Wenn Freunde heiraten, fühlt sich das vielleicht spießig an

Foto: fraeulein palindrom dwerner photocase

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"Beziehungsunfähig" seien wir, sagen viele, chronisch unverbindlich und deshalb unglücklich. Aber gibt es das überhaupt: beziehungsunfähig? Und falls ja, wer ist das wirklich? In einer Serie suchen wir nach Antworten.

Mit 21 Jahren war ich plötzlich erwachsen. Zumindest habe ich mich schlagartig verdammt alt gefühlt, als ich die Hochzeitseinladung von Lena aus dem Briefkasten gezogen habe. Lena heiratet? So richtig mit Schleier, Hochzeitstorte und Brautstrauß werfen? In dem Moment klingelte mein Handy. Jana war dran. Ob ich auch eine Hochzeitseinladung bekommen hätte? Ja. Lena heiratet.

Ein paar Tage später kam eine Einladung von Sarah. Auf Facebook. Zum "Verlobungsgrillen". Ich musste lachen. Sarah ist immer gut für einen Witz. Das habe ich ihr dann auch geschrieben. Gerade als ich auf "Senden" klicken wollte, ist mir das Bild der Veranstaltung aufgefallen: Zwei überschlagene Hände mit glitzerndem Verlobungsring. Die Nachricht habe ich schnell wieder gelöscht. Aber mein Gefühlsbrei – irgendeine Mischung aus Erstaunen, Verwirrung und Spießigkeit – der blieb.

Die Ehe hat sich in mein Leben geschlichen. Einfach so, ohne dass ich "ja" gesagt hätte. Auf Facebook tauchen Fotos von Hochzeitstorten auf, zwischen Bildern von Thailand und der letzten WG-Party. Wenn ich mich mit Freunden aus der Schule treffe, geht es plötzlich darum, wer eigentlich die Braut vom Tim ist. Und nicht mehr, wer mit wem auf der Stufenparty rumgemacht hat.

 

Sechs Leute aus unserer Jahrgangsstufe sind inzwischen verlobt oder verheiratet. Der Rest sucht – fast schon verzweifelt – nach einer Erklärung dafür. Nach einer Rechtfertigung, warum unsere Freunde mit Anfang 20 ihren Beziehungsstatus auf "verheiratet" setzen. Heiratet Lena, weil sie in der Kirche aktiv ist? Und Sarah, weil sie sich nach festen Strukturen sehnt? Sie hat doch so unter der Trennung ihrer Eltern gelitten. Melanie ist schon lange mit ihrem Freund zusammen und kommt aus einem kleinen Dorf. Da muss sie ja quasi heiraten. Kathi könnte schwanger sein. Und Tim? Der ist wahrscheinlich froh, dass er überhaupt jemanden abbekommen hat. Irgendwas in der Art.

 

Alles Quatsch natürlich. Lena, Sarah und Melanie heiraten, weil sie wollen. Warum freue ich mich also nicht einfach mit ihnen? Ist das, was ich fühle – beziehungsweise eher NICHT fühle – ein sehr konkretes Beispiel für den sehr unkonkreten Eindruck, unsere Generation sei Beziehungsunfähig? Freue ich mich nicht, weil mir die Verbindlichkeit von Lenas und Sarahs und Melanies Schritten Angst macht?

 

Oder ist doch einfach die Einladung zur Verlobungsparty schuld. Dort steht nämlich: "Ihr Lieben, wir würden euch gerne einladen, mit uns den Anfang des Endes zu feiern! Gartenfest. Lampignons. Grillen. Alle. Kommen. Feiern." Beim Lesen habe ich sofort den Moschusduft meiner Großtante in der Nase. Wie sie mich, als ich noch klein war, an ihre Brust gedrückt und dabei fast meine Schultüte zerquetscht hat. Ihr Satz "Jetzt beginnt der Ernst des Lebens" klang damals schon unheimlich. Und jetzt soll ich den Anfang des Endes feiern?

 

Zumindest in dieser Formulierung klingt Heiraten für mich nach Haus bauen, über den Gartenzwerg stolpern und CSU wählen. Der Dreisatz passt nicht zu meinem Leben. Zumindest hoffe ich das. Oder glaube, es hoffen zu müssen? War das nicht eben noch ein Ideal: Friends with Benefits? Wie Nomaden unsere Zelte heute hier und morgen dort aufbauen? Flexibel sein, abenteuerlustig und spontan?

 

Und gleichzeitig verschicken unsere Freunde Hochzeitseinladungen. Sie versprechen einander Liebe für die Ewigkeit und wir verstehen Ende. Wir glauben, wir sehen unsere Freunde nicht mehr regelmäßig, wenn sie verheiratet sind, dabei studieren wir in Kalifornien. Wie abstrus.

 

Was davon also als Erkenntnis bleiben kann? Vielleicht sogar die, dass wir als allererstes den Begriff "Generation XY" abschaffen, oder zumindest vorsichtiger dosieren sollten! Es geht so viel, das sich bei einem entspannteren Blick so wenig widerspricht: Heiraten oder nicht. Single sein und auch das wieder lassen – ohne dass das gleich ein Generationenmerkmal sein muss. Und den Faktor Zeit nicht vergessen:

 

Wir haben ein Problem mit Hochzeiten, wollen aber selbst heiraten. Das sagt zumindest eine Forsa-Studie. Irgendwann. Wenn wir unsere Beziehungsangst – oder das, was wir dafür halten – überwunden haben und erwachsen sind, zusammenkommen und zusammenbleiben. Bis dahin tanzen, essen und feiern wir eben noch auf den Hochzeiten unserer Freunde.

 

Einfach mal trauen: sich auf diese Texte zum Thema einlassen!

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