Die Berlinkolumne. Heute: Die Vor-Weihnacht der Zugezogenen

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Der so oft überstrapazierte Ausdruck, dass eine Stadt ein Dorf wäre, der stimmt dann einmal doch: Der M., der wohnt in Friedrichshain. Und hat einen Späti im Nachbarhaus, in dem eine unfassbar übellaunige Dame mittleren Alters Rauchwaren, Bier und den ganzen anderen Krempel verkauft. Ihr Ehemann sitzt für gewöhnlich recht saturiert auf einem Kunststoffstuhl an einem Kunststofftisch hinter dem Kassentresen und raucht Kette, was vermutlich einer der Gründe für oben erwähnte Übellaunigkeit der Geschäftsführerin ist. Dass ausgerechnet der jetzt nicht nur den Sitzplatz, sondern sogar den Stadtteil gewechselt hat und aus einem Wohnwagen an der Wiener Straße heraus Kreuzberg mit Christbäumen versorgt, das wundert uns doch ein bisschen. Aber was soll's. Der Baum ist ordentlich buschig, gerade gewachsen und von einer Größe, die ganz genau an die Zimmerdecke reicht.

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Illustration: Julia Schubert

Wir feiern schon mal vor. Macht man eigentlich nicht, eh klar. Aber nachdem das eigentliche Weihnachtsfest für die meisten von uns im elterlichen Wohnzimmer stattfindet und nicht arg viel mit der Unter-35-Auslegung des Wortes "Feiern" zu tun hat, erscheint es uns angemessen. Auf dem Herd kochen drei Liter Glühwein, selbst hergestellt. Notiz am Rande: Schmeckt tatsächlich besser als der fertige. Dazu gibt es die eher fragwürdige Pizza "Oh Du Fröhliche", belegt mit Entenbrust, Rotkohl, Apfelstückchen und einer Zutat, die laut Lieferant "Dunkle Grundsauce" heißt und sich von der Substanz her auch gut für Leimarbeiten eignen würde. Außerdem hat irgendeine Mutter Weihnachtsplätzchen springen lassen, Marzipan steht rum, Schokolade. Das Schmücken des Baumes gestaltet sich ohne elterliche Aufsicht als verblüffend einfach und dauert etwa eine halbe Stunde. Am Ende ist dem üppig behängten Weihnachtsbaum eine irritierende Inhomogenität aber nicht abzusprechen, was vielleicht auch an dem bunten Lichtschlauch liegen könnte, den wir um den geschmückten Baum wickeln mussten - echte Kerzen gab's im Späti leider keine. Das schöne an so einer Veranstaltung im mittelkleinen Rahmen: Man beginnt erneut, diese Stadt zu begreifen. Die Anziehung, die sie auf andere ausübt, ihre Funktion als großes Traumbecken für all die, denen es daheim irgendwie zu eng ist. Denn auch wenn die allermeisten sich mittlerweile in mehr oder weniger geregelten Arbeits- oder Studienverhältnissen befinden: Motor für den Umzug nach Berlin war fast immer der Wunsch nach einem Wechsel. "Ich will in die große Stadt - ich hab' die kleine satt" singt die Band Die Türen in einem der besten Berlin-Songs überhaupt, und an diesem Abend merkt man ganz genau, dass das eben nicht nur ein Lied über einen selbst, sondern auch einer über all die anderen ist: M. und K. kommen aus Österreich, T. und meine Wenigkeit aus Bayern. Auch Hessen und Baden-Württemberg sind an dem großen Holztisch vertreten, die Anzahl der wahrhaftigen Berliner liegt bei: eins. Das ist vermutlich für Zusammenkünfte dieser Art repräsentativ. Und es führt wiederum dazu, dass Berlin zur tatsächlichen Weihnachtszeit ausblutet. Gerade in den bei Zugezogenen besonders beliebten Wohngebieten der Stadt sind die Straßen ab dem 22. Dezember wie leergefegt, am Helmholzplatz, so erzählen Einheimische froh, würde man am Heiligen Abend selbst mit einem mittelgroßen Sattelschlepper einen Parkplatz bekommen. Sogar im nicht nur von Schwaben, sondern vor allem von Türken bewohnten Kreuzberg sei eine gewisse Stadtflucht festzustellen, heißt es. Noch wuselt es aber ordentlich, wegen der liberaleren Öffnungszeiten und der weniger zentralistischen Anordnung der Einkaufsmöglichkeiten aber nicht so arg wie etwa in der Münchner Innenstadt. Ich finde die meisten Geschenke bei mir ums Eck: Bücher, Schallplatten, Klein- und Fresskram, sogar den Schmuck für oben erwähnten Weihnachtsbaum. Der steht übrigens auch bei meinen Freunden des Berliner Internet-Auftritts im Mittelpunkt: unter dem Slogan "Augen auf zum Baumkauf" wird zum Öko-Baum geraten oder dazu, bei einer der Revierförstereien vorbeizuschauen. Da gibt es dann auch Wildschwein, frisch geschlachtet. Vielleicht ein guter Plan für nächstes Jahr - klingt geringfügig besser als Pizza "Oh Du Fröhliche".

Text: jochen-overbeck - Illustration: Katharina Bitzl

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