Buchnotiz. "Goodbye Lemon" - blöder Titel, gute Geschichte

In dieser Kolumne schreiben wir über die Bücher, die gerade auf unseren Nachttischen liegen.
max-scharnigg
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Illustration: Julia Schubert

Vielleicht kommt es mir nur so vor, aber schöne Bücher haben oft auch ein schönes Cover. Gegen diese Regel lohnt es sich bei diesem Roman, den faden Titel und beliebigen Einband zu überwinden und trotzdem zu lesen, was Adam Davies hier aufschreibt. Von diesem Davies, 37 Jahre alter Autor aus Kentucky mittlerweile New York, gab es schon einen übersetzten Roman namens „Froschkönig“ – Titel sind also nicht seine Stärke. Dafür schreibt er in einer großartig einfachen und geraden Sprache. Spielend macht er an manchen Stellen einen Schnörkel, über den man sehr lachen muss, um zwei Seiten später mit einem anderen kleinen Schnörkel die absolute Traurigkeit in vier Worte zu fassen. Die Geschichte in seinem zweiten Roman, ist eine Geschichte vom Nach-Hause-Fahren, deswegen passt sie gut ins Weihnachtsgepäck. Der sympathische Ich-Erzähler Jack ist Ende Zwanzig und hat es trotz aussichtsreicher Anlagen weder zum Star-Pianisten noch zum Professor geschafft, als er etwas Ungeheuerliches macht: Er fährt nach Hause, zu seinen Eltern. Die er eigentlich nie wieder sehen wollte. Grund für diesen Schwur war der gleiche, wie es der für die Rückkehr ist: der Vater. Dessen Eiseskälte hatte Jack einst zur Flucht aus einem sterilen Zuhause gezwungen, in dem der Vater jetzt nach einem Schlaganfall schwerstgelähmt sitzt – und seine Macht eingebüsst hat. Als wäre das nicht schon genug unwirtliche Atmosphäre, hängt über allem auch noch der damalige Tod des kleinen Bruders. Zugegeben: Diese Ausgangssituation klingt nach ZDF-Fernsehfilm. Aber Davies schafft es, alles so klischeefrei und feinlässig runter zu erzählen, dass man sich kein einziges Mal billig befangen oder verklebt fühlt. Man hat phänomenalerweise kein einziges Mal das Gefühl, hier werde ein "schweres" Thema behandelt. Ohne Weichzeichner lässt der Autor den zurückgekehrten Jack im Elternhaus scheitern. Die ganze hoffnungsvolle Mission dort irgendwie ins Reine zu kommen, geht fürchterlich schief. Zunächst. Weil die Vergangenheit ihre Kerben eben doch tief und gründlich geschlagen hat. Es dauert lange, bis die Wende kommt, sie kommt anders als erwartet und irgendwie ehrlicher, ruhiger, schöner als jedes Film-Happy-End. Gute Unterhaltung für einen ruhigen Nachmittag zwischen den Jahren. "Goodbye Lemon" von Adam Davies, 344 Seiten, ist im Diogenes Verlag erschienen und kostet 21,90 Euro

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