Meine Stadt, meine Wohnung, mein Leben – ein Traum!

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Ob es uns zuhause nun zu doof ist oder nicht – nach der Schule hauen wir meistens einfach ab. Wir wollen vom Dorf in die Stadt oder umgekehrt, Hauptsache Veränderung. Allerdings ist unsere Auswahl an neuen Lebensräumen und -möglichkeiten begrenzt. Dazu kommt, dass die Orte, die wir anpeilen, von anderen gebaut wurden und wir dort immer wieder Kompromisse eingehen werden müssen. Was aber, wenn alles anders wäre? Wenn wir vom Traumhaus, von der Traumstadt und von der Traumumgebung nicht nur träumen, sondern all das selbst entwerfen und verwirklichen dürften?

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Illustration: Julia Schubert

Christiane Dellbrügge und Ralf de Moll haben sich so ihre Gedanken darüber gemacht und entschieden, in der Marcel-Breuer-Schule und im Oberstufenzentrum Bautechnik in Berlin Castings stattfinden lassen, um insgesamt 40 Schülerinnen und Schüler mit spannenden Visionen vom perfekten Leben herauszufiltern und auf Video aufzunehmen. Sie sollten bei ihren Überlegungen ruhig auch mal was riskieren und von Fakten zu Fiktion übergehen, so das Ziel von Dellbrügge und de Moll. Im Oberstufenzentrum sind die jungen Frauen und Männer seit dem Frühjahr abwechselnd auf fünf hochkant montierten Monitoren zu sehen und zu hören. Die gegenüberliegende Wand zeigt ein riesiges Tafelbild, das die wichtigsten Aussagen der Teilnehmer und damit die Grundlage für das ganze Projekt weiß auf grün darstellt. Jetzt kann man die 40 Porträts, mit Texten und Fotos, auch im tollen Büchlein „Wer einen Stuhl bauen kann, kann auch eine Stadt bauen“ nachschlagen. Anna Belinda zum Beispiel fängt in ihrer Vorstellung von der Superstadt gleich mit der Form dieser an: „Im Großen und Ganzen ist meine Stadt rund, weil das eine schöne geschlossene Form ist. Es gibt einen Stadtkern, der ist auch rund. Das ist ein großer Marktplatz, und von da aus gehen ein paar Straßen ab, wo Wohnblöcke sind, aber alles relativ überschaubar. Man kennt seine Nachbarn.“ Luise wünscht sich bei ihrer Stadtplanung vor allem eine optimale Größe und schnelle Verbindungen zum nächsten Ort: „Meine Stadt darf auf keinen Fall zu groß sein. Es ist kein Dorf und es ist auch keine Kleinstadt. Es ist ein kleines Stückchen größer, als eine Kleinstadt. Und diese Kleinstadt – oder diese etwas größere Kleinstadt – ist mit ganz vielen anderen Kleinstädten verbunden, so dass man mit dem Fahrrad in circa anderthalb Stunden, zwei Stunden, von Stadt zu Stadt fahren kann.“ Wenn es ums eigene Heim geht, würde Martin gerne möglichst frei sein und am liebsten ständig umziehen können: „Ich werde ein mobiles Haus errichten, das man einpacken kann und auspacken kann. Irgendwo aufbauen und wieder einpacken. Egal wann, egal wo. Mein mobiles Haus ist genau so, wie ein ganz normales Haus, wie es sich jeder vorstellt: Ziegel, Klinker, Dachziegel, Warmwasserleitung, alles dabei, und mit einem Knopfdruck kann man das ganze Ding zusammenpacken, auf den Sattelschlepper, raus und los.“ Immer schnell weiterziehen zu können, ist Maximilian auch wichtig, nur ist er etwas genügsamer als Martin: „Ich finde es geil, in einem Wohnmobil zu wohnen. Hat was. Aber da gibt es dann auch die Gefahr, dass einer auf der Straße reingucken könnte, und das ist so eine Sache, die mir nicht gefällt. Deswegen wäre ich für einen Wohnwagen mit zwei Ebenen, wo man oben schlafen könnte und unten kochen oder fernsehen, irgendwie so was.“ Mustafa, der seine Stadt „International City“ nennen würde, hat schon ein paar Schritte weitergedacht und den eigenen Nachwuchs direkt mit in seine Pläne eingebaut: „Meine Wohnung sollte sieben, acht, neun Stockwerke haben, die übereinander gebaut sind, damit, wenn ich später heirate, jedes Kind ein Einzelzimmer bekommt, und sie glücklich sind, wenn Freunde kommen und so, damit sie gleich in deren Zimmer gehen und mich und andere nicht stören.“ Den richtigen Mix aus Metropole und Naturschönheit – auch in der eigenen Bude -, hat Maria vor Augen: „Ich möchte gern meinen Wohnraum mitten in der Stadt haben. Ich möchte den ganzen Trubel drum herum mitbekommen und dennoch in meiner Wohnung, die quasi grenzenlos ist, die Natur integrieren. Ich möchte Wasserfälle aus den Wänden und Bäume, die quer durch den Raum wachsen, und wenn ich rausgehe, mir den Qualm von Autos um die Nase wehen lassen und die Leute reden hören.“ „Wer einen Stuhl bauen kann, kann auch eine Stadt bauen“ wirkt gedruckt wie ein unkonventionelles Poesiealbum einer Schülergeneration, die gedanklich zwischen Realität und heutiger Utopie, zwischen jetzt und möglicherweise irgendwann Machbarem hin und her hüpft. Dass bei der Transkription der Videobotschaften kaum Abstriche gemacht wurden, macht die Texte umso interessanter und lässt einen beim Lesen der lückenlosen Visionen hier mal grinsen, da mal nachdenken. Die ganzseitigen Fotos der Schülerinnen und Schüler runden ein großartiges Projekt ab. So verspielt, einfach und schön kann Kunst sein.

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Illustration: Julia Schubert

„Wer einen Stuhl bauen kann, kann auch eine Stadt bauen“ von Dellbrügge & de Moll kann man auf www.workworkwork.de bestellen. 96 Seiten, 46 Farbbilder, 15 Euro

Text: erik-brandt-hoege - Bilder: © Dellbrügge & de Moll, VG Bildkunst

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