„The Get Down“ wickelt die Geburtsstunde des HipHop in Bonbon-Papier

Die Serie ist die teuerste Netflix-Eigenproduktion - aber wird sie ihrem Thema eigentlich gerecht?
Von Jan Kawelke
serien visual The get down

Die Serie:

Es sind die späten 70er Jahre in New York. Es ist verflucht heiß, die Pausenglocke läutet die Sommerferienödnis ein und neben den Hitzeschlieren liegt noch etwas Undefinierbares in der Luft. Ezekiel ist ein Junge aus der Bronx, der gerne Gedichte schreibt. Vor allem über Mylene. In die ist er nämlich verknallt. Mylene will aber lieber ein Disco-Star werden, um es aus der Stadt zu schaffen und kann deswegen nicht mit Zeke zusammen sein. Also sucht auch Zeke sich ein richtiges Hobby: Rappen. Bei der Jagd nach einer seltenen Schallplatte trifft er auf den Aushilfs-DJ und Hobby-Parcouri Shaolin-Fantastic (Dessen Kung-Fu-Sprünge allerdings eher nach Star-Wars-Kid, als nach Bruce Lee aussehen). Das Duo gründet mit der befreundeten Brüder-Bande Ra-Ra, Boo-Boo und Dizzee (sic!) eine Crew und liefert sich fortan Verfolgungsjagden, Rap-Battles und Dance-Offs mit Gangstern, Gaunern und Ganoven aller Art. Bei der Fülle an spontanen Tanz-Turnieren und Musical-Einlagen, wartet man dabei immer darauf, das sich irgendwo gleich Zac Efron mit einer Pirouette ins Bild dreht.

Während Mylene versucht, ihrem erzkatholischen Vater zu entfliehen und einen Plattendeal zu ergattern, wollen Ezekiel und seine HipHop-Crew die Könige von New York werden. Die Story erinnert dabei an Adventure-Spiele aus den Neunzigern. Die Charaktere müssen immer irgendwas besorgen, erledigen, ihre Ehre retten, um die nächste Stufe freizuschalten.

Star-Regisseur Baz Luhrmann ("Romeo und Julia", "Gatsby") macht dabei einen ziemlichen Spagat zwischen den Zielgruppen, denn "The Get Down" ist auf der einen Seite voll von Sex, Blut und Kokain und auf der anderen Seite von pubertärer Kitschigkeit.

Verrenkungen erfordert auch die Story-Line. Immer wieder werden Charaktere ins Geschehen gespült, Nebenschauplätze eröffnet und kleinere Konflikte eingestreut. Und immer bleibt die Frage im Hinterkopf: "War das jetzt wichtig? Muss ich mir das merken?"

Für Folge eins hat Spektakel-Zeremonienmeister Baz Luhrman das Dramical in den für ihn üblichen Bonbon-Bombast gehüllt. Fiebertraumfarben, Glitzer-Klamotten, Verwüstung, Prunk und Pomp. Den Konfettihaufen, der nach seinem Piloten liegen bleibt, mussten dann andere Regisseure zusammenfegen. 

Wo findest du die Serie?

Angeblich hat Netflix 120 Millionen Dollar für "The Get Down" rausgepulvert. Zehn Millionen Dollar pro Episode. Damit ist es die bis dato teuerste Eigenproduktion der Streaming-Plattform. Da müssen schon ein paar Leute den monatlichen Zehner springen lassen, um das wieder einzuspielen.

Der Zeitaufwand:

Bis jetzt sind nur die ersten sechs Folgen online. Die ergeben aber eine abgeschlossene Geschichte. Pro Folge knapp 50 Minuten plus den spielfilmlangen Piloten. Eine lockere Augen-Übung für die Binge-Profis unter euch.

Wo du Zeit sparen kannst:

Alle Schluchzszenen von Ezekiel und Mylene, voll triefnasser Teenager-Tragik.

 

Womit kannst du das vor deinem Gewissen rechtfertigen?

"Each One Teach One": Das afrikanische Sprichwort wurde, unter anderem durch HipHop-Urgestein und Oberstudienrat KRS-One, zum Grundpfeiler des HipHops. Wer die Entstehungsgeschichte der aktuell einflussreichsten Jugendkultur begreifen will, bekommt mit "The Get Down" zumindest ein bisschen Basis-Subkultur-Wissen vermittelt. Man versteht, warum Rapper früher eher Randwerk waren, was ein Breakbeat und was die Wackness ist.

Außerdem erfährt man viel über das New York der damaligen Zeit. Immer wieder wischt sich körniges Archivmaterial über die eigentlichen Bilder: Brennende Bronx-Ruinen, Hydrantenfontänen, bemalte Züge.

 

So fühlst du dich danach:

Funky. Und zwar von den Sneakern bis zur Snapback. Du willst dir 8-Mile-mäßig ein Mikrofon packen, irgendwas von Spaghetti  in einen Spiegel rappen und dich auf dem Wohnzimmerteppich auf dem Kopf drehen. Du erwischst dich vielleicht bei dem ein oder anderen Tanzmove im Aufzug oder forderst die Kollegen im Büro bei Diskussionen zum Rap-Battle heraus.

 

Und jetzt?

Papas alten Plattenteller vom Speicher kramen, Vinyl auf- und loslegen. Wem der Bounce von der digitalen in die analoge Welt noch zu viel ist, kann sich solange auch durch die paar guten HipHop-Filme wühlen. "Style Warz", "8 Mile", "Wholetrain" und "Straight Outta Compton" zum Beispiel reichen zumindest zur Überbrückung. Serien sind zwar nicht üppig vorhanden. Aber mit "Empire" bleibst du zumindest im selben Sujet.

 

Wer lieber liest (und bunte Bildchen guckt), kann sein Knowledge mit "HipHop Family Tree" aufbessern. Der Graphic Novel von Ed Piskor schildert mindestens genau so farbenfroh, dafür weitaus weniger pathetisch, die Geburtsstunden der Jugendkultur in New York.

 

Am besten ist aber natürlich, die Zeit musikalisch durchzuackern. Dem Streaming-Gott sei Dank, kann man sich auf den diversen Plattformen einmal quer durch die Rap-Geschichte hören. Offiziell soll es dann mit "The Get Down" im Frühjahr 2017 weitergehen.

 

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