"Stranger Things" kann man nur mit Kissen im Arm gucken

Weil die Serie so schrecklich gruselig ist – und trotzdem total entspannend.
Von Nadja Schlüter

Die Serie:

Dauernd ist Nacht. Die Nacht scheint Hawkins, eine Kleinstadt im US-Bundesstaat Indiana, besonders gerne zu mögen, so oft wie sie dort zu Besuch ist. Und als sie grade mal wieder da ist, verschwindet der kleine Will. Entführt von einer unbekannten Kreatur.

Wills Verschwinden setzt die Handlung von „Stranger Things“ in Gang, der Netflix-Serie die gerade alle weg-bingen wie nix (und zwar zurecht!). Der depressive Chief Jim Hopper nimmt die Ermittlungen auf, aber Wills Nerd-Freunde und „Dungeons and Dragons“-Spielkumpanen Mike, Lucas und Dustin sind überzeugt davon, dass sie selbst ihn am ehesten wiederfinden können. Während sie den Wald durchkämmen, treffen sie auf ein verängstigtes Mädchen mit kurzgeschorenen Haaren und nehmen sie mit nach Hause. Eleven (benannt nach dem „011“-Tattoo auf ihrem Unterarm) scheint mehr über Wills Verschwinden zu wissen und hat außerdem übernatürliche Kräfte, was sie zu einer Art Wunderwaffe für die drei Jungs werden lässt. 

Währenddessen macht auch Joyce, Wills Mutter, Erfahrung mit übernatürlichen Phänomenen rund um ihr Haus, und kommt nach Meinung ihres älteres Sohns Jonathan dem Wahnsinn immer näher. Jonathan selbst macht sich ebenfalls auf die Suche nach seinem Bruder und geht dafür eine Allianz mit Mikes Schwester Nancy ein. So entstehen die verschiedensten Ermittlungs- und Suchtrupps, deren Wege sich immer wieder kreuzen und die alle an irgendeinem Punkt dem mysteriösen Wesen begegnen, das in Hawkins sein Unwesen treibt. 

Man sollte „Stranger Things“ unbedingt mit einem Kissen im Arm schauen, hinter dem man sich im Notfall verstecken kann, denn es vereint ungefähr alle Grusel-Elemente, die man sich vorstellen kann: eine undurchschaubare Forschungseinrichtung des National Department of Energy, krude Experimente an Kindern, ein blutrünstiges Monster, das alle sehen, bevor man es selbst sieht, verrückt spielende Lampen und Kompasse, sich dehnende Wände, Schleim und Glibber, ein Sounddesign und ein Soundtrack zum an die Decke gehen und ein düsteres Parallel-Universum. Und das Ganze spielt im Mittleren Westen in den Achtzigerjahren, hat also einen ganz besonderen Retro-Charme mit lustiger Mode, knatternden Walkie-Talkies und einem liebenswert-trotteligen Lehrer, der für Wills Freunde eine Art Google ist, wenn sie grade mal zufällig wissen müssen, wie man ein Floating-Becken für Sensorische Deprivation baut.

Wo findest du die Serie?

Bei Netflix.

Der Zeitaufwand:

Acht Folgen, die jeweils zwischen 40 und 55 Minuten dauern, macht insgesamt etwa sieben Stunden. Schafft man mit Ehrgeiz in einer Nacht, ohne Ehrgeiz an einem Wochenende.

Wo du Zeit sparen kannst:

Nirgends, sonst kapierst du nichts mehr. Aber du wirst auch gar keine Zeit sparen wollen. Versprochen.

Womit kannst du das vor deinem Gewissen rechtfertigen?

