Die Brexit-Witze sind zum Heulen

Denn sie zeigen, wie nah wir EU-Bürger einander eigentlich sind.
Von Nadja Schlüter

Eines der beliebtesten Brexit-Witz-Motive: Mister Bean

Foto: dpa

Die ersten zwei, drei Minuten war es noch interessant. Teilweise sogar lustig. Joanne K. Rowlings Tweet „I don’t think I’ve ever wanted magic more“ mit mehr als 23.000 Retweets. Der Gag mit James Bond, der in seinem nächsten Film drei Stunden lang in der französischen Passkontrolle feststecken wird. Das Gif mit dem fassungslosen Mister Bean. Witze mit Anspielungen auf Harry Potter, die Ritter der Kokosnuss, Asterix und Obelix bei den Briten, reservierte Liegestühle auf Malle, Austin Powers, Dinner for One. Aber dann wurde es zu viel. Es gab an diesem Freitagmorgen, so kurz nach dem Aufwachen, einfach schon zu viele neunmalkluge, gewitzte, zwei-Mal-um-die-Ecke-gedachte Tweets und Statusmeldungen zum Brexit, um sie ertragen zu können. Ich wurde wütend darüber und traurig. Verstand nicht, warum. Und merkte dann, dass mich eigentlich nicht die Witze störten, sondern es hier um etwas ganz anderes ging. Um mehr.

Die gewitzten Social-Media-Kommentare sind ja nichts Neues. Egal, wo was oder wer gewählt wird, egal, wer wann wo stirbt – sofort ist das Internet voller Gifs, ironischer Sprüche, emotional-lyrischer Gedanken, alter und neuer Pointen, kreativer Auswüchse, die man manchmal erst beim zweiten Lesen oder Hinschauen versteht. Es ist jedes Mal ein Wettbewerb darum, wer das Klügste, Schönste, Beste, Lustigste aus seinen Gehirnwindungen gewrungen hat. Warum also stört es mich diesmal so sehr?

Die einfachste Erklärung wäre der „Jetzt tun sie wieder alle so, als hätten sie Ahnung“-Impuls und die „Es geht euch doch nur um Selbstdarstellung“-Reaktion. Aber diesmal steckt etwas anderes dahinter. Denn gerade tun eben gar nicht alle so, als hätten sie Ahnung – sondern geben mit ihren Witzen und Sprüchen und Gifs freimütig zu, dass sie wirklich überhaupt keine Ahnung haben. Es gibt natürlich auch noch die Mini-Analysen und Argumente und Artikel-Postings, wie immer bei politischen Themen. Aber eben auch auffällig viele verdrehte Pointen. Und ich glaube, im Internet wird so gerade auf zwei sehr unangenehme Gefühle reagiert: Verunsicherung und Ohnmacht. Es ist, als würden all diese erschrockenen Facebooker und Twitterer etwas in die Welt rufen, damit sie eine Reaktion bekommen, an der sie sehen können: Ich bin nicht allein. Die anderen checken es gerade auch nicht und es geht ihnen auch nicht gut damit. 

Gleichzeitig zeigen sie mit ihren Witzen noch etwas anderes, etwas sehr Wichtiges und auch Rührendes: Sie zeigen, wie nah uns das ist, was da passiert ist, wie nah wir EU-Bürger einander eigentlich sind. Dass uns in Europa immer auch ein gemeinsamer Humor als gemeinsames Kulturgut verbunden hat. Und dass dieser Humor jetzt, da ein EU-Land (das noch dazu für seinen Humor berühmt ist) entschieden hat, nicht mehr mitmachen zu wollen, grade schwärzer wird als jemals zuvor.

Die Witze sind noch da, aber irgendwie lacht keiner mehr

Die Ohnmacht kommt daher, dass da eine Entscheidung über einen Staatenverbund gefällt wurde, in dem wir leben, ohne, dass wir diese Entscheidung mitbestimmten durften. Und die Verunsicherung kommt daher, dass niemand so genau sagen kann, was der Brexit für uns bedeutet. Egal wie viele „Was nach dem Brexit kommt“-Analysen man gelesen hat, es war immer und es bleibt auch jetzt noch Spekulation. Ob uns eine „amicable divorce“ oder eine „bitter divorce“ bevorsteht. Was Großbritanniens neue Rolle in der Welt sein wird, politisch und wirtschaftlich. Wie sich der Austritt auf unseren Alltag und auf den der Briten auswirken wird. Sehr stark? Gar nicht? Und ziehen die anderen europäischen Rechtspopulisten in Frankreich, Holland oder Deutschland nach und fordern Volksentscheide? Niemand weiß es, aber alle haben das Gefühl, dass etwas Historisches, Wichtiges passiert ist, dessen Folgen wir noch nicht absehen können. Dass etwas kaputtgegangen ist, von dem wir noch nicht wissen, ob es bloß eine Tasse mit einem Sprung drin ist, oder ein ganzes zerschmissenen Tee-Service.

Dass die Ohnmacht und die Verunsicherung in Witzen ausgedrückt werden, macht sie noch ernster und schmerzhafter. Denn extrem viele der Witze und Kommentare, die gerade auftauchen, sind Insider-Witze. Sie stammen aus dem riesigen Pool an Briten-Gags und Gags aus Großbritannien, die hier jeder kennt. Witze über Briten hatten schon immer Tradition in Europa, die Briten scherzten zurück, erst hat man sich geneckt und dann gemeinsam gelacht. Die Witze sind noch da, aber irgendwie lacht grade keiner mehr. Necken wegen der Handtücher auf Malle-Liegestühlen ist jetzt erst mal nicht mehr. Jedes „Die spinnen, die Briten“ ist plötzlich nicht mehr der niedliche und lustige Kommentar zu irgendeiner Schrulligkeit, sondern kommt bitterernst und traurig, manchmal fast boshaft daher. Und die Gags aus Großbritannien? Der britische Humor von den Monty-Python-Jungs oder Mister Bean gehörte zu unserem Alltag immer genauso wie zu dem der Briten. Wenn damit jetzt der Brexit kommentiert wird, ist auch das ein Zeichen dafür, dass uns eigentlich viel zusammenhält und uns gemeinsam gehört – und die Briten jetzt entschieden haben, dass sie es für sich haben wollen. 

Eigentlich machen mich also nicht die Kommentare und Witze wütend und traurig. Sondern die Tatsache, dass vielen gar nichts anderes übrig bleibt, als diese Kommentare und Witze zu machen. Was soll man schon tun? Ein Mister-Bean-Gif ist am Ende bloß ein Zeichen absoluter Resignation. Galgenhumor nennt man das, glaube ich.

Mehr dazu, was Humor mit uns macht und was wir mit Humor machen:

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