„Heute hat sich Deutschland ganz weit nach vorne katapultiert“

Der Bundestag erleichtert den Zugang zu medizinischem Gras - und der Chef des Hanfverbands blickt für uns ein paar Jahre in die Zukunft.
Interview von Christina Waechter
Foto: afp

Ziemlich genau um 13 Uhr war es soweit: Ohne Gegenstimmen oder Enthaltungen entschied der Bundestag, Cannabis für Schwerkranke freizugeben. Was bislang nur mit sehr komplizierten Sondergenehmigungen vonstatten ging, soll nun einfach werden: Patienten mit schwerwiegenden Erkrankungen dürfen sich von ihrem Arzt Cannabis als Medikament verschreiben lassen, wenn der dadurch eine positive Wirkung auf den Krankheitsverlauf oder die Symptome erwartet. Und die Krankenkassen müssen die Therapie erstatten. Auch der Anbau von Cannabis zu medizinischen Zwecken soll staatlich geregelt werden. Das Gesetz soll voraussichtlich im März in Kraft treten.

Georg Wurth vom Deutschen Hanfverband freut sich über dieses neue Gesetz, auch wenn er ein paar Kritikpunkte anzubringen hat:

jetzt: Herr Wurth, war das heute eine wegweisende Entscheidung?

Georg Wurth: Wir feiern dieses neue Gesetz, das ist eine große Sache für uns, nach 14 Jahren Kampf ist es endlich soweit. Heute hat sich Deutschland ganz weit nach vorne katapultiert durch die Kombination eines relativ einfachen Zugangs, einer relativ großen Bandbreite an Anwendungsgebieten und der Erstattung durch die Krankenkassen. Insofern haben wir hier gerade gute Laune, wenn wir auch im Detail schon einige Kritik üben.

Was kritisieren Sie an dem neuen Gesetz?

Ganz besonders geht es da um das Verbot von Eigenanbau für Patienten mit einer Ausnahmegenehmigung. Denn aus anderen Ländern kennen wir keine einzige Studie oder einen Bericht, der besagt, dass das negative Folgen haben könnte.

Was sind die Vorteile von Eigenanbau, wenn es doch eh eine Kostenerstattung der Kassen gibt? Und die Regierung sagt doch, durch die staatlich kontrollierte Abgabe könne man die Qualität sicherstellen.

Zum einen können die Leute auch im Eigenanbau durchaus die Qualität selbst sichern, uns sind jedenfalls keinerlei Negativbeispiele aus anderen Ländern bekannt. Zum anderen haben die Patienten dadurch eine größere Sortenvielfalt zur Verfügung. Es gibt 3 000 verschiedene Hanf-Sorten, die ganz unterschiedliche Wirkungen und Nebenwirkungen haben. Und viele Patienten wissen ganz genau, welche Sorte ihnen am besten hilft. In der Apotheke haben sie nur eine beschränkte Auswahl. Zudem sagen uns viele Leute auch, dass sie sich gerne um die Pflanzen kümmern und das alleine schon einen gewissen therapeutischen Effekt hat.  Und wäre es nicht gut, wenn die Krankenkassen solche Leute nicht bezahlen müssten?

Was bemängeln Sie außerdem?

Unser zweiter Kritikpunkt ist die Schwammigkeit des Begriffs „schwerwiegende Erkrankungen“. Was das genau bedeuten soll, ist völlig unklar. Die Politiker reden im Zusammenhang mit Cannabis als Medizin meist nur von todkranken Menschen, von Palliativ-Patienten. Aber es gibt auch ADHS-Patienten oder Menschen mit Depressionen, die jetzt schon eine Ausnahmegenehmigung haben. Auch für diese Menschen ist Cannabis als wirksames Medikament anerkannt – aber wie viele von denen weiterhin eine Genehmigung bekommen werden, ist noch total unklar. Aber abgesehen davon ist das eine ganz große Sache, das will ich gar nicht kleinreden.

Mit der Legalisierung von Cannabis als Medizin hat es doch auch in anderen Ländern begonnen, die dann später Cannabis komplett freigegeben haben. Wird es dazu in Deutschland auch kommen?

Ich gehe mittelfristig davon aus, dass auch bei uns Cannabis als Genussmittel legalisiert werden wird. Aber erst mal verändert sich jetzt die Einstellung der Menschen gegenüber Cannabis als Medizin. Die Leute merken, dass das eine relativ wirksames und nebenwirkungsarmes Medikament sein kann. Heute wurde wirklich ein ganz großer Knoten zerschlagen.

Was bedeutet diese Entscheidung für den Alltag? Machen jetzt, wie in Kalifornien, auch reihenweise Praxen auf, wo einem im Schnelldurchlauf ohne Untersuchung für Rückenschmerzen Cannabis verschrieben wird?

Das glaube ich nicht. In den USA läuft es einfach ein bisschen anders, die Amerikaner ticken allgemein kommerzieller. Da kann mit Geld fast alles gekauft werden – scheinbar auch Ärzte. Ich glaube, der typische deutsche Landarzt wird sich schwertun, jetzt auf einmal massenhaft Gras zu verschreiben. Und auch in Sachen Verteilung läuft es bei uns ganz anders als in Amerika. Hier wird Cannabis über Apotheken vertrieben. Es mag schon sein, dass der ein oder andere Genusskonsument sich da jetzt ein Hintertürchen sucht. Aber erst einmal geht es um Patienten. Das Gesetz ist für Kranke gemacht, für ungefähr 100 000 Patienten in Deutschland. Das Potential ist noch viel größer. US-Beispiele mit seriösen Regelungen (nicht Kalifornien) zeigen, dass ein Prozent der Bevölkerung von medizinischem Cannabis profitieren kann. Das wären langfristig 800.000 Menschen in Deutschland. Wann wir auf dem Weg dahin die Grenze von 100.000 überschreiten werden, mag ich nicht vorhersagen.

Hat sich die Haltung der deutschen Regierung zu Cannabis in den vergangenen Jahren stark verändert?

Sehr, und zwar dank drei wichtiger Komponenten. Zum einen ist da die öffentliche Meinung, die hat sich seit einigen Jahren extrem für Cannabis als Medizin gewandelt. Und das hat die Politik verstanden. Die kennen ja die Fallbeispiele von Schwerkranken, denen eine wirksame und nebenwirkungsarme Therapie versagt wird. Das wiederum wurde über die Medien transportiert und hatte gewisse Auswirkungen. Dann gab es auch Kampagnen von uns und unserem Partnererverband „Cannabis als Medizin". Auch das hat gewirkt. Die dritte wichtige Komponente aber sind die Gerichte. Die fällen seit 14 Jahren Urteile, die Patienten Ausnahmegenehmigungen erteilen. Und damit auch den Eigenanbau. Inzwischen war die rechtliche Lage so weit, dass die Regierung sich darauf einstellen musste, massenhafte Anbau-Erlaubnisse zu erteilen. Und um das zu verhindern, waren sie geradezu gezwungen, das Gesetz zu verabschieden.

Wird sich das neue Gesetz auch auf die Preise auswirken?

Die Preise sinken schon jetzt langsam, momentan kostet ein Gramm zwischen zwölf und 20 Euro, je nach Lage der Apotheke. Aber die Preise werden weiter sinken und das Angebot wird steigen. Da werden sich ganz einfach die Gesetze des Wettbewerbs durchsetzen.

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