Um zu erkennen, was man hat, muss man manchmal eben doch zurückblicken. Ich erinnere mich noch gut, als ich irgendwann im letzten Sommer einen kompletten Gemüseeinkauf auf dem Münchner Viktualienmarkt erledigte. Ein paar Möhren, etwas Sellerie, Lauch, Kohlrabi, Paprika, Pilze - dazu einige individuelle, aber nicht luxuriöse Erweiterungen. Bumm, gute 20 Euro weg, einfach so. Ich hatte zwar das Vergnügen mit einem strahlend blauen Himmel und einer Marktfrau, deren Lächeln so schön war wie das von Uschi Glas zu "Zur Sache, Schätzchen"-Zeiten, hatte aber eben auch das diffuse Gefühl, ein bisschen - nun ja, zu viel bezahlt zu haben. Seitdem steht's irgendwo in meinem Kopf geschrieben: Markt = teuer. Etwa doppelt so teuer wie Supermarkt. Gelegentliche Besuche der eigentlich durchaus netten Märkte am Helmholz- und Kollwitzplatz haben an dieser Einstellung nicht sehr viel ändern können. So hübsch die hier angebotenen Waren anzusehen sind: Wer hier seinen kompletten Wocheneinkauf erledigt, ist vermutlich sehr schnell sehr pleite.

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Schwenk in die Jetztzeit: Ich laufe über das Maybachufer, weil Dienstag ist. Das Maybachufer führt am Landwehrkanal entlang und ist die Grenze zwischen Kreuzberg und Neukölln. Dienstags und Freitags ist hier ein Markt, der sich in zwei engen Reihen an die Straße schmiegt. Und dass der mit oben erwähnter süddeutschen Heimatfilm-Variante nicht besonders viel gemein hat, bemerkt man schnell. Einmal an der Produktauswahl, die sehr genau erkennen lässt, dass Berlin kulturell gesehen das ist, was man gemeinhin einen Schmelztiegel nennt: Neben Dingen, die man aufessen kann, gibt es auch allerhand aus Stoff, zuvorderst Kopftücher, aber auch Unterwäsche und üppigste Hochzeitskleider und bahnenweise Leinen, dazu Schuhe und allerhand Kleinkram für alles, was im Haushalt so passieren kann und muss, etwa Knöpfe oder Kartoffelschäler. Schöne Kartoffelschäler, mit Holzgriff und zu einem sehr anständigen Preis. Ich kaufe zwei und bekomme nach einem kurzen Gespräch mit dem Verkäufer einen dritten dazu geschenkt. Beim Essen macht's die Mischung: Neben viel, viel Gemüse und den üblichen internationalen Konsensspezialitäten, die man vermutlich auf jedem Markt zwischen Rom und Oslo bekommt, also gefüllten Nudeln, Trockenfrüchten, Kräutern aus aller Welt und irgendwelchen absurden Chilischokoladen, ist es hier vor allem die türkische Küche, die vertreten ist. Einiges kann man gleich und mit viel Vergnügen aufessen, zum Beispiel in Fett ausgebackene Blätterteigtaschen mit Spinat-Käsefüllung oder Sesamkringel. Anderes nimmt man mit, etwa 100.000 Variationen Frischkäse, pikante Rindswürste, türkischen Honig, geröstete Nüsse, Hoummus, vor allem aber das Fleisch: Das sieht hier so aus, wie es sollte: Wie der Überrest eines toten Tieres. Statt fein ausgelösten Filetteilchen liegt oder hängt bei den Metzgern am Maybachufer so ziemlich alles in der Vitrine. Der Gedanke, für 20 Euro ein halbes Lamm mitzunehmen, gefällt mir ganz gut und erinnert mich an meine Kindheit: Da besuchten wir gerne entfernte Bekannte in Franken, die selbst schlachteten und die Ergebnisse mit einem Hackebeil ebenfalls halbierten oder grob stückelten, was mich immer mächtig begeisterte. Allerdings hatten meine Eltern eine Tiefkühltruhe, die mir fehlt, sodass ich das Lamm Lamm sein lasse und weiterziehe. Der Markt hat übrigens einen Namen, der verblüffend nah am Zeitgeist liegt: "Bioriental" nennt er sich seit einigen Jahren, und das Schild wirbt mit einem großen Dromedar und dem Slogan "märchenhaft einkaufen". Das ist natürlich ein bisschen übertrieben, ebenso wie das, was in einigen Reiseführern steht. "Marco Polo" etwa räsoniert in ziemlichen Dummdeutsch über "anatolische Großfamilien", die hier alles kaufen würden, was sie so im Leben benötigten. Klar, gibt ja auf der Brücke am Kottbusser Damm auch Fahrräder und - angeblich - Autos. Der "Lonely Planet" stellt eben mal einen Istanbul-Vergleich auf. Dass der ganz schöner Unsinn ist, wird jeder wissen, der schon einmal in den großen Markthallen der Bosporus-Metropole unterwegs war. In erster Linie geht's am Maybachufer dann doch um die Grundversorgung mit Nahrung. Dass die hier bestens funktioniert merke ich, als ich mich an den eigentlichen Einkauf mache. Ein paar Möhren, etwas Sellerie, Lauch, Kohlrabi, Paprika, Pilze - dazu einige individuelle, aber nicht luxuriöse Erweiterungen. Ich lande irgendwo bei acht Euro und mache mich mit zwei prallgefüllten Plastiktüten Richtung U-Bahn-Station Schöneinstraße. Dass der eher harsche Verkäufer keinerlei Ähnlichkeiten mit Uschi Glas hatte und der Himmel zuverlässig Berliner Grausuppe blieb, geht da schon in Ordnung. So war's vermutlich schon vor gut 90 Jahren, als das alles seinen Anfang nahm: ohne Dromedar, ohne gefüllte Nudeln, aber mit frischem Fisch aus dem Landwehrkanal.

Text: jochen-overbeck - Illustration: katharina-bitzl