Berlinkolumne. Mini-Porsche beim Spätkauf

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Eine Familie bewegt sich auf dem linken Gehsteig der Skalitzer Straße Richtung Osten. Man redet, blickt in den Nieselherbst, macht und tut. Vor allem aber ist man schmückendes Beiwerk des Familienoberhaupts. Das ist etwa fünf Jahre alt und hat sehr ernste, haselnussbraune Augen und schwarze Haare. Es führt seine Entourage aus einer mittigen Position heraus an und sitzt dabei in einem Gefährt, das vornehmlich aus Kunststoff besteht und offenbar von einem Elektromotor betrieben wird. Vom System her erinnert es an diese Mini-Porsches, mit denen verwöhnte Oberschichtskinder in den 80er-Jahren ihre Runden drehten.

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Illustration: Julia Schubert

Natürlich ist es eine gewagte Behauptung, dass dieses wunderliche Auto in dem Spätkauf erstanden wurde, über dem mein Freund T. seine Dachgeschosswohnung bezogen hat. Vielleicht ist es total falsch, und das Ding stand zu einem unwiderstehlich günstigen Preis in der Berliner Dependance von Toys'R'Us, möglicherweise wurde es auch von einem wohlmeinenden Onkel aus einem fremden Land mitgebracht. Andererseits würde es gut passen, denn jener Spätkauf hat ein Sortiment von wirklich unfassbarer Absurdität. Offiziell ist's ein Internet- und Telefon-Café. An einen der drei Rechner sitzt gewöhnlich die Mutter des Ladenbesitzers und schaut sehr laut türkische Telenovelas auf Youtube. Das macht weitere Kommunikation im selben Raum in Prinzip unmöglich. Aber das ist schon in Ordnung, denn dafür werden Sachen feilgeboten, vornehmlich Bier und Zigaretten. Kennt man ja. In und vorm Laden stehen aber auch: eine überschaubare Anzahl an Fahrrädern vor allem für Kinder, dazu passendes Zubehör. Ein spannendes, weil völlig willkürlich zusammengestelltes Kompendium verschiedener Elektrogeräte für Bad und Küche. Hier ist das Highlight ein seltsam ältlich wirkender Entsafter. Dazu kommen ein ebenfalls nicht mehr ganz neues CD-Radio, ein WLAN-Router, ein Drucker, einige Telefone mit und ohne Schnur, ein paar DVD-Filme, Oberschalen für längst aus dem Programm genommene Nokia-Handys, ein Bügeleisen, ein gutes Dutzend Damenoberbekleidung und zwei Fleecedecken mit Blumendruck. Das Plastikminiauto würde einfach gut ins Sortiment passen, zumal der Chef eine vierrädrige Höllenmaschine fährt, die ganz ähnlich aussieht, aber ungleich lauter, schneller, gefährlicher ist.


Ich beneide T. ein bisschen darum, über so einem Laden zu wohnen. Nicht unbedingt, weil er jetzt auch nachts einen Entsafter kaufen oder anwesendem Damenbesuch völlig überraschend eine eigene Zahnbürste (mit Schwingkopf) anbieten kann, sondern weil sein soziales Leben damit ungemein aufgewertet wird. Wenn er in sein Haus geht, begrüßt ihn jemand, der im Zweifelsfall genau weiß, welche Zigarette er in welcher Verpackungsform zu erstehen pflegt und welche Rolle Bier in seinem Leben spielt. Anschreiben lassen ist kein Problem, vermutlich würde man sich bei Bedarf sogar auf einen Kleinkredit einigen können. So etwas fehlt in meinem Haus. Die Focaccia-Bäcker sind bestimmt total nett, aber hängen eben meistens nicht vor, sondern im Laden herum. Näheren Kontakt mit dem enorm günstigen Friseur auf der linken Erdgeschossseite habe ich aufgrund dessen aggressiver Preisbrecher-Werbung bisher vermieden. Der nächste Spätkauf? Ist einer von vielen auf den Weg zur U-Bahn-Station Eberswalder Straße. Zwei, drei Häuser weiter lungert er herum und besitzt ein Sortiment von geradezu beschämender Durchschnittlichkeit. Klopapier, Nudeln, Wasser, Bier. Die Dinge, die am Wochenende eben so ausgehen und wegen denen man in den allermeisten Städten Westdeutschlands dann zum nächsten Bahnhof oder zur Tanke fahren müsste. Dass all diese Läden sich an keinerlei Öffnungszeiten halten müssen, ist übrigens ein Überbleibsel aus DDR-Zeiten. Die Schichtarbeiter wollten auch abends ordentlich einkaufen können. Nach 1990 blieb die eigentümliche Regelung als Übergangslösung bestehen, schwappte in die West-Bezirke, wurde eine Weile lang toleriert und mit der Liberalisierung der Ladenzeiten ohnehin hinfällig. T. hatte neulich übrigens ein bisschen Ärger mit seinem Spätkauf-Besitzer. Er wurde dabei erwischt, wie er Dinge woanders besorgte. Einen Drucker, genau genommen. Als er versuchte, ihn unauffällig am Laden vorbei in den Hauseingang zu bugsieren, traf ihn ein Blick, der tiefe Enttäuschung veriet. Er hätte, so sagte der Besitzer traurig, doch auch bei ihm einen Drucker kaufen können. Der sei zwar ein Auslaufmodell, aber würde einwandfrei funktionieren, einwandfrei! Quasi als Wiedergutmachung gab T. dann sein Fahrrad zur Reparatur. Das ist etwa drei Wochen her. Jeden Morgen informiert der Besitzer T. pflichtbewusst über den Fortgang der Arbeiten, die wohl seine Kinder übernommen haben. Momentan fehlt dem Vernehmen nach ein Ersatzteil, das noch "organisiert" werden muss, was aber bestimmt bald geschehen würde. Ist aber schon in Ordnung, T. fährt ohnehin nie Fahrrad. Ich rechne ja fest damit, dass ihm irgendwann ein Ersatz angeboten wird. Wahrscheinlich besteht es aus Kunststoff und wird von einem Elektromotor betrieben.

Text: jochen-overbeck - Illustration: Katharina Bitzl

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