Erstens: Popkultur-Kanon! „Stranger Things“ ist nicht einfach nur eine Mystery-Serie, sondern eine große Hommage ihrer Erfinder Matt und Ross Duffer („The Duffer Brothers“) an das Horror-Sci-Fi-Mystery-Genre. Die meisten, auffälligsten und mainstreamigsten Anleihen haben die Duffer Brothers bei Steven Spielberg gemacht – die halbe Zeit fühlt man sich so, als würde man gerade „E.T.“ schauen: Kinder sind die Helden, flitzen auf ihren Chopper-Fahrrädern durch die amerikanische Vorstadt, verstecken Besucher mit übernatürlichen Kräften im Wandschrank vor ihren ahnungslosen Eltern, klettern durch Schiebefenster und treiben sich nachts (und es ist wie gesagt dauernd Nacht) draußen rum, ohne, dass sich irgendjemand Sorgen macht. Aber auch von Filmen von John Carpenter (und ihrer Musik), Verfilmungen von Stephen-King-Romanen („Carrie“ und „Feuerkind“), den „Alien“-Filmen oder „Predator“ haben die „Stranger Things“-Erfinder sich inspirieren lassen. Um nur einige wenige zu nennen. Und es macht wirklich sehr viel Spaß, nach all diesen Anspielungen Ausschau zu halten (damit anfangen kann man schon beim Trailer).

Zweitens: Winona Ryder! Die war lange weg, nun ist sie zurück und unfassbar toll. Als panische, alleinerziehende Mutter des verschwundenen Will steht sie ganze Zeit so unter Strom, dass man schon gestresst ist, wenn man ihr nur kurz ins Gesicht schaut.

 

Und drittens: Der Mensch muss auch mal entspannen! Denn obwohl man größere Teile von „Stranger Things“ nur durch die vor die Augen gehaltenen Finger anschauen kann (und trotz der kurz vor der Explosion stehenden On-the-edge-Winona-Ryder), ist diese Serie endlich mal wieder eine, in der es kaum Grautöne gibt, ohne dadurch gleich total platt zu sein: Die Charaktere sind so berechenbar und eindeutig, dass man nie befürchten muss, jemand könne gleich zur Gegenseite überlaufen, und überhaupt sind Gut und Böse ganz klar verteilt. Man weiß einfach immer, zu wem man halten und wem man Übles wünschen muss (das denjenigen dann natürlich auch ereilt, eh klar). Herrlich!

 

So fühlst du dich danach:

Erst mal ziemlich verstört. Du wirst das Licht anlassen wollen, aber ein Problem mit Glühbirnen haben. Dann wirst du Geräusche, die dein Haus macht, übertönen wollen und Musik anmachen, aber dann an die Szene denken, in der in Wills Zimmer die Musik lief und dann… Schließlich schaust du dir einfach witzige Videos auf Youtube an und schläfst dann doch ganz gut. Und am nächsten Tag wirst du dich nur noch erinnern, wie gut du dich unterhalten gefühlt hast, und erst mal ein paar Recaps und Referenz-Sammlungen lesen. 

 

Und jetzt?

Wie gesagt: Ein bisschen lesen schadet nichts. Bei Vulture zum Beispiel haben sie ein sehr schönes Referenzen-Glossar zusammengestellt (Achtung, Spoiler!). Die Filme kannst du dir jetzt natürlich alle der Reihe nach anschauen („E.T.“ müsste man eh mal wieder gucken). Oder eben eine Mystery- oder Horror-Serie. Zum Beispiel die Klassiker „Akte X“ und „Twin Peaks“, oder „Lost“, „The Returned“ und „The Walking Dead“.

 

Wenn dir eher nach Lesen ist, empfiehlt sich entweder was von Stephen King, ein Klassiker wie „Berge des Wahnsinns“ von  H.P. Lovecraft oder „Glister“ von John Burnside – dieses Buch ist zwar noch sehr viel dystopischer als „Stranger Things“, aber auch darin gibt es ein mysteriöses, verlassenes Gelände, einen verschwundenen Jungen, eine unbekannte Bedrohung und kindliche Helden.

 

Und wenn du mit all dem fertig bist, gibt es hoffentlich schon bald die zweite Staffel von „Stranger Things“. Die ist zwar offiziell noch nicht bestätigt – aber das Ende der ersten lässt allen Beteiligten eigentlich keine andere Wahl als weiterzumachen.

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