„Wir sitzen auf dem Pulverfass und wundern uns, dass alle so verstrahlt sind“

Lernen von den Alten. Diesmal: Nina Hagen über Hysterie, den Umgang mit Verlusten und ihren ersten LSD-Trip.
Interview von Eva Hoffmann

Eigentlich wollte Nina Hagen mit Interviews warten, bis ihre beiden neuen Alben fertig sind. Aber weil die Anfrage an ihrem 62. Geburtstag kam, machte die in Ostberlin geborene Sängerin eine Ausnahme.

Foto: John MacDougall / afp

Nina Hagen: Lernen von den Alten, da bin ich gleich drauf angesprungen.

jetzt: Ja? Warum denn?

Nina Hagen: Weil ein Mensch ein Spiegelbild ist von denen, die vor ihm gekommen und gegangen sind. Wir sind ja nichts anderes als das Ergebnis der Einflüsse von anderen.

Wer waren diese anderen, die Sie in Ihrer Jugend zu dem Menschen gemacht haben, der Sie heute sind?

Die großen Dichter und Denker. Angefangen bei meinem Vater, der war Dramaturg, meine Mutter Schauspielerin. So bin ich schon früh ans Theater rangeführt worden. Durch Wolf Biermann, meinen Ziehvater, gingen Leute wie Heinrich Böll bei uns ein und aus. Ein groß­artiger Mensch: Obwohl ich da noch ein Teenager war, hat er mich wie einen erwachsenen Menschen behandelt und richtig mit mir diskutiert. Schon mit elf war ich Stammgast im Berliner Ensemble. Für 55 Pfennig aufm zweiten Rang und immer ein bisschen auf älter geschminkt. Das war meine Grundausbildung: Brecht! I bet, ihr in eurem zarten Alter schaut euch Brecht nicht mehr an.

Sollten wir? Sind wir Ihnen zu wohltemperiert?

Man kann die Generationen nicht vergleichen. Das war ein anderes Klima damals. Diese Nachkriegsgeneration, das waren Pioniere. Wir haben eine Altbauwohnung angemietet und unser eigenes Kabarett gegründet. Es war eine faszinierende, aber auch arbeitsreiche Jugend. Wir waren junge Künstler, die ihre Grenzen austesteten. Wie weit kann man gehen? Wann wird man weggesperrt? Das waren verschärfte Zustände: Dinge ­direkt anzusprechen, das ging nicht.

Am Anfang Ihrer Karriere haben Sie Schlager gesungen. Muss man solche Kompromisse eingehen, um das zu bekommen, was man eigentlich will?

Ich brauchte den Berufsausweis in der DDR, damit ich überhaupt singen kann. Und ich war eine gute Sängerin, ein Aus­nahmetalent! Die Stasi hat mich von der Schauspielschule fern­gehalten. Die wussten natürlich, mit wem ich so Kontakt hatte. Über den Schlager-Umweg bin ich dann auf die Musikschule gekommen. Eigentlich wollte ich aber schon als Kind in den Westen. Ich war ein Beatles-Fan der ersten Stunde.

1976 sind Sie Wolf Biermann hinterhergezogen und haben die Punkszene in Berlin, London und Hamburg kennengelernt. Hat sich mit dem neuen Leben auch Ihr Verhältnis zu Besitz ­verändert?

Nein. Aber es zieht sich eine Spur durch mein Leben: Ich werde ständig von Leuten in Besitz genommen. Die letzten Jahre bin ich verklagt worden, wurde zwangsgepfändet und wieder verklagt – eine einzige Rumklagerei. Ich bin froh, dass ich im ­ Besitz meiner geistigen Kraft bin und jetzt gerade an zwei neuen Alben arbeite. Im Besitz dieses Wissens, das mir meine Vor­fahren mit auf den Weg gegeben haben und das ich immer noch verarbeite. Das hält mich am Leben, das ist mein Futter für Geist und Seele.

 

Das klingt, als würde Besitz bei Ihnen nah am Verlust liegen.

Oh ja. Meine erste große Liebe – ich war zwölf und ein Früh­zünder –, die hieß Thomas. Den habe ich jeden Morgen an seiner­ Bushaltestelle abgepasst und bin dafür regelmäßig zu spät zur Schule gekommen. Wir haben das total ausgekostet. Der Verlust kam dann auch, natürlich. Zu dieser Zeit war ich stark selbstmordgefährdet.

 

Wie sind Sie aus dieser düsteren Phase wieder rausgekommen?

Ich hatte meinen ersten LSD-Trip. Dabei wäre ich fast gestorben. Dass ich überlebt habe, war ein Wunder, eine höhere Macht! Heute würde ich es nie mehr wagen, mir selbst den Tod anzutun. No way! Ich halte durch bis zum bitteren Ende. Aber ich mach mir Sorgen, wie es auf der Welt weitergeht, in diesem hysterischen Zappelverein.

 

Was erhoffen Sie sich von denen, die gerade jung sind?

Generalstreik! Oder besser: einen nichtatomaren Reset-Button. Heute laufen die vielen Kriege im Livestream, und die Welt wird immer hysterischer. Wir sitzen auf dem Pulverfass und wundern uns, dass alle so verstrahlt sind! Als Jugendliche hätte ich mir nie träumen lassen, dass wir wieder in so einen apokalyptischen Zustand schlittern. Mein Großvater wurde im KZ Sachsenhausen ermordet. Mein Vater hat knapp überlebt. Heute schaukeln sich wieder alle hoch mit ihren Beschimpfungen. Das macht mich unglaublich traurig. Frischer Geist muss von der Jugend kommen. Ihr müsst dafür sorgen, dass die Welt sich nicht selbst auffrisst!            

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