Buchnotiz. Die schönsten Mädchen der Welt

Ein Roman, in dem es mal wieder um das Kindsein in der BRD geht.
max-scharnigg
Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Max Wiener – Die schönsten Mädchen der Welt In seinem Debütroman erzählt der Autor Max Wiener (Jahrgang 1966) die Kindheit und Jugend eines Ich-Erzähler im deutschen Westen der siebziger Jahre. Eine ziemlich populäre Thematik auf dem deutschen Büchermarkt - Frank Goosen, Rocko Schamoni, Florian Illies und noch etliche mehr haben ihre Versionen davon längst abgeliefert. Diese Pubertäts-Erinnerungsromane bedienen sich dabei meist eines ähnlichen Stils, in dem erste Liebe, musikalische Erweckungen und sonstige Vorfälle der Adoleszenz süffig und leicht beschrieben werden und auf den „Kenn ich“-Effekt beim Lesers abzielen. Herr Wiener macht da keine Ausnahme: die Nöte eines Heranwachsenden beim Versuch, Onaniererfahrung und eine misstrauische Mutter zu vereinen, beschreibt er sehr anschaulich und mit hübschen Detailanekdoten. So geht das Buch die ersten 100 Seiten mit Verstecken für Pornohefte, ersten Mädchenkontakten, Schulerlebnissen und Jungsfreundschaften nett und einigermaßen klischeefrei durch harmloses Gelände. Dann aber bekommt die ohnehin nicht gerade tänzerische Geschichte einen Klumpfuss und will nicht mehr recht vom Fleck. Karlo, der Ich-Erzähler verheddert sich in Frömmigkeit und christlichen Jugendgruppen, denen er schließlich entsagt, um unter der Anleitung eines dominanten Freundes an politischer und intellektueller Radikalität zu schnuppern, die aber immer nur eine pubertäre und wenig fundierte Attitüde ist. Dabei bleibt das Bild des Protagonisten fahrig und oberflächlich, wie alle Figuren in der Geschichte seltsam steif animiert wirken. Die Stimmung verschlechtert sich jedenfalls gleichzeitig bei Held und Leser im Zuge einer Aufreihung belangloser Ereignisse. Am Ende der Geschichte macht Karlo sich von den dunkeln Einflüsterungen der vermeintlichen Freunde frei, was aber den unguten Knoten seiner Verwirrung nicht löst, sondern offenbar eine Art psychosomatischer Störung hervorruft. Gewiss ist das aber nicht, denn mit dem vagen Gefühl, dass irgendetwas nicht in Ordnung ist, endet das Buch. Der Leser ist mäßig betroffen. Irgendwie stimmt bei der Geschichte die Taktung nicht, fast über die Hälfte kreist sie launig um trickreiche Selbstbefriedigung, mäandert dann vage an ein Gesellschaftsbild der BRD heran, um schließlich doch die Frage der richtigen Freundschaft und der sozialen Einordnung hinterrücks zum Hauptthema zu machen. Nicht ganz rund. „Die schönsten Mädchen der Welt“ von Max Wiener ist im Rotbuch Verlag erschienen und kostet 19,90 Euro.

  • teilen
  • schließen