessel und Co. auf Alpenländisches, etwa Holzteller mit aufgemalten Arrangements von Enzian, Edelweiß und Almrosen. Ein Weg, der näher an der Realität ist, als man denken möchte: Auch das Wachsfigurenkabinett Madame Tussauds hat einen eigenen Laden: Und da gibt es weder kleine Wachspüppchen noch irgendwelche Dinge, die etwas mit der Hauptstadt zu tun haben. Stattdessen kann man in die Standfüße klobiger Kunststoff-Oscars seinen Namen eingravieren lassen und die dann für ziemlich viel Geld kaufen. Des weiteren im Angebot: Kunststofftaschen mit dem Gesicht Audrey Hepburns als Motiv, Beatles-Uhren und ähnlicher Unsinn. Universelle Souvenirs quasi, denen die eigentliche Bedeutung des Mitbringsels völlig abhanden gekommen ist. Vermutlich steckt der Geheimdienst dahinter.

Text: jochen-overbeck - Illustration: Katharina Bitzl

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