"Ich sitze zu Recht im Gefängnis"

Wie sich ein 23-jähriger Ukrainer mit falschen Papieren an eine Highschool trickste - und jahrelang unentdeckt blieb.
Von Matthias Fiedler
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Hochstapler Artur Samarin

Collage: Katharina Bitzl

Asher Potts hatte einen guten Grund zu glauben, dass sein Geheimnis niemals auffliegt. Es war im Mai 2014, Asher Potts trug Uniform, Schlips und einen bronzenen Orden um den Hals, er strahlte selbstzufrieden. Eine Demokratin vom Abgeordnetenhaus in Pennsylvania überreichte ihm eine Urkunde. Asher Potts, Schüler an der John Harris Highschool in Harrisburg, war jetzt Mitglied der „National Honor Society“ – einer Ehrenverbindung, in die nur die besten Schüler aufgenommen werden. Er fühlte sich angekommen in der US-Gesellschaft.  

Was zu diesem Zeitpunkt keiner wusste: Asher Potts heißt eigentlich Artur Samarin, ist 23 Jahre alt, Ukrainer und ein Hochstapler. Seit vergangenem Dienstag sitzt er im Dauphin County Prison, einem Gefängnis in Harrisburg, Pennsylvania. Wie Auf seinen Kopf ist eine Kaution von 20.000 Dollar ausgesetzt. Die Anklage lautet: Identitätsbetrug, Dokumentenfälschung und sexuelle Beziehung zu einer Minderjährigen.

Artur Samarin ist ein unscheinbarer Junge mit blasser, pickliger Haut und hoher Stirn. Er erinnert eher an einen Teenager als an einen 23-Jährigen. Wohl auch deshalb ist er der Polizei erst durch einen Tipp aus der Bevölkerung ins Netz gegangen. Sein Fall zeigt, dass es Menschen nach wie vor gelingt, die US-Behörden auszutricksen – trotz strenger Einreisekontrollen und Datenüberwachung durch die Geheimdienste. 

Samarin hatte sich redlich bemüht, um als illegaler Einwanderer so lang wie möglich unentdeckt zu bleiben. Im Spätsommer 2012  kam er über ein dreimonatiges Besuchervisum in die USA, Anfang 2013 erhielt er ein Touristenvisum. Als das abgelaufen war, blieb er einfach. In der Zwischenzeit hatte sich Samarin an der Highschool in Harrisburg eingeschrieben, später besorgte er sich eine Sozialversicherungsnummer. Mit einem gefälschten Führerschein.

  • "In der Ukraine verhungern die Menschen"

Dem TV-Sender WHTM sagte Samarin, er habe unmöglich in die Ukraine zurückgehen können. „Dort verhungern die Menschen.“ Seine Mutter und seine Großeltern hatten ihr letztes Geld gegeben, um ihm die Reise in die USA zu bezahlen, erzählt er. Auf die Idee, eine andere Identität anzunehmen und Dokumente zu fälschen, habe ihn ein Ehepaar gebracht, bei dem er während seiner Schulzeit gewohnt und dessen Nachname er adoptiert hatte. „Sie wollten mir helfen, ich wollte ein besseres Leben, da sagte ich nicht nein." 

An seiner Schule in Harrisburg war Samarin Vorzeigestudent, Mathe-Ass und Lehrer-Liebling. Er war einer, der Geld für die Tafel sammelte und sich in öffentlichen Debatten gegen Drogen stark machte. Freunde beschrieben ihn als „wundervollen“ Menschen, als einen, der Ziele hatte und irgendwann zur Spezialeinheit Navy Seals wollte. Über seinen ukrainischen Akzent wunderte sich niemand, nur über seine Vergangenheit sprach er kaum, sagt ein Mitschüler. 

 

Während seiner Highschool-Zeit soll Samarin auch ein Verhältnis zu einer 15-Jährigen gehabt haben. Da war er schon 22 Jahre alt. Mitschülerinnen sagen, Samarin habe gern geflirtet, aber wenig Erfolg bei Mädchen gehabt. Öffentlich über sein Liebesleben sprechen wollte er bislang nicht. Dem TV-Sender WHTM sagte er nur: „Ja, ich bin schuldig. Ich habe das System missbraucht und sitze zurecht im Gefängnis.“

 

Danach gefragt, ob er seinen Betrug bereut, sagte er in ruhigem, gefassten Ton: „Nein, überhaupt nicht. Alles was ich wollte, war lernen und für die Gesellschaft etwas Gutes tun.“  

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